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17.06.2022

16:17

Nachhaltige Baustoffe

Das sind die Vorteile der ökologischen Alternativen für Beton

Von: Erika Neufeld, Carsten Herz

Der klassische Baustoff gilt als Klimakiller. Welche neuen Varianten gibt es, und wo liegen ihre Stärken und Schwächen? Drei Ideen für die Zukunft.

Arbeiter leeren auf einer Baustelle eines Neubaus einen Behälter für Beton. Der Baustoff ist beliebt – gilt aber als klimaschädlich. dpa

Baustelle und Bauarbeiter

Arbeiter leeren auf einer Baustelle eines Neubaus einen Behälter für Beton. Der Baustoff ist beliebt – gilt aber als klimaschädlich.

Frankfurt Er steckt in fast jedem Haus – doch er gilt als Klimakiller: der klassische Baustoff Beton. Der Grund dafür: Beim Herstellen von einer Tonne Zement, der ein wichtiger Inhaltsstoff für Beton ist, werden rund 700 Kilogramm Kohlendioxid in die Luft abgegeben.

Allein die Zementindustrie trägt rund sieben Prozent zu dem weltweiten CO2-Ausstoß bei. „Wir können Häuser nicht mehr bauen, wie wir sie in den vergangenen Jahren gebaut haben“, betonte jüngst der Bauingenieur und Architekt Werner Sobek, der zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen zählt.

Doch das Ringen um eine klimaneutralere Zukunft am Häuser- und Wohnungsmarkt ist zäh und komplex. Denn einfach lässt sich der Baustoff, der stabil, bezahlbar und langlebig ist, nicht ersetzen.

Längst arbeiten allerdings Forscher, Entwickler und Baufirmen an weniger klimaschädlichen Varianten des Rohstoffs, um dessen CO2-Fußabdruck zu verringern. Welche neuartigen Baustoffe gibt es also, und wo liegen ihre Stärken und Schwächen?

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    Im Folgenden mehrere Ideen, wie der Klassiker eine klimafreundlichere Zukunft haben könnte.

    1. Hanfbeton

    Der Einsatz von Hanf als Baustoff hat eine lange Tradition. In Großbritannien, Italien und den Niederlanden wird der Stoff schon länger auch als Betonersatz eingesetzt. In Deutschland ist diese Art des Betons dagegen noch wenig verbreitet. Doch erste Firmen aus dem deutschsprachigen Raum setzen darauf, etwa das Bauunternehmen Schönthaler aus Südtirol, das eigenen Hanfbeton herstellt.

    Diese Variante weist eine negative CO2-Bilanz auf und schont Ressourcen. Obwohl er im Namen steckt, befindet sich im Hanfbeton selbst nämlich kein Beton.

    Grafik

    Für die Herstellung werden nur zwei Materialien benötigt: Hanf und Kalk. Diese werden in einem Kaltluftverfahren zu einem Ziegel gepresst. Verbindet sich das Silizium des Hanfs mit dem Magnesit des Kalkes, versteinert das Material.

    Ein Hektar Hanf liefert in fünf Monaten ausreichend Biomasse für ein Einfamilienhaus, schreibt der Südtiroler Hersteller auf seiner Homepage. Die Baukosten sind allerdings noch etwas höher als bei einer konventionellen Bauweise, Experten schätzen den Aufpreis auf zehn bis 15 Prozent.

    2. Karbonbeton

    Anders als im Hanfbeton befindet sich im Karbonbeton tatsächlich Beton. Dennoch gilt auch er als nachhaltige Alternative und Baustoff der Zukunft. „Der Vorteil des Karbonbetons liegt vor allem in der Reduzierung“, erklärt Professor Manfred Curbach von der Technischen Universität Dresden. „Mit Karbonbeton lassen sich rund 50 Prozent des Betons und Sandes sowie bis zu 70 Prozent CO2 einsparen.“

    Der Bauingenieur und Hochschullehrer ist einer der führenden Köpfe in der Entwicklung von Karbonbeton. Seine Prognose: In den nächsten 20 Jahren könnte Stahlbeton durch umweltschonende Baustoffe ersetzt werden.

    Noch ist Karbonbeton in Deutschland aber nicht zugelassen. Ähnlich wie bei Medikamenten sind auch die Zulassungsverfahren für Baustoffe lang und kompliziert. Solange die Zulassung fehlt, braucht jedes einzelne Bauprojekt mit Karbonbeton die Zustimmung des jeweiligen Bundeslandes – das macht den Einsatz für Bauherren sehr mühsam. Bislang konnten über 100 Bauprojekte deutschland- und europaweit realisiert werden.

    3. Geopolymerbeton

    Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP) forschen ebenfalls zu Baustoffen der Zukunft, etwa dem zementfreien Geopolymerbeton, Porenbeton oder den RC-Baustoffen. Viele dieser Baustoffe bestehen ganz oder zumindest überwiegend aus sekundären Rohstoffen. So wird der Sand im Porenbeton größtenteils durch Altbeton ersetzt. Für die Herstellung von RC-Baustoffen oder der Geopolymere werden Aschen, Schlacken oder Stäube verwendet.

    Doch Geopolymere verhalten sich beim Verarbeiten anders als Beton. Beim Rühren oder Schütteln werden sie flüssig. Das Handling für die Bauarbeiter ist deshalb ungewohnt. Auf Dauer kann der Rohstoff Beton nur ersetzen, wenn er eine gleiche Konsistenz aufweist, glauben Experten.

    „Es geht nicht ohne Beton“, lautet das klare Verdikt des Bauingenieurs Sobek. Wer anderes sage, agiere unseriös. „Aber wir müssen ihn besser, gekonnter verwenden.“ Die Branche müsse endlich die Emissionen betrachten, die bei der Herstellung, beim Betrieb und beim Um- und Rückbau der Gebäude entstehen.

    Der Ansatz der Forschenden am Fraunhofer-Institut geht darum über die Erarbeitung neuartiger Baustoffe hinaus: Sie wollen langfristig neue Materialkreisläufe entwickeln. Denn bislang recycelt die deutsche Bauwirtschaft zu wenig: Nur rund 80 Millionen Tonnen Bauschutt werden jährlich fürs Bauen wiederverwendet. Benötigt werden aber rund 600 Millionen Tonnen mineralischer Rohstoffe.

    Die Praxis sieht häufig jedoch noch anders aus. Philipp Bouteiller, Geschäftsführer von Tegel Projekt, einer Gesellschaft des Landes Berlin, die das Areal des ehemaligen Flughafens Tegel entwickelt, gab jüngst auf einem Kongress einen entnervten Einblick in den Alltag. Der Antrag, Recyclingbeton einzusetzen, werde dann „von einem kleinen Beamten im Bezirk“ nicht genehmigt – mit der Begründung, dass eine Zertifizierung fehle.

    Erstpublikation: 05.06.22, 10:12 Uhr.

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