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30.09.2019

19:33

Prozess gestartet

Envion-Skandal geht in die nächste Runde

Von: Felix Holtermann, Sönke Iwersen

Der größte deutsche ICO ist krachend gescheitert: Über 37.000 Anleger warten bis heute auf die Rückzahlung ihrer Einlagen – rund 100 Millionen Dollar. Nun geht der Fall vor Gericht.

Noch 2018 warb Envion mit Hochglanz-Bildern für sein Geschäftsmodell. Envion

„Mobile Mining Unit“

Noch 2018 warb Envion mit Hochglanz-Bildern für sein Geschäftsmodell.

Frankfurt, Düsseldorf Dass dieser Prozess nicht leicht wird, zeigt schon der Auftritt von Richter Flavio Mazzante. Auf einem Aktenwagen schob der Vorsitzende am vergangenen Freitag die laufenden Aktenmeter in den Gerichtssaal des Landgerichts Berlin. Über einen Meter an Leitz-Ordnern ist bereits zusammengekommen an Tag eins des Envion-Prozesses – und viele weitere dürften folgen.

Mazzante hat über den vielleicht wegweisendsten Rechtsstreit der deutschen Krypto-Branche zu entscheiden. Dabei geht es nicht nur um technische Details, um die Vollständigkeit von Emissionsprospekten und die wahren Hintergründe des größten deutschen virtuellen Börsengangs (Initial Coin Offering, ICO), sondern in letzter Konsequenz auch um die Frage, welche Rechte Anleger im virtuellen Anlageuniversum der Zukunft genau erwerben.

Der ICO der Envion AG war 2018 eine der weltweit zehn größten Finanzierungsrunden auf Basis der dezentralen Datenbanktechnik Blockchain. Die Berliner Geschäftspartner Michael Luckow und Matthias Woestmann hatten eines der hoffnungsvollsten Start-ups der Kryptoszene gestartet.

Für ihre Geschäftsidee, Kryptowährungen per Ökostrom in mobilen Containern zu produzieren, sammelten sie durch die Ausgabe virtueller Münzen (Token) in kürzester Zeit rund 100 Millionen Dollar ein. Den Anlegern versprachen sie bis zu 161 Prozent Rendite pro Jahr.

Doch kaum war das Geld eingestrichen, mündete der Streit der Beteiligten in ein heilloses Chaos. Nach dem ICO warf Woestmann Luckow vor, mehr Coins als verabredet hergestellt zu haben. Luckow bestritt das. In einer Art Palastrevolution führte Woestmann dann eine Kapitalerhöhung durch und verwässerte die Anteile, die Luckow und seine Partner an Envion besaßen.

Gearbeitet wurde bald gar nicht mehr, nach Angaben von Woestmann lag der Umsatz des Unternehmens seit der Gründung bei null. Das Kantonsgericht Zug entschied im November 2018, die AG aufzulösen.

Im März 2019 erklärte die Schweizer Finanzaufsicht Finma den ICO für von Anfang an illegal. Die für je einen Dollar ausgegebenen Token haben heute einen Wert von rund zwölf Cent. Viele Anleger fühlen sich getäuscht und klagen. Mit Spannung erwarten sie den Ausgang des Prozesses.

Über 50 Investoren werden von dem auf Anlegerklagen spezialisierten Berliner Anwalt István Cocron von der Kanzlei CLLB vertreten. Sie fordern die Rückzahlung von mehreren Hunderttausend Euro im Gegenzug zur Rückübertragung der von ihnen erworbenen Envion-Token. Cocron sagt: „Die Gründer haben nach unserer Auffassung in ihrer Rolle als Prospektverantwortliche und faktische Geschäftsführer der Envion AG die Investoren über die wahren Hintergründe des ICOs getäuscht, und das von Anfang an. Sollte das Gericht entscheiden, dass unsere Mandanten ihre Einzahlungen zurückfordern können, hätte das eine starke Signalwirkung. Dann könnten auch andere Anleger ihr Geld von den Hauptverantwortlichen des Envion-Desasters zurückerhalten.“

Und der Anwalt konkretisiert, wen er für den Hauptschuldigen hält: „Die Verantwortlichkeit für den aus unserer Sicht fehlerhaften Anlageprospekt liegt bei der Trado GmbH, die die faktische Geschäftsführung der Envion innehatte.“

Das Hauptargument: Das Konzeptpapier (Whitepaper) und der Anlageprospekt, mit denen die Envion-Token beworben wurden, seien irreführend gewesen. So hätten die Hintermänner die Anleger über die wahren wirtschaftlichen Verhältnisse im Unklaren gelassen. „Wie sich zwischenzeitlich herausstellte, waren die im Rahmen des ICO (...) veröffentlichten Angaben sowie die Ausführungen im Whitepaper und Prospekt unrichtig“, schreibt CLLB in der Klageschrift.

Die Gründer haben nach unserer Auffassung die Investoren über die wahren Hintergründe des ICOs getäuscht. István Cocron, Kanzlei CLLB

Beispielsweise sei die herausragende Rolle der Trado bei Konzeption und Durchführung des ICO nicht erwähnt worden. Außerdem habe diese einen den ICO steuernden Algorithmus, den sogenannten Smart Contract, so verändert, dass 24 Millionen mehr an Token produziert wurden als angegeben – das Investment also verwässert wurde.

Zudem wurde im Prospekt mit einem angeblich auf Envion lautenden Patent geworben, das gar nicht existiert habe. Die Schlussfolgerung: „Der Kläger fühlt sich somit von den Beklagten getäuscht und vorsätzlich sittenwidrig geschädigt.“

Die Anlegerklage richtet sich gleichermaßen gegen Trado und Envion. Aufgrund des laufenden Liquidationsverfahrens ist der Prozess gegen Letztere unterbrochen, weshalb sich nur die Trado-Seite vor Gericht verantworten musste.

Deren Chef Luckow war am Freitag nicht erschienen, seine Anwälte von der Berliner Kanzlei DWF bestritten die Vorwürfe vehement. Zu den „angebliche[n] Haftungstatbestände[n] aufgrund von Prospektverantwortlichkeiten“ der Trado erklären sie, dass die Trado zwar „aufgrund des großen Zeitdrucks“ des ICOs für die Envion „Leistungen erbracht“ habe. Das Ziel jedoch „war von Anfang an, die Umsetzung des Geschäftsmodelles vollumfänglich durch die Envion AG zu betreiben“.

Verantwortlicher Geschäftsführer sei Woestmann gewesen, während Trado nur als einer von mehreren Dienstleistern für Envion aufgetreten sei. „Hieraus folgt, dass für die Aufnahme und Benennung einer Rolle [der Trado GmbH] in dem Prospekt weder Veranlassung noch Raum bestand.“

Den Vorwurf der überzähligen Token-Produktion bezeichnet DWF-Anwalt Florian Daniel in seiner Erwiderung als „Märchen von den 40 Millionen Extra-Token“ und eine „Lügengeschichte“ des Lagers um Woestmann. In einem früheren Verfahren habe das Landgericht Berlin bereits erkannt, „dass der Vorwurf, die [Trado GmbH] habe ‚rechtswidrig Extra-Token‘ erstellt, haltlos ist.“

Auch der Vortrag der Anlegeranwälte, der Kläger habe aufgrund angeblich fehlerhafter Inhalte des Prospekts in Envion investiert, sei nicht überzeugend. So seien im Prospekt zahlreiche Risikofaktoren genannt.

Und es sei davon auszugehen, dass der Kläger seine Investitionsentscheidung auf Basis anderer Faktoren getroffen habe: „Zukunftsglauben in die weiterhin starke Kursentwicklung von Kryptowährungen, erhebliche Risikobereitschaft und Spekulation.“

Beim ersten Prozesstag war für die Kläger vor allem eine Frage relevant: Würde das Gericht die Mitverantwortung der den ICO hauptsächlich organisierenden Trado von Luckow akzeptieren? Falls ja, stünde nicht nur die sich in Liquidation befindliche Envion von Ex-CEO Woestmann in der Verantwortung.

Das wäre aus zwei Gründen wichtig: Zum einen könnte die Liquidation, die vom Konkursamt Zug verwaltet wird, noch ein bis zwei Jahre dauern. Zum anderen liegen mehrere Millionen der eingesammelten Investorengelder nicht auf den von den Schweizer Behörden gesperrten Envion-Konten, sondern bei Trado in Berlin.

Die erste vorläufige Einlassung des Vorsitzenden Richters fiel für die Anlegerkläger ermutigend aus. In dieser erklärte das Gericht Trado als Gründungsgesellschafter der Envion für mitverantwortlich. Als eigentlicher Organisator des ICO dürfte sie damit für die Richtigkeit und Vollständigkeit des Prospekts haften.

Krypto-Glossar

Blockchain

... heißt eine Datenbanktechnik, die nicht von einem Buchhalter, sondern dezentral verwaltet wird. Da jeder Nutzer über eine Kopie verfügt und alle gespeicherten Transaktionen dauerhaft einsehen kann, gilt die Blockchain als praktisch fälschungssicher. Ihre erste Anwendung war die Kryptowährung Bitcoin.

ICO

... steht für „Initial Coin Offering“. ICOs sollen Start-ups unkompliziert finanzieren. Die Gründer geben keine Aktien heraus, sondern Token. Investoren kaufen diese mit Bitcoin, Ethereum oder per Kreditkarte. Beim Envion-ICO wurden alle drei Zahlungsarten genutzt.

Token

... ähneln virtuellen Gutscheinen. Welche Rechte sie genau enthalten, ist offen. Manche werden als Spendenquittungen deklariert. Andere versprechen den Zugang zu künftigen Services – oder wie im Envion-Fall Dividendenzahlungen. Token ähneln damit Aktien und fallen unter die schärfere Wertpapierregulierung.

Doch auch die Seite von Trado fühlt sich bestärkt: „Auf den Patentantrag ist korrekt hingewiesen worden. Die Trado wird jetzt noch darlegen, dass das Patent auch der Envion AG zur Verfügung gestanden hätte, wenn es zur Durchführung des Geschäftskonzeptes gekommen wäre“, erklärte ein Sprecher.

Im Folgenden werde Trado „nochmals im Detail darlegen, dass die Kontrolle über alle Mittel aus dem ICO vollständig bei dem Verwaltungsrat Woestmann der Envion AG lag“. Dann gebe es „keine Erfolgsaussicht der Klage“.

Die Parteien sind nun aufgefordert, Ende Oktober erneut vorzutragen. Ende November will das Gericht entscheiden, ob es zur Zeugenanhörung kommt.

Dann könnten sich auch die beiden Ex-Geschäftspartner und heutigen Intimfeinde Luckow und Woestmann wiedersehen. Das Ergebnis des Zivilrechtsprozesses dürfte auch die parallel laufenden strafrechtlichen Ermittlungen beeinflussen. Ein Gerichtstermin steht hier noch aus.

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