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29.11.2022

14:16

Preisentwicklung

Deutsche Inflationsrate sinkt im November überraschend auf 10,0 Prozent

Von: Frank Wiebe

Die neuen Daten beleben die Diskussion, wann der Höhepunkt der Preissteigerungen erreicht sein könnte. Nun richtet sich der Blick auf neue Preisdaten am Mittwoch.

Hohe Inflationsraten verringern die Kaufkraft von Verbraucherinnen und Verbrauchern. Getty Images; Per-Anders Pettersson

Passantin in einer Fußgängerzone in Köln

Hohe Inflationsraten verringern die Kaufkraft von Verbraucherinnen und Verbrauchern.

Frankfurt Der Preisdruck in Deutschland gibt überraschend nach – und nährt die Hoffnung, dass das Gröbste bei der Inflation nun überstanden ist. Mit durchschnittlich 10,0 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat ist die Inflation in der Bundesrepublik im November leicht gesunken. Das teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag auf Basis einer ersten Schätzung mit. Etwas nachgelassen hat vor allem der Preisauftrieb bei Energie, eher noch verstärkt hat er sich dagegen bei Lebensmitteln.

Im Oktober hatte die Teuerungsrate mit 10,4 Prozent auf dem höchsten Stand seit 1951 gelegen. Die November-Prognose von Experten im Vorfeld wurde diesmal unter- statt überschritten: Sie hatten eine Rate von 10,3 Prozent vorhergesagt. Der Aktienmarkt zeigte darauf zunächst keine klare Reaktion.

Die neuen Zahlen beleben die Diskussion, wann der Höhepunkt der Preissteigerungen erreicht sein könnte. In den USA ist nach Schätzung vieler Ökonomen dieser „Peak“ schon überschritten, der Euro-Raum liegt in der Entwicklung etwas zurück.

Nun richtet sich der Blick auf die Daten für den Euro-Raum, die am Mittwochvormittag veröffentlicht werden. Die Prognose liegt bei 10,4 Prozent, nach zuletzt 10,6 Prozent im Oktober. Aufschlussreich in dem Zusammenhang: Auch in Spanien ist der Preisdruck im November gesunken (von 7,3 auf 6,8 Prozent).

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    Neue Inflationszahlen geben jeweils Stoff für Spekulationen zur Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Die trifft ihre nächste Zinsentscheidung am 15. Dezember. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob sie die Zinsen erneut um 0,75 Prozentpunkte (75 Basispunkte) erhöht oder nur um einen halben Prozentpunkt; ihr Inflationsziel sind zwei Prozent. Die Kapitalmärkte reagieren auf höhere Inflationszahlen als erwartet regelmäßig mit Druck auf Aktien- und Anleihekurse.

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    In einer ersten Reaktion auf die Daten aus Deutschland kommentierte Sebastian Dullien, Ökonom beim gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK): „Die Inflation dürfte nun nahe ihrem Wendepunkt stehen oder sogar bereits ihren Höhepunkt überschritten haben.“

    Er erwartet im Dezember wegen der Übernahme der Abschlagszahlungen auf Gas und Fernwärme durch den Bund einen Wert unter zehn Prozent, im Januar und Februar ein „Zwischenhoch“, und ab März gehören mit Inkrafttreten der Gaspreisebremse nach seiner Einschätzung „die zweistelligen Inflationsraten dann endgültig der Vergangenheit an“.

    „Für Entwarnung zu früh“

    Christoph Swonke, Konjunkturanalyst der DZ Bank, ist deutlich skeptischer. Er sieht zwar einen „Lichtblick im Herbstnebel“, kommentiert aber: „Ein nachhaltiger Rückgang der Inflation ist noch nicht in Sicht. Ob der Höhepunkt bereits erreicht ist, erfahren wir vermutlich im Januar.“ Er verweist auf anstehende Preiserhöhungen der Versorger und glaubt nicht, dass politische Maßnahmen die steigenden Kosten völlig auffangen werden, außerdem sieht er weiterhin Inflation bei Lebensmitteln voraus.

    Vorsichtig bleibt auch Fritzi Köhler-Geib, Chefökonomin der KfW: „Trotz des leichten Rückgangs der Inflation ist es für eine Entwarnung deutlich zu früh.“ Sie rechnet mit einem Rückgang der Inflationsraten erst nach der Heizperiode und insgesamt für das kommende Jahr noch mit erhöhten Prozentzahlen.

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    Preisdaten lassen sich grundsätzlich auf zwei Arten vergleichen: auf Basis des Vorjahresmonats sowie auf Basis des Vormonats. Dabei gilt: Die monatliche Veränderung bildet die Dynamik der Entwicklung besser ab als der Jahresvergleich.

    Auch dabei zeigt sich ein leicht geringerer Preisdruck in Deutschland. Denn im Vergleich zum Monat Oktober sind die Preise um 0,5 Prozent gesunken (Prognose: minus 0,2). Das heißt: Der gleiche Warenkorb war im November 0,5 Prozent günstiger als im Oktober, aber um 10,0 Prozent teurer als im November 2021. Im Oktober hatte es im Vergleich zum September einen Sprung von plus 0,9 Prozent gegeben.

    Gemessen an dem auf europäischer Ebene verwendeten Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HPVI) lag die Inflation im Jahresvergleich im November bei 11,3 Prozent, nach zuvor 11,6 Prozent im Oktober. Nach diesem Index zeigte sich allerdings keine Veränderung auf Monatsbasis.

    Erzeugerpreise zuletzt gesunken

    Zuletzt gab es bereits Anzeichen für eine möglicherweise wieder fallende Inflation. So sind die Erzeugerpreise in Deutschland im Oktober gegenüber dem Vormonat überraschend stark um 4,2 Prozent gesunken, wofür ein Rückgang der Energiepreise um 10,4 Prozent maßgeblich war. Deutlich gefallen sind auch die internationalen Frachtraten.

    In den USA gilt vor allem der nach wie vor enge Arbeitsmarkt als Treiber der Inflation, dafür spielen dort Energiepreise eine weniger wichtige Rolle als in Europa. In Europa sehen die meisten Ökonomen den Arbeitsmarkt als noch nicht sehr problematisch an.

    Doch die Gefahr, dass es dort zu „Zweitrundeneffekten“ kommt, steigt tendenziell. Vor Kurzem hatte daher die für viele Marktteilnehmer inzwischen als maßgeblich geltende EZB-Direktorin Isabel Schnabel eher das Risiko einer weiterhin hohen Inflation betont. Auch der bekannte Ökonom Olivier Blanchard hatte kürzlich gewarnt, es sei ein – offenbar zum Teil an den Märkten herrschender – Irrtum zu glauben, die Inflation sei bald besiegt.

    Das Jahr 2022 stand bisher ganz im Bann der Inflation und der daraus folgenden deutlichen Straffung der Geldpolitik. Notenbanken wie die EZB in Europa und die Fed in den USA haben – nach Meinung von Kritikern zu spät – mit steigenden Leitzinsen auf den Anstieg der zuvor lange Zeit sehr niedrigen Inflation reagiert und damit jeweils das gesamte Renditeniveau, also das Fundament für den Kapitalmarkt, angehoben.

    Weil bei gestiegenen Renditen neue Anleihen mit höherer laufender Verzinsung alte Anleihen und Aktien im Vergleich unattraktiver machen, hat die Geldpolitik zu einem Ausverkauf mit hohen Kursverlusten in beiden Segmenten geführt.

    Zugleich kamen im Lauf des Jahres Sorgen auf, die hohen Preise in Kombination mit der strengeren Geldpolitik könnten zu einer Rezession führen. Wegen der Energieabhängigkeit und der Nähe zum Ukrainekrieg gilt das besonders für Europa.

    Gemischte Signale

    Dadurch hat sich eine komplizierte Situation ergeben: Anzeichen für eine weiterhin hohe Inflation sprechen für eine weiter strenge Geldpolitik und für Druck auf die Kurse. Anzeichen für eine stärkere Rezession werden zum Teil als Vorboten einer doch wieder leichteren Geldpolitik gedeutet.

    Damit ergeben sich gemischte Signale: Erleichterung aus geldpolitischen Gründen, aber wachsende Sorgen, dass die Unternehmensgewinne und damit doch wieder die Aktienkurse sinken. Anzeichen für eine doch bessere Konjunktur als erwartet lassen zugleich die Furcht vor Inflation und damit einer wieder härteren Geldpolitik steigen, geben aber wenigstens Hoffnung für die Unternehmensgewinne. In dieser Gemengelage müssen sich die Investoren und Investorinnen zurechtfinden.

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