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18.09.2018

19:14

Der Energiekonzern RWE steht wegen der geplanten Rodung des Hambacher Forsts in der Kritik. dpa

Protestcamp im Hambacher Forst bei Jülich

Der Energiekonzern RWE steht wegen der geplanten Rodung des Hambacher Forsts in der Kritik.

Frankfurt Es kommt nicht häufig vor, dass seriöse Banker sich mit Leuten solidarisieren, die auf Bäume klettern und Polizisten hinterhältige Fallen stellen. Doch im Fall des Hambacher Forsts bei Jülich ist dies geschehen – jedenfalls, was das grundlegende Anliegen der Protestbewegung angeht, die die Rodung des Waldes verhindern will. Er soll einem Braunkohlentagebau des RWE-Konzerns weichen.

„Angesichts der zugespitzten Situation im Hambacher Forst erwarten wir von RWE Besonnenheit und Weitsicht. Insofern sollte RWE die Rodungsarbeiten bis zum Abschlussergebnis der derzeit tagenden Kohlekommission aussetzen“, sagt Winfried Mathes, Corporate-Governance-Experte bei Deka Investment.

Corporate Governance beschäftigt sich mit guter Unternehmensführung. Die Deka gehört den Sparkassen und ist damit einer der einflussreichsten Vermögensverwalter Deutschlands.

Das Beispiel zeigt einmal mehr: Investoren können ihrer Verantwortung für Bereiche außerhalb der Kapitalrendite nicht mehr ausweichen. Die gute Nachricht dabei: Häufig passt eine hohe Rendite mit Umweltschutz, sozialer Verantwortung und guter Unternehmensführung, abgekürzt ESG (Environment, Social, Governance), sehr gut zusammen.

Frédéric Samama, führender Experte auf dem Gebiet bei der Fondsgesellschaft Amundi, sieht zum Beispiel gute Chancen, durch den Austausch von Konzernen mit hoher Umweltbelastung gegen besser aufgestellte Konkurrenten für die Investoren eine Überrendite zu erzielen. Amundi hat sich ganz dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben.

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Der Co-Chef des Fondshauses Amundi glaubt, dass nachhaltiges Investment bald zum Normalfall wird. Schon jetzt dächten viele Anleger ökologisch um.

Der Anstoß kam im Jahr 2011 durch einen entsprechenden Auftrag des staatlichen schwedischen Pensionsfonds AP4. Danach hat die Fondsgesellschaft einen ersten Standardindex entwickelt, der Klimarisiken berücksichtigt, und ihn französischen Pensionsfonds angeboten.

Samama glaubt, dass sich weltweit das Volumen der nachhaltigen Investments in zwei Jahren verdoppeln wird und dass es in zehn Jahren mehr als die Hälfte aller Geldanlagen ausmacht. Samama steht mit seiner optimistischen Einschätzung nicht allein.

Nachhaltige Investments drängen in den Mainstream

Nachdem jede Art des als „gut“, „grün“ oder „nachhaltig“ bezeichneten Investments jahrzehntelang eher eine Sonderrolle gespielt hat, drängt es sich jetzt in den „Mainstream“, ins ganz normale Alltagsgeschäft, wie zum Beispiel eine Studie von JP Morgan feststellt. Es geht immer mehr darum, nicht nur besondere Produkte zu entwickeln, sondern die entsprechenden Kriterien auch breit in den Investmentprozess zu integrieren.

Auch die Amerikaner sehen dabei keinen Konflikt mit Renditezielen. JP Morgan schreibt: „Nach unseren Erkenntnissen haben ESG-Investments keine niedrigeren Renditen mehr als andere, weil sozial verantwortliche Unternehmen mit hoher Wahrscheinlichkeit insgesamt besser geführt werden.“

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Sie sind noch ein Nischenprodukt, doch der Markt für ökologisch und sozial verträgliche Fonds wächst rasant. Die Anlagekriterien sind häufig allerdings nur schwer zu durschauen. Was Anleger wissen müssen: ein Überblick.

Die Experten schätzen, dass weltweit bei rund 23 Billionen Dollar an verwaltetem Vermögen in irgendeiner Form ESG-Kriterien beachtet, aber nur bei 2,5 Billionen systematisch in den Anlageprozess integriert werden, während ausgesprochene ESG-Fonds auf 108,3 Milliarden Dollar kommen.

Der Fondsriese Blackrock stimmt zu: „Unsere Zuversicht, dass ESG eine Quelle von Alpha werden kann, wächst, aber es ist noch eine Menge zu tun.“ Unter „Alpha“ versteht die Branche den Mehrertrag, den gezielte Anlagen im Vergleich zum breiten Markt erreichen sollen.

Blackrock mahnt, die Kriterien und die Berichterstattung dazu noch stärker zu vereinheitlichen und konsistenter zu machen. „Eine Herausforderung ist, aus der Masse an Daten verlässliche Signale herauszufiltern“, heißt es in einer Studie der Fondsgesellschaft.

Im ESG-Score der Fondsgesellschaft der Genossenschaftsbanken, Union Investment, zeigt sich ebenfalls eine deutlich höhere Rendite bei den Top-Firmen. Fondsmanager Ingo Speich sagt: „Die zehn Prozent besten Aktien in Sachen Nachhaltigkeit haben in den letzten zehn Jahren 11,5 Prozent zugelegt, die zehn Prozent der schlechtesten nur um 2,1 Prozent.“

Neue Sünden

Ein Zeichen setzt auch, dass die US-Firma Institutional Shareholder Services (ISS) vor einigen Monaten die deutsche Ratingagentur Oekom-Research übernommen hat, die sich auf die Bewertung von Firmen nach Nachhaltigkeitskriterien spezialisiert hat. ISS berät Investoren, darunter auch einflussreiche Pensionsfonds, bei der Stimmabgabe auf Hauptversammlungen und hat dadurch erheblichen Einfluss.

Die Ratingagentur übernimmt umgekehrt von ISS deren Daten über die Qualität der Unternehmensführung und integriert sie in die eigenen Auswertungen. Insgesamt wertet ISS-Oekom jetzt rund 900 Kennzahlen aus. Das Thema ESG breitet sich aber nicht nur aus, sondern es verändert sich auch.

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So langsam wird Anlegern klar: Das Thema Nachhaltigkeit wird unser Leben auf Dauer bestimmen. Besonders institutionelle Investoren müssen umdenken.

Anfänglich spielte vor allem das Vermeiden von „sündhaften“ Geschäften eine Rolle, wie JP Morgan schreibt. Dieser Ansatz spielt immer noch eine Rolle, wie der jüngste Trend von Großinvestoren zeigt, sich von Aktien im Energiesektor zu trennen, wenn die Firmen noch wesentlich im Bereich fossiler Brennstoffe engagiert sind.

Dabei wird auch deutlich, wie sehr sich die Einschätzung von „Sündhaftigkeit“ ändert: Anfangs ging es um Themen wie Alkohol, Tabak und Waffen, aber nicht um die traditionelle Energieversorgung. Inzwischen sind Kennzahlensysteme entwickelt worden, um Unternehmen nach den jeweiligen Kriterien einzustufen, schreibt JP Morgan.

Im Mittelpunkt stehen graduelle Beurteilungen der Unternehmen statt eines simplen Rauswurfs aus dem Depot. Die Kennzahlensysteme werden zum Teil auch von Indexanbietern bereitgestellt, allein MSCI hat mehr als 900 Varianten im Programm.

Seit Längerem spielt der „Best-in-class“-Ansatz eine wichtige Rolle, bei dem Unternehmen einzelner Branchen verglichen werden. Wer am besten abschneidet, bekommt im Zweifel mehr Geld. Die Experten von JP Morgan haben aber noch weitere Verschiebungen registriert.

Finanzbranche im Wandel

So heißt es etwa: „Der Umweltbereich hat bisher die größte Aufmerksamkeit bekommen, aber der Fokus richtet sich nun stärker auch auf soziale Gesichtspunkte und gute Unternehmensführung, vor allem auf die Balance der Geschlechter.“ Zugleich sehen die Analysten der US-Bank aber auch deutliche Fortschritte dabei, den Ausstoß von Kohlendioxid zu verringern und Wasser besser zu nutzen.

Sie loben, dass die EU einen Aktionsplan zur Unterstützung nachhaltigen Investments beschlossen hat. In den USA gibt es dagegen eher von lokalen Behörden oder von einzelnen Bundesstaaten Unterstützung für ESG-Ziele. In Deutschland müssen Unternehmen seit Neuestem über sogenannte CSR-Ziele berichten; die Abkürzung steht für Corporate Social Responsibility und meint ungefähr dasselbe wie ESG.

Kommentar: Grüne Investments sind kein Ersatz für echte Öko-Maßnahmen

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Nachhaltige Investments sind gut, aber kein Ersatz für wirkliche Veränderungen. Sie beruhigen das Gewissen, statt die Umwelt zu schützen.

Die Opposition der Deka gegenüber RWE in Sachen Hambacher Forst zeigt, dass sich in der Finanzbranche tatsächlich etwas ändert. Die Umweltorganisation Urgewald will aber noch mehr. Ihre Expertin Kathrin Petz fordert: „Sollte RWE nicht einlenken, muss Deka Investment sich von seinen RWE-Aktien trennen.“

Das geht der Deka dann aber doch zu weit. Der Fondsanbieter verweist auf seinen Ansatz, als Investor auf die Führung von Unternehmen einzuwirken, und bezeichnet dies als „konstruktiv-kritisches Engagement“. „Aus einem Unternehmen komplett auszusteigen bedeutet dagegen, diesen Einfluss aufzugeben“, erklärt ihr Geschäftsführer Michael Schmidt.

Urgewald will nun die Klienten der knapp 400 Sparkassen, denen die Deka gehört, direkt ansprechen. Die Kunden sollen auf ihre Sparkasse Druck machen und die dann wiederum auf die Fondsgesellschaft einwirken – mit dem Ziel, dass die Investmentmanager Ausschlusskriterien und Mindeststandards für heikle Branchen wie Rüstung und Kohle einführen.

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