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01.10.2019

13:08

Notenbank

Draghis Problem mit der Inflation – Teuerungsrate auf niedrigstem Wert seit 2016

Von: Jan Mallien

Die Inflation im Euro-Raum verharrt weit unter dem EZB-Ziel von knapp unter zwei Prozent. Kritiker der ultralockeren Geldpolitik fordern eine Abkehr von dieser Marke.

Inflation im Euro-Raum bleibt unter dem Ziel der EZB Bloomberg

Mario Draghi

Ende Oktober läuft die Amtszeit des aktuellen EZB-Präsidenten aus.

Frankfurt Für EZB-Präsident Mario Draghi sind die Inflationszahlen für den Euro-Raum stets ein entscheidendes Signal. Der Notenbankchef betont unermüdlich, wie wichtig es ist, das EZB-Ziel einer Inflation von knapp unter zwei Prozent zu erreichen. In der bald achtjährigen Amtszeit Draghis hat die Notenbank das Ziel stets verfehlt.

Daran dürfte sich auch kurzfristig wenig ändern, wie die neuen Zahlen für September zeigen. Die Inflation im Euro-Raum lag nach einer ersten Schätzung demnach bei 0,9 Prozent – und damit unter dem August-Wert von 1,0 Prozent, wie das Europäische Statistikamt Eurostat am Dienstag mitteilte. Ursache für den Rückgang waren vor allem niedrigere Energiepreise.

Die Kerninflation, aus der besonders schwankungsanfällige Preise für Energie, Lebensmittel und Tabak rausgestrichen werden, stieg dagegen von 0,9 auf 1,0 Prozent. Sie schwankt bereits seit Jahren um diesen Wert. Die EZB achtet stark auf die Kerninflation, weil sie als guter Indikator dafür gilt, ob die Preissteigerung nachhaltig ist.

„Wir erwarten kurzfristig keine wesentliche Beschleunigung der Inflation,“ schreibt Matthew Pennil, Ökonom der US-Bank Morgan Stanley. Ähnlich sieht das auch Commerzbank-Ökonom Christoph Weil. „Die von der EZB erhoffte kräftige Verstärkung des unterliegenden Preisauftriebs ist weiterhin nicht in Sicht,“ schreibt er.

Seit Jahren versucht die EZB durch eine Lockerung der Geldpolitik die Inflation im Euro-Raum anzuschieben. Auch wenn sie inzwischen nicht mehr die Gefahr einer Deflation – also auf breiter Front sinkende Preise – sieht, ist das derzeitige Niveau aus Sicht der Notenbank zu niedrig.

Löhne schlagen sich nicht auf die Preise nieder

Mitte September hat die EZB daher eine weitere Lockerung ihrer Geldpolitik beschlossen. Sie will unter anderem ihre umstrittenen Anleihezukäufe mit monatlich 20 Milliarden Euro wieder aufnehmen und senkte die Zinsen. Außerdem stellte sie eine noch längere Niedrigzinsphase in Aussicht.

Noch zu Jahresbeginn hatte die EZB gehofft, dass die Inflation im Euro-Raum wegen höherer Löhne stärker zulegen würde. Vor allem in Deutschland waren die Löhne zuletzt stärker gestiegen. Durch die Konjunkturschwäche und die hohe Unsicherheit wegen des Handelskonflikts und des Brexits wird aber immer ungewisser, ob das so bleibt.

Außerdem schlagen sich die höheren Löhne bisher nicht so wie erhofft in höheren Preisen nieder. „Wir sehen, gerade auch in Deutschland, dass die Löhne anziehen“, hatte EZB-Chefvolkswirt Philip Lane jüngst in einem Interview mit dem Handelsblatt gesagt. Eine Zeit lang seien auch die Preise gefolgt. Aber die Unternehmen spürten jetzt große Unsicherheit. „Deswegen zögern sie, die Steigerung der Lohnkosten an die Kunden weiterzugeben.“

Die schwachen Wirtschaftsaussichten haben dazu geführt, dass viele Investoren auch auf längere Sicht nicht mehr mit einer höheren Inflation rechnen. So sind die sogenannten marktbasierten Inflationserwartungen stark gefallen. Ein viel beachtetes Barometer für die Inflationserwartungen für die Zeit ab 2024 lag zuletzt nur bei rund 1,2 Prozent. Investoren gehen somit davon aus, dass die Inflation ab 2024 über einen Zeitraum von fünf Jahren lediglich bei knapp 1,2 Prozent liegt.

Kritiker der lockeren Geldpolitik fordern angesichts der schwachen Inflation eine Abkehr vom bisherigen EZB-Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent. Dieser Forderung hat EZB-Chefvolkswirt Lane im Handelsblatt-Interview aber deutlich widersprochen.

Gerade bei niedriger Inflation müsse das Ziel ganz klar sein, sagte er. „Denn je näher es an der Nulllinie ist, desto mehr setzt uns das unter Handlungsdruck.“ Ein Ziel von rund zwei Prozent habe sich international durchgesetzt. „Davon in höherem Maß abzuweichen, würde verunsichern und Risiken bergen, denn das könnte zum Beispiel unerwünschte Kapitalströme erzeugen.“

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