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11.03.2021

18:37

Ratssitzung

EZB will Tempo der Anleihekäufe erhöhen und erwartet 2021 höhere Inflation

Von: Jan Mallien, Andreas Neuhaus, Jürgen Röder

Die EZB reagiert auf den jüngsten Anstieg der Renditen von Staatsanleihen. Für dieses Jahr schraubt die Notenbank ihre Inflationsprognose deutlich nach oben.

Dieses Jahr erwartet die Zentralbank eine Teuerungsrate von 1,5 Prozent. AFP

Die EZB-Zentrale in Frankfurt

Dieses Jahr erwartet die Zentralbank eine Teuerungsrate von 1,5 Prozent.

Frankfurt, Düsseldorf Die Europäische Notenbank (EZB) will das Tempo ihrer Anleihekäufe im zweiten Quartal deutlich erhöhen. Das gab die Notenbank am Donnerstag bekannt. Damit reagiert die EZB auf den Renditeanstieg am Anleihemarkt. Im aktuellen Umfeld bleibe „die Sicherstellung günstiger Finanzierungsbedingungen während der Pandemie-Phase entscheidend“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde am Donnerstag auf ihrer Pressekonferenz nach der Ratssitzung.

In einem Statement heißt es zudem, die Anleihekäufe des in der Corona-Pandemie aufgelegten Programms PEPP sollten „im nächsten Quartal deutlich schneller als in den ersten Monaten dieses Jahres getätigt werden“.

Die Entscheidung zeigte gleich Wirkung: Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fiel, und der deutsche Leitindex Dax stieg auf ein Rekordhoch. Auch die Verzinsungen italienischer, portugiesischer und spanischer Anleihen gaben deutlich nach.

In den vergangenen Wochen sind die Renditen von Anleihen deutlich gestiegen. Als wichtiger Auslöser gilt das geplante Konjunkturpaket von US-Präsident Joe Biden im Umfang von etwa 1,9 Billionen Dollar. Ökonomen erwarten dadurch ein deutlich höheres Wachstum in den USA, aber auch eine höhere Inflation. Das sorgte für höhere Renditen in den USA, die auch die Renditen in Europa angeschoben haben. Die Anleiherenditen sind eine wichtige Orientierungsmarke für Banken und andere Finanzakteure. Die EZB sieht daher die Gefahr, dass sich dadurch die Finanzierungsbedingungen insgesamt verschlechtern könnten.

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    Ökonomen reagierten unterschiedlich auf die EZB-Entscheidung. Laut dem Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, „muss die EZB den Zinsanstieg begrenzen, damit die Finanzierungsbedingungen ausreichend positiv bleiben“. Dagegen sieht der Ökonom des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Friedrich Heinemann, keinen Handlungsbedarf. „Nirgendwo in Europa wird die Erholung derzeit durch zu hohe Zinsen behindert“, sagte er, „sondern durch die Pandemie und neue Lockdowns.“

    So kommentieren Ökonomen die EZB-Entscheidung

    Marcel Fratzscher (Präsident DIW-Institut)

    „Die EZB wird in den kommenden Monaten keine andere Wahl bleiben, als ihre Anleihekäufe wieder auszuweiten, um den Zinsanstieg im Euroraum zu begrenzen. Nicht nur die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Pandemie, sondern auch das riesige Konjunkturprogramm der neuen US-Regierung sind wichtige Ursachen für die steigenden Zinsen der vergangenen Wochen. Die EZB muss den Anstieg der Zinsen begrenzen, damit die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen nach wie vor ausreichend positiv bleiben.“

    Holger Schmieding (Chefökonom Berenberg Bank)

    „Dass die EZB die Flexibilität ihres Ankaufprogramms nutzen möchte, um den Anstieg der Anleiherenditen abzubremsen, ist keine Überraschung. Aber sie hat dies heute deutlicher betont als erwartet. Sollte es in den kommenden Monaten dennoch zu einem nennenswerten Anstieg der Renditen kommen, beispielsweise als Folge deutlich höherer Renditen in den USA, würde dies die Glaubwürdigkeit der EZB auf den Prüfstand stellen.“

    Daniel Lenz (DZ Bank)

    „Auf der heutigen EZB-Ratssitzung hat Christine Lagarde deutlich gemacht, dass die Zentralbank bei der Bekämpfung der Pandemie-Folgen äußerst flexibel ist. Aus Sicht der Notenbank bietet das PEPP alle Möglichkeiten bei Bedarf die Anleihekäufe auszuweiten. Deshalb will die EZB das Tempo der Anleihekäufe im kommenden Quartal deutlich erhöhen. Das beruhigt auch die Märkte. Ohne neue, konkrete Beschlüsse vermeidet es die EZB, aktionistisch zu wirken. Lagarde will offensichtlich nicht den Eindruck erwecken, dass die geldpolitischen Entscheidungen durch kurzfristige Marktstimmungen getrieben sind. Die Märkte dürften die Handlungsbereitschaft der EZB in den kommenden Wochen testen. Vor allem die wöchentlichen Daten zu den Anleihekäufen werden ein Gradmesser dafür sein, wie sehr sich die Notenbank einem weiteren Renditeanstieg entgegenstellt.“

    Otmar Lang (Chefvolkswirt Targobank)

    „Heute hat EZB-Chefin Christine Lagarde in der Pressekonferenz für klare Verhältnisse gesorgt. Zur Begrenzung des Renditeanstiegs will die Europäische Zentralbank ihr Anleiheankaufprogramm für die nächsten drei Monate forcieren. Diese Linie macht Sinn. Denn nicht jeder Renditeanstieg ist ein geldpolitisches Problem, welches einer scharfen geldpolitischen Antwort mit Langzeitwirkung bedarf. Vor allem angesichts der Tatsache, dass sich die Renditen für Staatsanleihen mit einer Restlaufzeit von zehn Jahren gerade mal um 0,3 Prozentpunkte nach oben bewegt hatten. Hinzu kommt: Die anziehenden Inflationserwartungen verbunden mit einem sich verbessernden Konjunkturausblick sind doch genau der Mix, den sich die EZB-Entscheider schon so lange wünschen.“

    Thomas Mayer (Flossbach von Storch Research Institute)

    „Die EZB will zwar höhere Inflation, aber keine höheren Zinsen. Um den Märkten das beizubringen, muss sie das dort im Aufwind stehende Inflationsnarrativ verbal und mit höheren Anleihekäufen bekämpfen. Dazu dienen Lagardes Versprechungen weiterhin lockerer Finanzbedingungen und die Erhöhung der Anleihekäufe unter PEPP. Im Grunde ist das eine versteckte 'yield curve control', wie sie die Bank von Japan schon lange offen betriebt.“

    Alexander Krüger (Chefvolkswirt Bankhaus Lampe)

    „Von der Inflationspanik hat sich die EZB nicht anstecken lassen. Ihr Hauptaugenmerk liegt weiter auf günstigen Finanzierungsbedingungen. Dass es die EZB mit deren Durchsetzung ernst meint, zeigt ihr Vorhaben, die PEPP-Käufe deutlich zu steigern. Dies ist als implizite Kontrolle der Zinsstrukturkurve zu verstehen. Dabei agiert die EZB vorbeugend, will sie doch eine Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen vermeiden. Es bleibt dabei: Eine Wette gegen die EZB wird sich nicht lohnen. Daran wird auch die noch steigende Inflationsrate nichts ändern. Sie erleichtert es der Notenbank, die allgemeine Schuldentragfähigkeit zu gewährleisten.“

    Friedrich Heinemann (ZEW)

    „Es ist gut, dass sich die Tauben im EZB-Rat dieses Mal noch nicht völlig durchgesetzt haben und der Rat nicht verfrüht eine neuerliche Erhöhung der PEPP-Obergrenze beschlossen hat. Es wäre völlig übertrieben, den Anstieg der Anleiherenditen seit Jahresanfang zu dramatisieren. Man muss dabei auch das Niveau betrachten: Sogar die griechischen 10-Jahres-Zinsen liegen derzeit unter einem Prozent. In realer Betrachtung sind die Renditen aller Euro-Staatsanleihen negativ. Europa verharrt auch bei den Kapitalmarktzinsen daher in einer einzigartigen Niedrigzinssituation. Wer bei diesen Zinsniveaus aus einem Anstieg von 0,3 Prozentpunkten schon ein Problem für die Erholung der Euro-Zone macht, verkennt völlig die Ursachen der Corona-Rezession. Nirgendwo in Europa wird die Erholung derzeit durch zu hohe Zinsen behindert, sondern durch die hartnäckige Pandemie, immer neue Lockdowns und ein enttäuschend langsames Impftempo. Die EZB ist nicht allmächtig und tut gut daran, sich in dieser Phase zurückzuhalten.“

    Ulrich Wortberg (Helaba)

    „Die EZB hat die Geldpolitik nicht grundsätzlich verändert. Es bleibt bei der sehr expansiven Ausrichtung. Mit dem Anstieg der Renditen und der Inflationserwartungen besteht allerdings ein gewisser Handlungsdruck und so hat sie die Flexibilität des Pandemie-Notfall-Programms hervorgehoben und beschlossen, im Rahmen dieses Programms die Käufe vorübergehend zu erhöhen. Die EZB ist bestrebt, für günstige Finanzierungsbedingungen zu sorgen.“

    Uwe Burkert (LBBW-Chefvolkswirt)

    „Die EZB hat schnell auf den Renditeanstieg reagiert und kauft im kommenden Quartal mehr Anleihen im Rahmen des PEPP. Der Spielraum ist ja zunächst auch ohne weitere Erhöhung des Gesamtrahmens vorhanden. Das wird jetzt spannend, wie der Markt darauf reagiert. Es könnte sein, dass einige Akteure die Entschlossenheit der EZB testen wollen, so dass wir noch einen weiteren Renditeanstieg sehen werden. Aber letztlich sitzt die Zentralbank am längeren Hebel, weil sie über unbegrenzte Munition verfügt. Das Statement der EZB ist zudem ein Hinweis darauf, dass sie den Anstieg der Inflation nicht für bedrohlich bzw. mit Blick auf das Ziel von knapp zwei Prozent nicht für nachhaltig hält.“

    Offen blieb auch in Lagardes Pressekonferenz, was genau mit einem deutlich höheren Kauftempo gemeint ist. Eine genaue Zahl habe sie nicht im Kopf, sagte Lagarde. „Wir haben beim PEPP volle Flexibilität, das ist der Eckpfeiler von PEPP.“

    Kräftige Erholung der Wirtschaft erwartet

    Die Notenbank rechnet mit einer deutlichen wirtschaftlichen Erholung in diesem Jahr. Laut Lagarde bleiben aber die kurzfristigen Konjunkturaussichten unsicher - insbesondere in Bezug auf die Dynamik der Pandemie und die Geschwindigkeit der Impfkampagnen. Die EZB rechnet nun für das laufende Jahr mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 4,0 Prozent.

    Grafik

    Außerdem hob sie ihre Inflationsprognose für dieses Jahr von 1,0 auf 1,5 Prozent an. Es sei zwar möglich, dass die Rate Ende des Jahres zwei Prozent erreichen könne, sagte Lagarde. Die EZB werde aber durch die Entwicklung „hindurchsehen“. Der Anstieg sei voraussichtlich vorübergehend und werde nicht zu einem grundlegenden Preisauftrieb führen.

    Eine Ausweitung ihrer Hilfen für die Wirtschaft beschloss die EZB nicht. Sie hatte erst im Dezember ihr Kaufprogramm in der Corona-Pandemie auf 1,85 Billionen Euro ausgeweitet. Von diesem Volumen hat sie erst rund 850 Milliarden Euro ausgeschöpft. Auch den für die Geldpolitik entscheidenden Einlagenzins beließ die EZB auf dem bisherigen Niveau von minus 0,5 Prozent. Das heißt: Banken müssen für überschüssige Liquidität, die sie bei der EZB halten, einen Minuszins zahlen.

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