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26.09.2019

18:00

Philip Lane im Interview

EZB-Chefvolkswirt: „Wir wollen positive Zinsen“

Von: Frank Wiebe, Jan Mallien

Der Chefvolkswirt der EZB warnt vor Pessimismus und geht von einer vorübergehenden Schwäche im Euro-Raum aus. Er verteidigt die Strategie der EZB.

„Unsere geldpolitischen Maßnahmen laufen so lange, bis sich die Wirtschaft erholt.“ Bloomberg

EZB-Chefvolkswirt Philip Lane

„Unsere geldpolitischen Maßnahmen laufen so lange, bis sich die Wirtschaft erholt.“

Frankfurt Philip Lane ist als neuer Chefvolkswirt wichtigster Vordenker für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Seine Stimme dürfte bald noch wichtiger werden, wenn Christine Lagarde im November die Nachfolge von Mario Draghi antritt.

Anders als Draghi ist die studierte Juristin Lagarde keine Ökonomin und daher in geldpolitischen Fragen vermutlich stärker auf die Expertise ihrer Kollegen und des volkswirtschaftlichen Stabs angewiesen. Jüngst hatte Lagarde in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg gesagt, es gebe ein so leistungsstarkes Personal bei der EZB, dass sie die richtige Unterstützung und das richtige Fachwissen bekomme. Dabei hob sie vor allem Philip Lane hervor, der „fantastisch“ sei.

In einem seiner ersten großen Interviews in der neuen Funktion verteidigt Lane die Beschlüsse der Notenbank von Mitte September. Die Notenbank hatte unter anderem den Einlagenzins gesenkt und die Neuauflage ihrer Anleihezukäufe in Höhe von monatlich 20 Milliarden Euro beschlossen. Lane sieht darin jedoch keine umfangreichen Lockerungsmaßnahmen. „Aus meiner Sicht war das kein so großes Paket,“ sagte er im Interview mit dem Handelsblatt.

Die geldpolitischen Entscheidungen der EZB waren im Rat der Notenbank umstritten. Lane führt dies darauf zurück, dass „die wirtschaftliche Situation nicht so eindeutig ist“. Man habe es mit „einer vorrübergehenden Schwäche der Wirtschaft zu tun, aber es gibt keine Rezession und das Risiko einer Deflation ist derzeit gering.“ Entscheidend sei, dass es weitgehende Einigkeit darüber gebe, dass die Notenbank in dieser Situation handeln müsse. Verschiedene Meinungen habe es nur zu Umfang und Art der Maßnahmen gegeben.

Mehrere Ratsmitglieder der Notenbank hatten nach der Entscheidung Mitte September vor allem den Beschluss zur Neuauflage der Anleihekäufe von monatlich 20 Milliarden Euro kritisiert. Manche Ökonomen glauben, dass die EZB dadurch bald an ihre selbstgesteckte Grenze stößt, wonach sie nur rund ein Drittel der Staatsanleihen eines Landes kaufen darf.

Diese Gefahr sieht Lane selbst für Länder wie Deutschland jedoch nicht. „Nach unserer Berechnung wird das für einen längeren Zeitraum kein Problem werden,“ sagte er.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Lane, die EZB hat im September ein großes geldpolitisches Paket aufgelegt. War das nötig?
Aus meiner Sicht war das kein so großes Paket. Wir haben den Zins, den Banken für Einlagen bei der EZB berechnet bekommen, um 0,1 Prozentpunkt auf minus 0,5 Prozent gesenkt und unsere Forward Guidance – die Vorausschau – zu den Zinsen angepasst. Das ist nicht dramatisch. Und wir haben Anleihezukäufe im Volumen von 20 Milliarden Euro pro Monat beschlossen. Das ist viel weniger als das Maximum von monatlich 80 Milliarden in der Vergangenheit.

Leben wir auf unabsehbare Zeit mit Minuszinsen?
Unsere Maßnahmen laufen so lange, bis sich die Wirtschaft erholt und sich die Inflation wieder nachhaltig unserem Ziel von knapp zwei Prozent nähert. Diese an den Inflationsausblick gekoppelte Forward Guidance ist das zentrale Element unserer Beschlüsse im September. Sie ist in einem von Unsicherheit geprägten Umfeld besonders effektiv. Denn sie erleichtert die Anpassung der Erwartungen zu der Frage, wie der geldpolitischen Kurses auf gute und schlechte Nachrichten reagiert. Nur wer sehr pessimistisch ist, leitet daraus eine sehr lange Dauer ab. Aber es gibt gute Gründe, nicht so pessimistisch zu sein, auch auf Grund unserer geldpolitischen Entscheidungen.

Vita Philip Lane

Die Person

Philip Lane hat an der US-Eliteuniversität Harvard in Volkswirtschaftslehre promoviert. Danach lehrte er an der Columbia University und am Trinity College Dublin. Bevor der 50-Jährige im Juni 2019 als Chefvolkswirt zur EZB wechselte, war er dreieinhalb Jahre Präsident der irischen Notenbank.

Die Institution

Die 1998 gegründete EZB gilt heute als eine der mächtigsten Institutionen Europas. Aus Sicht vieler Ökonomen hat sie in der Krise entscheidend dazu beigetragen, den Euro-Raum zusammenzuhalten. Vor allem in Deutschland ist ihre Geldpolitik jedoch umstritten.

Welche Wirtschaftsentwicklung erwarten Sie?
Wir gehen davon aus, dass wir zurzeit eine vorübergehende Schwäche erleben. Die Inflation liegt unter unserem Ziel, aber es besteht keine Gefahr von Deflation, also allgemein sinkenden Preisen.

Warum haben Sie dann überhaupt im September die Geldpolitik gelockert? Hätte man nicht warten können, bis die Schwäche vorübergeht?
Im Dezember 2018 lag die Prognose für die Inflation im Jahr 2021 noch bei 1,8 Prozent. Im März musste die EZB den Wachstums- und Zinsausblick deutlich nach unten anpassen, und im September die Inflationsprognose nochmals auf 1,5 Prozent senken. Wir haben also mit unserer umfassenden Reaktion bis September gewartet. Als bis dahin keine Besserung eintrat, haben wir gehandelt. Auf mittlere Sicht wollen wir eine stärkere Wirtschaft, eine höhere Inflation und auf jeden Fall auch wieder positive Zinsen erreichen. Im September haben wir die Einschätzung getroffen, dass noch niedrigere Zinsen nötig sind, um dahin zu kommen.

Welches Szenario unterstellt die EZB?
Unser Basisszenario ist, dass es zu einem geregelten Brexit kommt, und dass der Handelskonflikt gelöst werden kann. Es bestehen jedoch weiterhin ausgeprägte Abwärtsrisiken.

Außenstehende Ökonomen wie auch Mitglieder des EZB-Rats haben vor allem die Anleihekäufe kritisiert. Der EZB-Rat wirkt zerstritten.
Die Meinungsunterschiede hängen damit zusammen, dass die wirtschaftliche Situation nicht so eindeutig ist. In den letzten Jahren war es meist ziemlich offensichtlich, welche Schritte nötig waren.

Und aktuell ist das nicht so?
Wir haben es mit einer vorübergehenden Schwäche der Wirtschaft zu tun, aber es gibt keine Rezession und das Risiko einer Deflation ist derzeit gering. Darüber, dass wir in dieser Situation handeln müssen, gibt es weitgehende Einigkeit; und das ist entscheidend. Verschiedene Meinungen gab es nur zu Umfang und Art der Maßnahmen.

Einige Chefs, nationaler Notenbanken, darunter auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, haben sich unmittelbar nach der Entscheidung öffentlich mit Kritik zu Wort gemeldet. Schadet das der Glaubwürdigkeit der EZB?
Aus meiner Sicht ist es in Ordnung, dass nach außen hin Meinungsvielfalt erkennbar wird, denn das zeigt, dass wir gemeinsam und kollegial um die richtige Entscheidung ringen. Übrigens ist es auch bei anderen Notenbanken wie der Bank von England oder der Fed durchaus üblich, dass Meinungsverschiedenheiten vorkommen. Wichtig ist, dass wir gemeinsam entscheiden und die Entscheidung gemeinsam umsetzen.

Aber wie erklären Sie, dass die EZB weitere Staatsanleihen kaufen will, obwohl deren Renditen ohnehin schon unter Null liegen?
Die Renditen liegen deswegen so niedrig, weil zum einen sich der wirtschaftliche Ausblick eingetrübt hat und zum anderen der Markt schon vorher erwartet hat, dass wir in Reaktion auf diese Eintrübung die Geldpolitik lockern. Hätten wir das nicht getan, wären die Zinsen gestiegen. Das hätte die wirtschaftliche Schwäche noch vergrößert.

Viele Ökonomen plädieren dafür, dass vor allem die deutsche Regierung finanzpolitisch mehr tut, um die Konjunktur zu stützen. Wie sehen Sie das?
Staaten mit hoher Verschuldung sollten sich auf Strukturreformen konzentrieren. Große Staaten, deren Finanzen gesund sind, können dagegen bei einer wirtschaftlichen Schwäche mit Ausgaben oder mit steuerlicher Entlastung die Nachfrage stärken. Die Regierungen sollten sich bei ihrer Haushaltsplanung daher überlegen, von welcher Entwicklung sie im kommenden Jahr ausgehen. Zuletzt sind der private Konsum und private Investitionen zurückgegangen.

Wenn die Finanzpolitik nicht mitspielt, schwächt das die Effektivität der Geldpolitik?
Die Geldpolitik kann die Nachfrage stimulieren. Aber die Effektivität der Geldpolitik hängt davon ab, was erwartet wird, wie sich die Nachfrage insgesamt in der Zukunft entwickeln wird. Die Regierungen haben über die Finanzpolitik Einfluss darauf, wie sich die Nachfrageerwartungen entwickeln. Je schwächer die erwartete Nachfrageentwicklung, desto mehr muss die Geldpolitik tun.

Wir groß schätzen Sie den möglichen Effekt der Finanzpolitik ein?
Damit Regierungsausgaben wirken, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein. Einmal funktioniert das vor allem dann, wenn die Kapazität in einer Volkswirtschaft nicht ausgelastet ist. Zweitens ist wichtig, dass – wenn der Staat mehr ausgibt und die Konjunktur stimuliert – dadurch die Inflation nicht zu sehr steigt. Denn in dem Fall müsste die Geldpolitik ja gegensteuern und würde die Wirkung schmälern. Und zurzeit ist zu hohe Inflation keine Gefahr. Darüber hinaus sind die positiven Effekte von Regierungsausgaben besonders in einem Kontext niedriger Zinsen ausgeprägt. Zusätzliche Ausgaben geben Unternehmen zusätzliche Sicherheit, dass Investitionen auf Nachfrage treffen.

Wäre in so einer Zeit eine engere Kooperation zwischen Geld- und Finanzpolitik geboten?
Die Notenbanken sind aus gutem Grund unabhängig. Ich würde daher nicht von Kooperation sprechen. Aber es kann nur helfen, wenn die Regierungen eine gute Vorstellung davon hätten, wie unsere Geldpolitik funktioniert. Daher sind wir hier sehr transparent.

Wie meinen Sie das?
Jeder im Finanzministerium kann sehen, dass die Inflation im Euro-Raum deutlich unter dem Zielwert ist. Das heißt: Höhere staatliche Ausgaben werden die Finanzierungsbedingungen nicht dramatisch verändern.

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Kommentare (1)

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Herr Helmut Metz

26.09.2019, 18:45 Uhr

Positive Zinsen? Kann man machen. Bedeutet im Klartext aber: Erweiterung des EZB-Kellerraums, wo die Druckerpresse steht, da man Platz für etliche weitere braucht, die dann auch noch auf Höchstgeschwindigkeit laufen müssen.
Weiterhin muss man das Verbot der direkten Staatsfinanzierung beenden oder umgehen. Mit Rechtsbrüchen bzw- -verbiegungen dürfte sich Draghis Nachfolgerin Lagarde bestens auskennen - vermutlich hat man auch deshalb eine Juristin und keine Ökonomin an die EZB-Spitze geküngelt.
Kann man machen, und meine Assets würden sich exorbitant darüber freuen.
Was dann aber auch kommt, ist das (und noch weit tiefer):
"Kommt Zeit, kommt auch der Euro bei USD 1,05 oder noch tiefer..."
https://www.handelsblatt.com/finanzen/maerkte/marktberichte/dax-aktuell-dax-schliesst-unter-12-000-punkten-deutsche-bank-verliert-mehr-als-zwei-prozent/24373070.html

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