Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

14.01.2019

16:57

Durch die zweite EU-Zahlungsdiensterichtlinie sollte der Zahlungsverkehr in der EU für Verbraucher bequemer und sicherer gemacht und der Wettbewerb gefördert werden. Getty Images; Per-Anders Pettersson

Banking-Apps

Durch die zweite EU-Zahlungsdiensterichtlinie sollte der Zahlungsverkehr in der EU für Verbraucher bequemer und sicherer gemacht und der Wettbewerb gefördert werden.

PSD2

Die zweite EU-Richtlinie zu Zahlungsdiensten hat eine Revolution im Verborgenen ausgelöst

Von: Katharina Schneider

Seit einem Jahr gilt ein neues Gesetz für Zahlungsdienste. Erst ein Start-up hat sich eine Erlaubnis der Bafin gesichert. Doch im Hintergrund ist die Revolution voll in Gang.

Frankfurt Es sollte der Startschuss für eine Revolution sein: Seit genau einem Jahr können Unternehmen bei der Finanzaufsicht eine Art Schlüssel zum Bankkonto beantragen. Auf Wunsch ihrer Kunden dürfen sie damit auf deren Konto zugreifen, Daten auslesen oder Zahlungen abbuchen. Damit können sie sich in die Beziehung zwischen den Kunden und ihren Banken drängen und Zugriff zu wertvollen Informationen erhalten.

Allerdings: Bei der deutschen Finanzaufsicht Bafin hat bislang nur das Fintech Figo einen solchen Schlüssel ergattert. Ist die Revolution abgesagt? Im Gegenteil. Wie die Bafin dem Handelsblatt bestätigte, haben sich mehr als 30 weitere Firmen bei ihr um den „Schlüssel“ beworben. Hinzu kommen Firmen, die ihre Erlaubnis in anderen EU-Staaten erhalten.

Dank eines neuen Geschäftsmodells werden noch viel mehr Firmen von der Erlaubnis Einzelner profitieren. Und: Die womöglich gefährlichsten Bankkonkurrenten – Google und Amazon – haben die Zugriffsrechte auch ohne den neuen „Schlüssel“.

Hintergrund der „Schlüsselvergabe“ ist die zweite EU-Zahlungsdiensterichtlinie, kurz PSD2. Sie wurde am 13. Januar 2018 in nationales Recht umgesetzt. Ihr Ziel: den Zahlungsverkehr in der EU für Verbraucher bequemer und sicherer machen und den Wettbewerb fördern.

Sie ist auch der Grund, warum Onlinehändler für die Zahlung per Kreditkarte keine Extragebühr mehr verlangen dürfen. Die Vorgabe, dass Banken den Drittanbietern mit Schlüssel Zugriff auf die Konten gewähren müssen, dürfte weitreichende Folgen haben. Die Banken verlieren einen Wettbewerbsvorteil und womöglich sogar den Kontakt zu ihren Kunden.

Elektronische Geldbörse: Was Googles Lizenz für E-Geld in Europa bedeutet

Elektronische Geldbörse

Was Googles Lizenz für E-Geld in Europa bedeutet

Von der Bankaufsicht in Litauen hat Google eine E-Geld-Lizenz erhalten. Was das für Banken und Verbraucher bedeuten könnte.

André M. Bajorat, Geschäftsführer von Figo, hat den „Schlüssel“ schon seit Mitte August vergangenen Jahres. Formal ausgedrückt heißt das: Die Bafin hat Figo die Erlaubnis erteilt, als sogenannter Zahlungsauslösedienst (ZAD) zu agieren, und das Start-up zudem als Kontoinformationsdienst (KID) registriert. Diese beiden Varianten eines Zahlungsinstituts wurden durch die PSD2 neu geschaffen.

Ein ZAD darf im Namen der Kunden Überweisungen von deren Konten anstoßen. Ein KID darf Informationen aus den Kontobuchungen ziehen und kann Nutzern damit beispielsweise eine Finanzübersicht über all ihre Konten bieten oder aus den Daten Aussagen über ihre Bonität ableiten, damit ihr Kreditwunsch geprüft werden kann.

Kontrollierter Zugang

Was den Laien verwirren mag: In der Praxis gibt es schon seit Jahren Anbieter, die auf Wunsch ihrer Kunden auf Konten zugreifen. Dank einer Übergangsfrist dürfen sie damit weitermachen, bis sie die Erlaubnis der Aufsicht erhalten. Zu den Pionieren zählt Sofortüberweisung. Beim bisherigen Zugriffsweg aufs Konto bekommen die Firmen nach Ansicht der Regulierer viel mehr Daten zu sehen als nötig, und die Bank hat keine Kontrolle darüber, wer auf das Konto zugreift. Um das zu ändern, müssen auch die Banken aktiv werden und eine Schnittstelle (API) mit Einlasskontrolle erstellen, an der die Fintechs ihren „Schlüssel“ vorzeigen.

Dass Figo seine Erlaubnis in nur vier Monaten erhielt, erklärt Bajorat mit der intensiven Vorarbeit seines Teams: „Wir haben uns sehr früh mit der PSD2 beschäftigt und uns bei der Auslegung der Richtlinie und den technischen Details aktiv eingebracht.“

Dass noch nicht mehr Verfahren abgeschlossen sind, hat laut Jens Obermöller, Referatsleiter Zahlungsverkehr und Cybersicherheit bei der Bafin, mehrere Gründe: „Für die meisten Antragsteller geht es um ihre erste Eintrittskarte in die regulierte Finanzwelt, und oft mangelt es an Erfahrung im Umgang mit der Aufsichtsbehörde“, sagte er dem Handelsblatt. „Bisher haben wir keinen Antrag erhalten, der auf Anhieb vollständig war.“

Regulierung des Zahlungsverkehrs: Start-ups bekommen viel zu tun

Regulierung des Zahlungsverkehrs

Start-ups bekommen viel zu tun

Im Januar treten neue Regeln zum Zahlungsverkehr in Kraft. Insbesondere Drittanbieter wie Fintechs müssen dann strengere Anforderungen erfüllen. Wer nur versucht, die Bafin zu beeindrucken, hat schlechte Karten.

Häufig seien die Angaben nicht detailliert genug, nicht so dargestellt, dass auch ein sogenannter verständiger Dritte sie nachvollziehen könne, oder es fehle an Visualisierungen wie Screenshots aus Apps. Wegen Nachfragen und des Wartens auf Antworten gehe es häufig nur in kleinen Schritten voran. Zudem sei Gründlichkeit das oberste Gebot: „Wir müssen von Anfang an für ein hohes Sicherheitsniveau bei den neuen Marktteilnehmern sorgen. Käme es zu Problemen, könnte dies das Vertrauen in die gesamte Branche erschüttern“, so der Aufseher.

Niklas Grisar, Experte für Zahlungsverkehr bei der Beratung Capco, sieht noch einen anderen Grund für den langen Prozess: „Die Bafin ist personell sehr dünn besetzt und bräuchte mehr Fachpersonal, um die vielen neuen Anforderungen im Zuge der PSD2 schneller bearbeiten zu können.“ Und Figo-Chef Bajorat meint: „Auch die Bafin muss erst eine Routine entwickeln.“

Neues Geschäftsmodell

Zu den Bewerbern um eine Erlaubnis als Zahlungsauslöse- und Kontoinformationsdienst gehört auch Stefan Krautkrämer, Co-Gründer von Fintecsystems. „Für ein kleines Unternehmen ist der Antrag eine Mammutaufgabe und hat uns viel Zeit und Innovationskraft gekostet“, sagt er. Der Umfang: Ausgedruckt habe die einfache Fassung der Unterlagen drei Aktenordner gefüllt.

Um ein Zahlungsauslösedienst werden zu können, musste er zudem mindestens 50.000 Euro Anfangskapital vorweisen und eine Versicherung, die im Haftungsfall einspringt. Dass der Aufwand so enorm ist, sieht Krautkrämer aber als Chance: Für Firmen, die selbst keine Bafin-Erlaubnis haben, will das Start-up den Zugriff auf die Konten der Kunden übernehmen und ihnen die dabei gewonnenen Daten zur Verfügung stellen. „Diese Dienstleistung ist nicht nur für andere Fintechs, sondern beispielsweise auch für Immobilienmakler und Versicherer interessant und wird unser Wachstum antreiben“, erwartet er.

Figo bietet diesen Service bereits und bezeichnet ihn als „Regshield“. Auch Fintechs wie BANKSapi, FinAPI, Fino und NDGIT planen entsprechende Angebote. Hakan Eroglu, Zahlungsmarktexperte bei der Beratung Accenture, hält das für ein „attraktives Geschäftsmodell“ und rechnet mit einer großen Nachfrage.

Plattformökonomie: Wie Europas Banken das Amazon-Prinzip kopieren – und was sie sich davon versprechen

Plattformökonomie

Wie Europas Banken das Amazon-Prinzip kopieren – und was sie sich davon versprechen

Immer mehr Internetkonzerne bieten auch Finanzdienstleistungen an. Europas Geldhäuser eifern ihnen nach, doch nicht jede Bank wird das überleben.

Zwei Gruppen von Firmen können sich den ganzen Erlaubnisprozess allerdings sparen. Zur einen zählt zum Beispiel Outbank, das zu Verivox gehört. Mit der App können sich Nutzer einen Überblick über verschiedene Konten verschaffen. Aber: „Die Kontodaten gelangen nicht auf unsere Server, sondern werden von der Bank direkt auf das Smartphone unserer Nutzer geleitet und dort gespeichert“, erklärt Anya Schmidt, Chief Mobile Officer bei Verivox. Daher braucht Outbank keine Erlaubnis der Bafin.

Vom Antragsprozess verschont bleiben auch Banken und E-Geld-Institute. Zu Letzteren zählt seit Kurzem auch Google, länger schon Amazon. „Mit einer E-Geld-Lizenz kann ein Unternehmen wie Google ein eigenes Zahlungssystem aufbauen“, sagt Eroglu. „Ich sehe auch durchaus das Potenzial, dass Google einen Finanzmanager starten könnte.“

Dem Konzern dürfte es dabei vor allem um zusätzliche Zahlungsverkehrsdaten seiner Kunden gehen. All das zeigt: Im Register der Bafin ist die Revolution noch nicht sichtbar, dennoch ist sie voll in Gang.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×