Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

25.06.2019

18:45

Anlageskandal

P&R-Gläubiger stimmen Vergleichsangebot zu – Abschlagzahlung 2020 wird wahrscheinlich

Von: Lars-Marten Nagel, Andreas Neuhaus

P&R-Anlegern war ein Vergleichsvorschlag unterbreitet worden. Die Rückmeldung übertrifft die Erwartung des Insolvenzverwalters – und könnte den Gläubigern bald Geld einbringen.

Bei dem Unternehmen hatten 54.000 Anleger gut 3,5 Milliarden Euro angelegt. dpa

P&R-Betrugsskandal

Bei dem Unternehmen hatten 54.000 Anleger gut 3,5 Milliarden Euro angelegt.

Berlin, Düsseldorf Es ist eine gute Nachricht, findet Alois Moosmeyer*. Der 75 Jahre alte Münchener hat sein Leben lang Fußböden verlegt. Die Altersvorsorge wollte er aus Container-Investments der P&R-Gruppe aus Grünwald bestreiten. Die Milliardenpleite des Containervertriebs im vergangenen Jahr bedeutete für Moosmeyer nichts anderes, als dass 300.000 Euro Vermögen plötzlich weg waren. Ein privates Drama, wie es tausende in dem Anlageskandal gab.

Seit Dienstag nun hat der Rentner wieder ein wenig Hoffnung. „Wahrscheinlich wird es dann mehr oder weniger ein gutes Taschengeld, aber das ist immer noch besser als nichts“, sagt er mit Blick auf eine mögliche erste Abschlagzahlung, die der P&R-Insolvenzverwalter Michael Jaffé aus München gerne schon kommendes Jahr leisten möchte.

Die Chancen, dass es zu dieser Abschlagzahlung kommt, sind gerade enorm gestiegen. Wie Jaffé am Dienstag bekannt gab, haben mehr als 95 Prozent der Gläubiger seinem Vergleichsvorschlag zugestimmt, der Voraussetzung für die Zahlung in 2020 ist. „Es gehen täglich noch unterzeichnete Vergleichsvorschläge ein, so dass die Zustimmungsquote in den nächsten Wochen noch weiter ansteigen wird“, erklärte Jaffé in einer Zwischenbilanz.

Zu Beginn des Verfahrens war noch unklar gewesen, wie sich die Gläubiger verhalten würden. Der Insolvenzverwalter hatte sich zunächst zurückhaltend geäußert. Als Mitte Mai ein Drittel der P&R-Gläubiger zugestimmt hatten, sagte Jaffé, der Insolvenzprozess sei auf einem guten Weg.

Trotzdem bittet er auch die verbleibenden fünf Prozent um Zustimmung: „Gläubiger, die bislang noch nichts zurückgesandt haben und den Vergleichsvorschlag annehmen wollen, werden gebeten, dies rasch zu tun, da eine Annahme durch alle Gläubiger angestrebt wird.“ Die Zeit drängt, viele Anleger sind wie Moosmeyer längst im Rentenalter.

Die P&R-Gruppe hatte im Frühjahr 2018 Insolvenz angemeldet. Zuvor hatten 54.000 Anleger gut 3,5 Milliarden Euro bei dem Unternehmen angelegt, das sein Geld mit dem Verkauf und der Vermietung von Schiffscontainern verdienen wollte. Die Anleger erwarben die Boxen, die P&R dann über eine schweizerische Schwesterfirma an Reedereien vermietete. Später kaufte P&R die Container zurück. Die Renditen lagen bei drei bis fünf Prozent pro Jahr.

Insolvenzverwalter Jaffé stellte allerdings fest, dass von den 1,6 Millionen auf dem Papier verkauften Containern nur gut 600.000 existierten – der Rest waren Scheingeschäfte, für die die Anleger jedoch Geld gezahlt hatten. Die Münchener Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen den ehemaligen Firmenchef Heinz Roth wegen gewerbsmäßigen Betrugs erhoben. Der 76-Jährige schweigt bislang zu den Vorwürfen. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, wäre P&R einer größten Betrugsfälle in der Geschichte der Bundesrepublik.

Nach der Pleite blieben Insolvenzverwalter Jaffé rund 600.000 Container, die weiterhin über Weltmeere fahren und jedes Jahr viele Millionen an Miete erlösen. Um die Gelder an die Gläubiger auszuschütten, muss sich Jaffé mit jenen unter anderem auf eine Berechnung der Forderungshöhen einigen. Jaffés Vergleich umfasste deshalb eine neue Berechnung der Forderungshöhen nach dem Prinzip des „negativen Interesses“.

Anleger sollen damit so gestellt werden, als wenn sie nie P&R-Container gekauft hätten. Die neue Berechnungsmethode dient laut Jaffé dazu, alle Gläubiger gleich und fair zu behandeln. Andere Berechnungswege scheitern daran, dass die Rückkaufswerte der Container in den Verträgen nicht fixiert worden waren. Mit 95-Prozent-Zustimmung kann Jaffé nun darauf verweisen, dass die überwiegende Mehrheit der Gläubiger hinter ihm steht.

Der Insolvenzverwalter geht derzeit davon aus, dass die abschließende Entscheidung über die Annahme im Herbst 2019 verkündet wird. Insgesamt wurden in den vier Insolvenzverfahren der P&R-Gruppe über 80.000 Schreiben an rund 54.000 Gläubiger verschickt.
Wie viel Geld Jaffé am Ende wirklich retten kann, ist derzeit noch unklar. Bis Ende 2021 soll es jedenfalls mehr als eine halbe Milliarde Euro sein. Es hängt viel vom Containermarkt ab und davon, welche Summen sich mit dem vorhandenen Containerbestand erwirtschaften lassen. Alois Moosmeyer sagt, er sei auch mit „kleinen Brötchen“ zufrieden. „Ein wenig Geld in 2020? Das wäre super, wenn es so kommt.“
* Name geändert

Handelsblatt Premium

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×