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03.03.2023

09:57

Preisentwicklung

Inflation erhöht Druck auf EZB und Anleihemärkte

Von: Leonidas Exuzidis, Jan Mallien

Die Inflation im Euro-Raum verharrt auch im Februar auf einem sehr hohen Niveau. Ökonomen sind vor allem wegen der hohen Kerninflation besorgt.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde spricht über die Inflation IMAGO/Political-Moments

EZB-Präsidentin Christine Lagarde

Die Verbraucherpreise insgesamt stiegen in der Euro-Zone im Februar um 8,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. I

Frankfurt Eine gute und zwei schlechte Nachrichten halten die neuesten Daten zur Teuerung in der Euro-Zone für Investoren und Notenbanker bereit: Zwar sinkt die Inflation in der Währungsunion, allerdings deutlich langsamer als erhofft, und der Preisdruck erreicht immer mehr Bereiche der Wirtschaft. Das erhöht den Druck – nicht nur auf die Verbraucher, sondern auch auf die Europäische Zentralbank (EZB) und die Anleihemärkte.

Dabei rückt eine Kennziffer immer stärker in den Fokus: die Kerninflation, also die um Energie und Nahrungsmittel bereinigte Preissteigerung. Sie erreichte im Februar mit 5,6 Prozent den höchsten Wert seit Beginn der Währungsunion. Dies teilte das europäische Statistikamt Eurostat nach einer ersten Schätzung mit. Im Januar hatte die Kerninflation noch bei 5,3 Prozent gelegen.

Die Zahlen bestätigen den Trend der vergangenen Monate: Während sich der Preisschub lange auf teurere Energie und Nahrungsmittel beschränkte, betrifft er mittlerweile immer mehr Güter und Dienstleistungen.

Das hat Folgen für die EZB und ihre Präsidentin Christine Lagarde. Die Notenbank strebt eine Preissteigerung von zwei Prozent für den Euro-Raum an. Die neuen Daten sprechen für einen hartnäckigeren Preisdruck – was die EZB zu stärkeren Zinserhöhungen zwingen könnte. Bereits in den vergangenen Wochen haben Investoren eine stärkere Straffung der Geldpolitik eingepreist, was zu Kursverlusten vor allem bei festverzinslichen Wertpapieren führte.

Seit den Sitzungen der EZB und der US-Notenbank Fed Anfang Februar gibt es eine Verkaufswelle am Anleihemarkt. Investoren trennten sich von Staatspapieren. Entsprechend fielen die Kurse – und gegenläufig dazu stiegen die Renditen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatspapiere kletterte in den vergangenen vier Wochen von rund 3,4 auf über vier Prozent. Auch am Donnerstag setzte sich der Renditeanstieg fort. Das gilt auch für die deutsche Bundesanleihe. Ihre Rendite stieg von 2,1 auf über 2,7 Prozent.

Preisentwicklung: Volkswirt sieht neue Daten zur Inflation als „Alarmsignal“

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, sieht die neuen Inflationszahlen aus der Währungsunion als „Alarmsignal“. Der Ökonom des Schweizer Vermögensverwalters Pictet, Frederik Ducrozet, geht davon aus, dass sie für eine härtere Geldpolitik sprechen. „Solange es keine ersten Anzeichen dafür gibt, dass die unterliegende Inflation ihren Höhepunkt erreicht, wird die EZB das Tempo der Straffung der Geldpolitik wahrscheinlich nicht verringern“, sagt er.

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Ducrozet sieht nun eine steigende Wahrscheinlichkeit für eine weitere Zinserhöhung um einen halben Prozentpunkt im Mai. Für ihre nächste Sitzung Mitte März hat die Notenbank einen Schritt in diesem Umfang bereits deutlich signalisiert.

Die Verbraucherpreise insgesamt stiegen in der Euro-Zone im Februar um 8,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Januar hatte die Teuerungsrate bei 8,6 Prozent gelegen. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Volkswirte waren im Vorfeld von einer deutlich niedrigeren Rate von 8,2 Prozent ausgegangen. Der Treiber der Inflation sind dabei immer weniger die Energiepreise. Im Februar stiegen sie um 13,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr – im Oktober lag der Anstieg noch bei 41,5 Prozent.

Im Gegenzug steigen andere Preise stärker. Laut dem am Donnerstag veröffentlichten Protokoll der EZB-Sitzung Anfang Februar wurde bei dem Treffen intensiv über die Bedeutung der hohen Kerninflation für die Geldpolitik diskutiert. Bereits im Januar war diese im Euro-Raum höher ausgefallen als erwartet.

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Notenbanker achten stark auf die Kerninflation, weil diese als guter Indikator für den mittelfristigen Preistrend gilt. Die Notenbanker betonten auf der Sitzung dennoch, dass der Preisauftrieb „viel zu hoch“ sei, auch wenn einzelne Stimmen der Meinung waren, dass ein zu starker Fokus auf die Kerninflation nicht gerechtfertigt sei.

Preiserhöhungen als wichtiger Grund für die hohe Kerninflation

Ein wichtiger Grund für die anziehende Kerninflation sind sogenannte Zweitrundeneffekte, also Preissteigerungen als Reaktion auf vergangene Kostensteigerungen vor allem durch die teurere Energie. Hiervon sind viele Branchen betroffen. Zum Beispiel müssen Hotels und Restaurants deutlich mehr für Strom und Gas aufwenden und geben diese höheren Kosten an die Kunden weiter.

Die Inflation ist auch besonders durch Lebensmittel getrieben. IMAGO/Martin Wagner

Einkauf in einem Supermarkt

Die Inflation ist auch besonders durch Lebensmittel getrieben.

Commerzbank-Ökonom Christoph Weil erwartet, dass die Kerninflation erst im Juli ihren Höhepunkt erreicht und auch „danach nur langsam zurückgehen wird“. Er geht zwar davon aus, dass die Unternehmen inzwischen die höheren Energiepreise weitgehend an die Verbraucher weitergegeben haben. „Aber nun steht mit den kräftig steigenden Löhnen eine neue Teuerungswelle ins Haus.“ Diese würden vor allem die Preise für Dienstleistungen weiter in die Höhe treiben. Der Preisanstieg bei Dienstleistungen erreichte im Februar mit 4,8 Prozent ebenfalls einen Rekordwert.

Verstärkt drängen Gewerkschaften mit Verweis auf die höheren Lebenshaltungskosten auf höhere Löhne. In Deutschland fordert zum Beispiel die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in der aktuellen Tarifrunde eine Lohnerhöhung von mindestens 10,5 Prozent.

Christine Lagarde deutet weitere Zinserhöhungen durch EZB an

EZB-Chefvolkswirt Philip Lane geht davon aus, dass die Löhne „in den nächsten Jahren der primäre Treiber der Inflation“ werden. Die hohe Kerninflation ist daher das wichtigste Argument für eine straffere Geldpolitik.

Zu den prominentesten Verfechtern eines härteren Kurses zählt Bundesbank-Präsident Joachim Nagel. Er sagte am Mittwoch vor Bekanntgabe der Inflationszahlen in Deutschland und dem Euro-Raum, dass die Inflation „hartnäckig“ sei und entsprechend auch „robust und hartnäckig“ bekämpft werden müsse. Er rechne auch über den März hinaus mit weiteren „deutlichen“ Zinsschritten.

Auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde deutete am Donnerstag im spanischen Fernsehen an, dass weitere Schritte folgen könnten. „Zum jetzigen Zeitpunkt ist es möglich, dass wir diesen Weg weitergehen“, sagte sie. „Was sehr sicher ist, ist, dass wir alles tun werden, was nötig ist, um die Inflation wieder auf zwei Prozent zu bringen.“ Diese Entschlossenheit hatte Lagarde auch bei den jüngsten Pressekonferenzen signalisiert.

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Zuletzt haben Investoren ihre Erwartungen für die Zinsentwicklung im Euro-Raum angepasst. Sie gehen nun davon aus, dass die Zinsen länger auf hohem Niveau bleiben und erwarten mehr Zinsschritte. Das lag unter anderem an Aussagen von EZB-Vertretern.

Inflation könnte hartnäckiger sein als gedacht

So hat auch Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel gewarnt, dass sich die Inflation im Euro-Raum als hartnäckiger erweisen könnte, als gegenwärtig an den Märkten eingepreist wird. Zudem reagiere die Konjunktur langsamer als früher auf Zinserhöhungen. Die EZB müsse „möglicherweise energischer handeln“.

Aktuell liegt der an den Finanzmärkten maßgebliche Einlagenzins bei 2,5 Prozent. Anfang Februar wurde an den Terminmärkten für Ende des Jahres noch ein Satz von 3,5 Prozent eingepreist. Inzwischen sind es über 3,75 Prozent.

Auch mehrere Banken haben zuletzt ihre Prognosen für den Höhepunkt der Zinsen angehoben. Die US-Bank Goldman Sachs sieht diesen jetzt bei 3,75 Prozent erreicht, nachdem sie vorher 3,5 Prozent erwartet hatte. Sie geht nun davon aus, dass die EZB im Mai die Zinsen nochmals um einen halben Prozentpunkt erhöht.

Erstpublikation: 02.03.2023, 11:02 Uhr (aktualisiert am 02.03.2023, 18:07 Uhr).

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