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14.07.2021

14:49

Neue Digitalwährung

EZB startet Großprojekt: Der digitale Euro soll kommen

Von: Jan Mallien, Teresa Stiens, Frank Wiebe

PremiumDie EZB treibt die Entwicklung des digitalen Euros voran. In den nächsten zwei Jahren will sie klären, wie er ausgestaltet werden könnte.

Eine Pilotphase für den digitalen Euro könnte schon bald starten. dpa

Euro-Skulptur

Eine Pilotphase für den digitalen Euro könnte schon bald starten.

Frankfurt, Berlin Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat sich an diesem Mittwoch auf Eckpunkte für einen digitalen Euro geeinigt. Zunächst ist eine zweijährige Untersuchungsphase vorgesehen, um die Eigenschaften des digitalen Euros festzulegen. Danach muss der EZB-Rat noch mal grünes Licht geben und die endgültige Umsetzung beschließen, die nochmals einige Jahre dauern kann.

Die EZB will mit ihrem künftigen digitalen Euro den Bürgern ein zusätzliches Angebot machen, problemlos und kostengünstig zu bezahlen. „Das soll kein Ersatz für Bargeld werden, sondern eine Ergänzung dazu“, betonte EZB-Direktor Fabio Panetta bei der Vorstellung des Projekts.

Technisch und vom Konzept her lässt sich die Notenbank weitgehend alle Möglichkeiten offen. EZB-Chefin Christine Lagarde erklärte: „Mit unserer Arbeit wollen wir sicherstellen, dass Bürger und Unternehmen auch im digitalen Zeitalter Zugang zur sichersten Form des Geldes, dem Zentralbankgeld, haben.“

Als wichtige Ziele nennt die EZB, die Privatsphäre zu schützen und Risiken für die Bürger, die Finanzbranche und die gesamte Wirtschaft zu vermeiden. Außerdem gelte es, innerhalb des „digitalen Ökosystems“ ein Geschäftsmodell für die „überwachten Intermediäre“, also Banken und andere Zahlungsdienstleister, zu definieren.

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    Die EZB hatte vor neun Monaten ihren Bericht zum digitalen Euro vorgestellt. Seither hat die Notenbank weitere Analysen vorgenommen, Beiträge von Bürgern und Fachleuten eingeholt und einige Experimente durchgeführt. Diese haben sich nach Angabe der Notenbanken mit einer Euro-Blockchain, dem Schutz der Privatsphäre und möglichen Begrenzungen der Zirkulation des digitalen Euros sowie mit dem Zugang für die Nutzer ohne Internetanschluss oder ohne geeignete Geräte beschäftigt.

    Im Folgenden geben wir Ihnen einen Überblick über die sieben wichtigsten Fragen und Antworten zum digitalen Euro.

    1. Wie könnte ein digitaler Euro aussehen?

    Im Prinzip sind zwei Varianten möglich. Die eine ist ein digitaler Euro für Endnutzer, mit dem die Bürger zum Beispiel in Läden bezahlen können. Sie hätten dann eine elektronische Geldbörse (Wallet) auf dem Smartphone, mit der sie zum Beispiel an der Supermarktkasse zahlen.

    Der digitale Euro der EZB soll sich wahrscheinlich stark an den Eigenschaften von Bargeld orientieren. dpa

    EZB-Präsidentin Lagarde unterschreibt Euro-Banknoten

    Der digitale Euro der EZB soll sich wahrscheinlich stark an den Eigenschaften von Bargeld orientieren.

    Die andere Variante ist eine sogenannte Wholesale-Lösung, wo es um Anwendungen für spezielle Akteure wie die Finanzwirtschaft oder Industrie geht. Bislang deutet sich an, dass die EZB den digitalen Euro zunächst für Endnutzer umsetzen will. Er würde wahrscheinlich nicht auf der Blockchain-Technologie basieren. Bei der Entwicklung von Wholesale-Lösungen will die EZB voraussichtlich der Privatwirtschaft den Vortritt lassen.

    2. Was wäre die Rolle der Banken?

    Theoretisch wäre denkbar, dass jeder Bürger ein Konto bei der EZB eröffnet. Die Notenbank hat aber bereits durchblicken lassen, dass sie das ablehnt, auch um das Geschäftsmodell der Banken nicht in Gefahr zu bringen. Die Wallets würden wahrscheinlich von den Geschäftsbanken oder anderen Finanzdienstleistern in Verbindung mit einem konventionellen Konto angeboten.

    3. Wofür braucht Europa einen digitalen Euro?

    Das hängt von der Ausgestaltung ab. Ein digitaler Euro für Endnutzer würde es ermöglichen, dass jeder Bürger auch in digitaler Form Zugang zu Zentralbankgeld bekommt. Dies ist das einzig hundertprozentig ausfallsichere Zahlungsmittel. Denn anders als Unternehmen und Staaten kann die EZB nicht pleitegehen.

    Bislang halten Bürger Zentralbankgeld nur in Form von Bargeld. Die Bargeld-Nutzung in Europa geht jedoch zurück, was diese Möglichkeit irgendwann einschränken könnte. Der digitale Euro wäre hier eine Alternative. Außerdem bietet er je nach Ausgestaltung eine staatliche Alternative zu privaten Zahlungsmethoden wie Paypal oder Apple Pay. Hierfür ist eine Nutzung der Blockchain-Technik, auf der Kryptowährungen wie Bitcoin beruhen, nicht unbedingt erforderlich.

    Grafik

    Anders ist es bei Wholesale-Lösungen, wo es es um Anwendungen für spezielle Akteure wie die Finanzwirtschaft oder Industrie geht. Durch die Nutzung der Blockchain-Technik wäre der Euro programmierbar. Dadurch würden sich neue Möglichkeiten ergeben.

    Zum Beispiel könnte eine geleaste Maschine automatisch die Kosten für ihre individuelle Nutzung abrechnen. Letztlich geht es dabei um automatische Zahlungen, die an bestimmte Bedingungen oder Auslöser geknüpft sind. Ist der Euro nicht programmierbar, sind solche Vorgänge nur über Schnittstellen möglich, was aufwendiger ist.

    4. Was unterscheidet den digitalen Euro von Kryptowährungen wie dem Bitcoin?

    Schon der Begriff Kryptowährung für den Bitcoin ist umstritten. Zu den wesentlichen Merkmalen einer Währung gehört Wertstabilität. Diese Eigenschaft sprechen Kritiker ihm ab, weil der Kurs sehr stark schwankt und Transaktionen mit ihm sehr lange dauern. Als Zahlungsmittel ist er daher im Alltag kaum zu gebrauchen. Befürworter verweisen hingegen auf das Beispiel El Salvadors. Das lateinamerikanische Land ist das erste der Welt, in dem der Bitcoin offizielles Zahlungsmittel ist.

    Auch die technische Architektur unterscheidet sich stark. Der Bitcoin basiert auf der Blockchain-Technologie, auf der ein dezentral organisiertes Buchungssystem aufsetzt. Außerdem ist die Maximalmenge der Bitcoins auf 21 Millionen begrenzt. Ganz anders wäre es beim E-Euro. Dieser würde voraussichtlich zentral durch die EZB ausgegeben und garantiert. Seine Menge wäre nicht begrenzt.

    5. Wie soll die Privatsphäre geschützt werden?

    Laut einer Konsultation von Bürgern und Verbänden ist für die Menschen im Euro-Raum Datenschutz das wichtigste Thema bei einem künftigen digitalen Euro. Es besteht aber ein Spannungsverhältnis zur Geldwäschebekämpfung.

    Die EZB hat erklärt, dass sie den starken Wunsch in der Bevölkerung nach Datenschutz berücksichtigen will. Der für Zahlungsverkehr zuständige EZB-Direktor Fabio Panetta sagte sogar, er gehe davon aus, dass ein digitaler Euro den Datenschutz verbessern würde, weil die EZB als öffentliche Institution kein Interesse daran hätte, Zahlungsdaten der Nutzer zu monetarisieren oder zu sammeln.

    Wie genau dies gewährleistet werden soll, ist offen. Panetta hat unterschiedliche Stufen von Datenschutz ins Spiel gebracht, je nach Höhe von Zahlungen. Denkbar wäre, dass es zum Beispiel Schwellenwerte geben könnte, bis zu denen anonyme Zahlungen möglich sind, ähnlich wie beim Bargeld.

    6. Welche Risiken sind mit dem digitalen Euro verbunden?

    Die Sicherheit des digitalen Euros vor einem Ausfall ist paradoxerweise ein Problem für das Finanzsystem, auf das Bundesbank-Präsident Jens Weidmann immer wieder hingewiesen hat. In der Krise wollen alle Zentralbankgeld und flüchten aus den Banken, was diese an den Rand des Zusammenbruchs bringen kann.

    Bislang musste man sich für einen solchen Bankrun am Schalter anstellen oder womöglich mehrfach zum Bankautomaten gehen. Um das Guthaben vom Girokonto in den digitalen Euro umzuwandeln, wäre hingegen im Extremfall nur ein Swipe auf dem Handy erforderlich.

    7. Wie lassen sich die Risiken mindern?

    Eine Möglichkeit wäre, dass jeder Bürger nur eine Höchstsumme von zum Beispiel 3000 Euro in seiner Wallet speichern kann. Läuft die Wallet über, würde automatisch auf das konventionelle Konto bei der Geschäftsbank umgebucht.

    Ein Knackpunkt hierbei ist die Frage, wie man verhindern kann, dass einzelne Personen eine Vielzahl von Wallets bei verschiedenen Banken einrichten lassen. Eine Möglichkeit, dies zu verhindern, wäre, auf einen digitalen europäischen Identitätsnachweis zurückzugreifen. Dieser ist ohnehin im Gespräch, existiert aber noch nicht.

    Reaktionen aus Politik und Finanzbranche

    Vertreter der Privatwirtschaft drängen darauf, dass die EZB das Tempo hoch hält. Patrick Hansen, Bereichsleiter Blockchain beim Digitalverband Bitkom, betonte gegenüber dem Handelsblatt: „Wichtig ist, dass man das Design für den digitalen Euro schnell in der Praxis testet. Es kommt darauf an, wie Händler, Banken und Bürger bei den einzelnen Lösungen interagieren. Erst danach kann man sagen, was funktioniert.“

    Unterstützung für den digitalen Euro kommt aus der Fondsbranche. Thomas Richter, Hauptgeschäftsführer des deutschen Fondsverbands BVI, sagte: „Marktteilnehmer könnten ihre Finanztransaktionen schneller und sicherer durchführen, wenn sowohl Finanzinstrumente als auch der Euro blockchainfähig werden. Politik, Aufsicht und Finanzbranche sollten die für den Standort Deutschland bestmöglichen Rahmenbedingungen für DLT-Anwendungen ausgestalten.“

    In der Politik herrscht über die Parteigrenzen hinweg Einigkeit darüber, dass ein von der EZB herausgegebener digitaler Euro der richtige Schritt sei:

    Politische Reaktionen

    Dieter Janecek, Digitalpolitiker der Grünen-Bundestagsfraktion

    Der Grünen-Politiker sieht im digitalen Euro eine wichtige Alternative zu amerikanischen oder chinesischen Anbietern, die den europäischen Markt zunehmend dominierten. Der digitale Euro biete die Möglichkeit, „Daten- und Rechtssicherheit für Unternehmen zu gewährleisten, die darauf Produkte und Apps aufbauen können“.

    Florian Toncar, parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion im Bundestag

    „Das Potenzial, das in der Blockchain-Technologie steckt, ist riesig. Digitale Währungen krempeln schon jetzt die Finanzwelt um, und Europa muss hier die Technologieführerschaft übernehmen.“

    Danyal Bayaz, grüner Finanzminister in Baden-Württemberg

    „Einfaches und schnelles elektronisches Bezahlen sollte auch möglich sein, ohne als gläserner Kunde von großen Tech-Konzernen abhängig zu sein.“

    Fabio De Masi, Finanzexperte der Linksfraktion

    „Ein digitaler Euro als digitaler Bruder des Bargelds ist begrüßenswert, er darf Bargeld aber lediglich ergänzen und nicht ersetzen.“

    Jens Zimmermann, digitalpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion

    „Währungen gehören nicht in die Hände privater Unternehmen.“ Auch die SPD begrüße daher die EZB-Pläne, um „Standards mit Blick auf Stabilität und Sicherheit einer vertrauenswürdigen digitalen Währung zu schaffen“.

    Die Deutsche Kreditwirtschaft hatte bereits Anfang vergangener Woche ein Grundlagenpapier zum digitalen Euro vorgelegt. Die zentrale These dort: „Die EZB muss über digitales Bargeld hinausdenken.“ In dem Papier entwerfen die Banken eine Vision, die gleich ein ganzes „Ökosystem innovativer Geldformen“ enthält.

    Kreditwirtschaft fordert unterschiedliche Formen des digitalen Euros

    Es soll drei verschiedene Formen des digitalen Euros geben, die aber möglichst problemlos ineinander umwandelbar sein sollen.

    • Die erste Form wäre ein digitaler Euro von der EZB für den privaten Gebrauch – wie ihn die Notenbank gerade veröffentlicht hat. Dieser Euro soll „anonym und offline nutzbar sein“, heißt es in dem Papier der Kreditinstitute. Die Banken selbst wollen Wallets bereitstellen, in denen dieses Geld aufbewahrt wird.
    • Zweitens fordern die Geldhäuser eine „spezielle Form des digitalen Euros“ für den Zahlungsverkehr untereinander und mit der Notenbank. Diese Form sollte auch von der EZB bereitgestellt werden, um die Digitalisierung der Branche voranzutreiben. Zu diesem Konzept hat es bisher auch schon Pilotprojekte gegeben.
    • Drittens wollen die Banken selbst „Giralgeldtoken“ ausgeben, „um insbesondere den Bedürfnissen von Firmenkunden im Rahmen der Industrie 4.0 und des Internet of Things gerecht zu werden“. Es heißt dort: „Giralgeldtoken könnten den Ablauf automatisierter Verträge, sogenannter Smart Contracts, ermöglichen und so Prozesse effizienter machen.“

    Diese Art von Token, also elektronisch verschlüsselten Wertspeichern, ist bisher vor allem im Zusammenhang mit der Kryptowährung Ethereum bekannt. Die ermöglicht es, auf Basis einer Blockchain Zahlungen zu organisieren, die automatisch ausgelöst werden können, wenn beispielsweise eine Ware angekommen ist oder eine Maschine genutzt wird. Weil diese Token als Giralgeld von den Banken kommen würden, wäre es, anders als das digitale Euro-Bargeld, nicht von der EZB gesichert, sondern durch die Bonität der ausgebenden Kreditinstitute.

    Claus George, Gruppenleiter Transaction Banking Informationstechnologie der DZ Bank, sieht vor allem die Industrie als Treiber des digitalen Geldes: „Der Maschinenbau ist prädestiniert für das Internet der Dinge.“ Als wichtige Anwendung nennt er „Pay-per-Use“, also die Zahlung für die Nutzung statt des Kaufs einer Maschine.

    Mit Blick auf die Industrie steht also hinter der Vision der Kreditwirtschaft die Idee einer weitgehend digitalisierten, vernetzten Wirtschaft, bei der Zahlungsvorgänge technisch möglichst eng an diese automatisierte Produktionsweise angepasst werden. Deshalb ist es für George logisch, dass das Interesse in Deutschland am digitalen Euro besonders groß ist.

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