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20.06.2022

15:23

Nachhaltiges Investieren

Anleger ziehen Geld aus nachhaltigen Fonds ab

Von: Ingo Narat

In nur drei Monaten verkauften Investoren für 18 Milliarden Euro nachhaltige Fonds. Grund für die Trendumkehr sind Greenwashing-Vorwürfe, Mindererträge und die schlechte Börsenlage.

Fonds mit Berücksichtigung von Umwelt- und Sozialaspekten wie auch Unternehmensführung hatten im vergangenen Jahr rund 482 Milliarden Euro netto eingesammelt. dpa

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Fonds mit Berücksichtigung von Umwelt- und Sozialaspekten wie auch Unternehmensführung hatten im vergangenen Jahr rund 482 Milliarden Euro netto eingesammelt.

Frankfurt Die lange boomenden Fonds für nachhaltige Investments bekommen einen Dämpfer. Auf dem europäischen Fondsmarkt zogen Anleger in den Monaten Februar bis April zum ersten Mal Geld aus diesen Produkten ab. Auf Basis von Morningstar-Daten kommt die Onlineplattform Envestor.de auf rund 18 Milliarden Euro.

„Vermutlich spielen die Greenwashing-Nachrichten, die schlechteren Anlageerträge und natürlich die allgemein negative Börsenlage eine Rolle“, sagt Envestor-Fondsexperte Ali Masarwah. Mit den Verkäufen ist ein Trend gekippt, denn im vergangenen Kalenderjahr hatten diese sogenannten ESG-Produkte mit Berücksichtigung von Umwelt- und Sozialaspekten wie auch Aspekten einer nachhaltigen Unternehmensführung noch rund 482 Milliarden Euro netto eingesammelt.

Nachhaltige Fonds: Artikel 8-Angebote stark betroffen

Die Statistik beruht auf der seit März vergangenen Jahres gültigen EU-Offenlegungsverordnung. Danach müssen alle Produkteanbieter ihre Fonds in drei Gruppen einteilen, jene ohne besonderen Nachhaltigkeitsanspruch, jene mit entsprechendem Ansatz und jene mit besonderem Anspruch auf diesem Feld. Die hier wichtigen letzten beiden Gruppen werden als Fonds nach Artikel 8 und solche nach Artikel 9 ausgewiesen – im Finanzjargon ist gern von „hellgrünen“ und „dunkelgrünen“ Angeboten die Rede.

Betroffen waren in den Monaten Februar bis April vor allem die Artikel-8-Angebote mit Abflüssen von rund 33 Milliarden Euro. Bei den Artikel-9-Produkten gingen die Investments zwar zurück, blieben mit rund fünf Milliarden Euro aber positiv.

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    Fondsexperte sieht DWS-Skandal als Grund für Verkäufe

    Die Bewegungen relativieren sich allerdings vor dem Hintergrund der Kapitalbestände: Die als nachhaltig deklarierten Produkte kommen auf rund 4,5 Billionen Euro, die darin enthaltenen ambitionierteren Angebote nach Artikel 9 auf 0,7 Billionen Euro, alle weiteren Fonds auf 7,1 Billionen Euro.

    Experte Masarwah sieht als möglichen Grund für das veränderte ESG-Interesse die schlechten Nachrichten insbesondere rund um die DWS mit den Vorwürfen eines übertrieben dargestellten Nachhaltigkeitsansatzes, was der Anbieter allerdings bestreitet.

    >> Lesen Sie dazu auch: Diese Skandale belasten die DWS

    „Es wäre plausibel anzunehmen, dass Anleger in diesem Stimmungsumfeld von den weniger ambitionierten ESG-Fonds in die ehrgeizigeren wechseln“, so Masarwah. Der Experte sieht aber keinen generellen und langfristigen Stimmungswechsel, sondern eher eine Normalisierung nach den sehr starken Zuflüssen in ESG-Produkte im vergangenen Jahr. Er bezeichnet das als „Atempause nach einer Übertreibung“. Zum Ausblick sagt er: „Die allgemeine Börsenlage und die Frage, ob die Notenbanken die Inflation eindämmen können, ohne die Wirtschaft abstürzen zu lassen, werden erst einmal alle anderen Themen überstrahlen.“

    Nachhaltige Fonds: Schlechtere Erträge belasten

    Ein weiterer Grund für die jüngsten Geldabzüge könnten auch die schlechteren Anlageergebnisse nach der Börsenwende etwa seit dem Jahreswechsel sein. Das zeigen bereits die wichtigen Markt-Messlatten und darauf basierende ETFs, die börsengehandelten Indexfonds.

    In den vergangenen Jahren hatte etwa der Blackrock-ETF auf den MSCI-Weltaktienindex mit Socially-Responsible-Investment(SRI)-Ausrichtung und damit ambitionierter Nachhaltigkeit immer einige Prozentpunkte mehr Ertrag geschafft als der konventionelle Index.

    Nachhaltigkeitsfonds verliert mehr als konventioneller Index

    Anders im laufenden Jahr bis April: Der SRI-ETF verlor elf Prozent, der konventionelle Index nur acht Prozent. Dafür gibt es viele Gründe: Im Gegensatz zur Vergangenheit kriseln viele als nachhaltig geltende Wachstumsunternehmen, während die lange als Klimasünder vernachlässigten Rohstoffe dank immer höherer Preise gefragt sind.

    Das gleiche Bild zeigen die aktiv verwalteten Fonds. Die international investierenden und als nachhaltig angebotenen Aktienprodukte haben in den ersten fünf Monaten dieses Jahres laut Scope Analysis im Schnitt fast zwölf Prozent Verlust gemacht. Alle Strategien ohne besondere ESG-Ausflaggung kamen dagegen mit knapp acht Prozent Einbuße davon.

    Erstpublikation: 19.06.22, 09:55 Uhr.

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