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30.05.2022

15:35

Preise

Analystenprognosen noch übertroffen: Inflation in Deutschland steigt auf 7,9 Prozent

Von: Martin Greive, Jan Hildebrand, Jan Mallien, Julian Olk

Die Verbraucherpreise in Deutschland haben im Mai weiter zugelegt. Der Handlungsdruck auf die Europäische Zentralbank und die Politik steigt.

Die Verbraucherpreise in Deutschland haben in den vergangenen Monaten deutlich angezogen. NurPhoto/Getty Images

Einkaufsmeile in Düsseldorf

Die Verbraucherpreise in Deutschland haben in den vergangenen Monaten deutlich angezogen.

Berlin, Frankfurt Die Inflationsrate in Deutschland ist im Mai weiter gestiegen. Die Verbraucherpreise erhöhten sich um 7,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, wie das Statistische Bundesamt am Montag auf Basis einer ersten Schätzung mitteilte. Ökonomen hatten eine bundesweite Teuerung von 7,6 Prozent erwartet. Im April hatte die Inflationsrate bei 7,4 Prozent gelegen.

In den vergangenen Monaten ist die Inflation stetig höher ausgefallen als erwartet. Aktuell wird sie durch den Krieg in der Ukraine noch angeheizt, der vor allem die Energiepreise weiter nach oben treibt. Die Energie verteuerte sich im Mai laut Statistischem Bundesamt um 38,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Nahrungsmittelpreise legten demnach um 11,1 Prozent zu.

Der starke Preisanstieg setzt die Europäische Zentralbank (EZB), aber auch die Politik unter Druck. Denn unter dem Strich werden viele Menschen durch den damit verbundenen Kaufkraftverlust ärmer. So sind nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts die Reallöhne, also die Nominallöhne nach Abzug der Inflation, im ersten Quartal um 1,8 Prozent gesunken.

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Laut einer Mitte Mai veröffentlichten Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey bereitet die hohe Inflation den Deutschen am meisten Sorgen. Selbst der Krieg in der Ukraine und die Coronapandemie stehen dahinter zurück.

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    Der starke Preisanstieg sorgt daher auch im politischen Berlin für deutliche Reaktionen. „Das oberste Ziel muss eine Bekämpfung der Inflation sein“, sagte Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) am Montag bei einer Pressekonferenz in Berlin. Aus den hohen Preissteigerungen erwachse ein „enormes Risiko“. Als Konsequenz kündigte er ein „Ende der expansiven Finanzpolitik“ an. Im kommenden Jahr will Lindner die Schuldenbremse wieder einhalten, dafür muss das Defizit drastisch reduziert werden. Der Staat dürfe nicht mit zusätzlichen Ausgaben die Preise noch weiter antreiben.

    EZB will Inflation bekämpfen

    Der Ökonom des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Friedrich Heinemann, geht davon aus, dass die Inflation ab der Jahresmitte wieder fallen wird. Verbraucherinnen und Verbraucher müssten aber „mit weiter steigenden Preisen rechnen, weil viele Vorprodukte unvermindert knapp sind und die Großhandelspreise immer noch dramatisch zulegen“. Er sieht die EZB am Zug. „Das EZB-Inflationsziel von zwei Prozent bleibt für Deutschland und die Euro-Zone in sehr weiter Ferne.“

    Die Notenbank war lange davon ausgegangen, dass sich das Problem der hohen Inflation weitgehend von selbst löse, wenn Sondereffekte durch die Pandemie auslaufen würden. Doch diese Hoffnung hat sich als Trugschluss erwiesen.

    Zuletzt signalisierten führende EZB-Vertreter eine baldige Zinswende, um den Inflationsanstieg zu bremsen. „Ausgehend von den derzeitigen Aussichten werden wir wahrscheinlich in der Lage sein, die negativen Zinssätze bis zum Ende des dritten Quartals zu beenden“, schrieb Notenbankchefin Christine Lagarde in der vergangenen Woche in einem Blogbeitrag.

    Aktuell liegt der für die Geldpolitik entscheidende Einlagenzins noch bei minus 0,5 Prozent. Das heißt: Banken, die überschüssige Liquidität bei der Notenbank halten, zahlen dafür Minuszinsen. Viele Experten erwarten daher, dass die Notenbank im Juli und September den Zins um jeweils einen Viertelprozentpunkt anheben wird.

    Lagarde stellte auch mittelfristig „eine schrittweise weitere Normalisierung der Zinssätze in Richtung des neutralen Zinssatzes“ in Aussicht. Damit ist das Niveau gemeint, wo die Zinsen die Wirtschaft weder stützen noch bremsen.

    Der neutrale Zins kann nur geschätzt werden. Wo er liegt, ist unter Ökonomen sehr umstritten. Der österreichische Notenbankchef Robert Holzmann, der als Verfechter einer strafferen Geldpolitik gilt, sagte kürzlich, dass er ihn auf etwa 1,5 Prozent schätzt. Das hieße, dass die Zinsen recht schnell weiter steigen könnten.

    Inflation und Energiepreise bestimmen politische Debatte

    Auch die Ampelregierung treibt das Thema Inflation inzwischen extrem um. Zwar hat sie bereits infolge der hohen Energiepreise zwei Entlastungspakete mit einem Volumen von 30 Milliarden Euro aufgelegt. Große Teile des zweiten Pakets treten am 1. Juni in Kraft, etwa der Tankrabatt. Doch Maßnahmen wie die Energiepauschale von 300 Euro, die jeder Erwerbstätige einmalig erhalten soll, drohen angesichts der steigenden Lebensmittel- und Energiepreise zu verpuffen.

    Die unter dem Stichwort Tankrabatt vorgesehene zeitweise Senkung der Energiesteuer auf Kraftstoffe, die ab Mittwoch wirksam ist, wird nach Einschätzung des Bundesfinanzministeriums ebenfalls nicht zu einer abrupten Preissenkung für Benzin und Diesel an den Tankstellen führen. Dort seien die Tanks noch gefüllt mit Kraftstoffen, die im Mai zu den alten Steuersätzen geliefert worden seien, heißt es aus dem Ministerium. Erst nach und nach würden die Tankstellen ab dem 1. Juni Sprit mit den reduzierten Steuersätzen einkaufen. Mit dem nachgekauften Kraftstoff komme der niedrigere Preis nach und nach auch beim Verbraucher an.

    Ampel steht wegen nächster Landtagswahl unter Druck

    Die Debatte um das Thema dürfte daher anhalten. Der I-Index, ein Frühwarnsystem für die Entwicklung der Verbraucherpreise anhand von Medienartikeln, hat einen Höchststand erreicht. Im April stieg der Indikator auf 10,9 Prozent. Das bedeutet, in mehr als jedem zehnten in diesem Monat veröffentlichten Zeitungsartikel spielte das Thema Inflation eine Rolle.
    Das spiegelt sich auch in der politischen Debatte. So konstatierte die SPD nach der verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, ein zentraler Grund für die Niederlage sei gewesen, die steigenden Lebenshaltungskosten im Wahlkampf nicht viel stärker zum Thema gemacht zu haben. Da im Oktober mit Niedersachsen bereits die nächste wichtige Landtagswahl ansteht, sieht sich die Ampel unter Handlungsdruck.

    Fieberhaft arbeitet die Ampelregierung deshalb an einem neuen, dritten Entlastungspaket. Doch die Vorstellungen der drei Regierungsparteien gehen dabei deutlich auseinander. So überraschte SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil seine Koalitionspartner am Wochenende mit dem Vorschlag eines „sozialen Klimagelds“. Danach sollen ab 1. Januar 2023 alle Einkommen unter 4000 Euro das neue Klimageld erhalten, für Verheiratete liegt die Schwelle bei 8000 Euro Bruttomonatseinkommen.

    Es sei wichtig, das Klimageld „sozial gestaffelt auszugestalten – nach dem Prinzip: Diejenigen, die es am nötigsten brauchen, bekommen am meisten“, sagte der Minister. Zudem will Heil die Regelsätze für Empfänger des neuen Bürgergelds, das Hartz IV ablösen und ebenfalls zum 1. Januar 2023 kommen soll, um 40 bis 50 Euro im Monat erhöhen.

    In der FDP stießen die Vorschläge allerdings auf Ablehnung. „Da Schulden und Steuererhöhungen ausgeschlossen sind, bin ich auf die Finanzierungsideen gespannt“, sagte Bundesfinanzminister Lindner. Statt neue Subventionstöpfe zu schaffen, will der FDP-Chef Ende des Jahres lieber inflationsbedingte Steuererhöhungen ausgleichen. Auch das wird angesichts der hohen Inflation eine teure Angelegenheit.

    Ein Abbau der kalten Progression wiederum trifft bei SPD und Grünen auf wenig Begeisterung, da von diesem Ausgleich höhere Einkommen stärker profitieren würden als niedrigere und mittlere. Die Grünen sehen allerdings auch Heils Vorschlag eines sozialen Klimagelds mit einer gewissen Skepsis.

    Sie lobten zwar grundsätzlich die Idee. Allerdings sah die Verabredung im Koalitionsvertrag ein allgemeines Klimageld für alle vor, nicht nur für untere Einkommen. Die Grünen sehen das Klimageld als klimapolitisches Instrument und fürchten, es könnte durch die sozialpolitischen Ideen Heils überfrachtet werden.

    Ökonomen sind uneins über weitere Inflationsentwicklung

    Wie die Debatte um zusätzliche Entlastungen fortschreitet, dürfte stark von der weiteren Entwicklung der Inflation abhängen. Hier sind die Ökonomen unterschiedlicher Meinung. Der Chefvolkswirt der britischen Großbank Barclays, Christian Keller, geht davon aus, dass die Inflation anders als in den USA noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hat. „In Europa wird sie in den kommenden Monaten wahrscheinlich noch weiter steigen“, sagte er.

    Dafür spricht vor allem die Entwicklung der Importpreise. Die Einfuhrpreise in Deutschland erhöhten sich im April um 31,7 Prozent zum Vorjahresmonat, wie das Statistische Bundesamt ebenfalls am Montag mitteilte. Dies war der höchste Wert seit September 1974. Die Importpreise gelten als wichtiger Frühindikator für die Inflation.

    Die Entwicklung war erneut von teureren Energiepreisen getrieben. Aber auch wenn man diese ausklammert, lag der Anstieg bei 17,1 Prozent. Neben Engpässen im internationalen Handel dürfte das auch mit dem schwachen Wechselkurs des Euros zusammenhängen. Dieser hat in den vergangenen Monaten deutlich gegenüber dem Dollar an Wert verloren – was Importe für deutsche Unternehmen und Verbraucher noch teurer macht.

    „Der Euro hat abgewertet, das treibt die Preise hier immer weiter“, sagt Volker Wieland, Direktor des „Institute for Monetary and Financial Stability“ (IMFS). Das Problem der importierten Inflation gebe es schon länger. „Der Effekt durch die zögerliche Geldpolitik in der Euro-Zone nimmt jetzt aber deutlich zu.“

    Das Ifo-Institut hingegen hatte vergangene Woche bekannt gegeben, mit einem allmählichen Abflauen der Inflation ab Jahresmitte zu rechnen. Grund dafür sei, dass im Mai erstmals seit Monaten der Anteil der Firmen sank, die ihre Preise in den kommenden drei Monaten erhöhen wollen, so das Ergebnis einer aktuellen Umfrage.

    Ökonom Wieland gibt jedoch zu bedenken: „Die Anzahl der Unternehmen, die die Preise erhöhen wollen, ist weiter auf einem sehr hohen Niveau.“ Ein zeitnahes Abflauen der Inflationsrate sehe er deshalb noch nicht kommen.

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