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13.09.2019

13:40

Anlageskandal um Containerfirma

Milliardenpleite P&R: Die Wut der Anleger richtet sich zusehends gegen Makler

Von: Lars-Marten Nagel

Bis zu drei Milliarden Euro haben Privatanleger im P&R-Skandal verloren. Jetzt wenden sie sich auch gegen die Vertriebspartner – meist erfolglos.

P&R: Warum viele Anleger machtlos gegen Makler sind dpa

P&R-Gruppe

Die P&R-Gruppe verkaufte die Container an Privatanleger, mietete die Boxen zugleich und vermittelte sie an Reedereien.

Berlin Die Richter hatten keine große Wahl: Es stand Aussage gegen Aussage. Vor vier Wochen wies die fünfte Zivilkammer am Landgericht in Mainz die Klage eines Konditormeisters und seiner Frau ab.

Das Ehepaar hatten 24 Container bei der P&R-Gruppe gekauft. Nachdem ihr Investment im Strudel der Megapleite versunken war, wollten sie rund 55.000 Euro von ihrem Vermittler erstreiten.

Für den Anwalt des Vermittlers, Nikolaus Sochurek, Partner der wirtschaftsrechtlichen Kanzlei Peres & Partner, ist die Entscheidung des Landgerichts Mainz ein Fingerzeig. „Was wir zurzeit sehen, ist Teil der sogenannten Auftaktrechtsprechung, weil keine obergerichtlichen Entscheidungen vorliegen. Gleichwohl wird das Urteil des Landgerichts Mainz auf andere Prozesse ausstrahlen.“ Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Die P&R-Gruppe hatte im Frühjahr 2018 Insolvenz angemeldet. In einem der größten Kapitalanlageskandale der deutschen Geschichte stehen 3,5 Milliarden Euro von 50.000 Privatanlegern im Feuer. Betroffen sind überwiegend ältere Menschen, die in die vermeintliche Seriosität des Containervertriebs vertrauten.

Die P&R-Gruppe verkaufte die Container an Privatanleger, mietete die Boxen zugleich und vermittelte sie an Reedereien. Nach fünf Jahren kaufte sie die gebrauchten Container zurück. Die Renditen lagen im durchaus realistischen Bereich von drei bis fünf Prozent, weshalb lange kaum jemand Verdacht schöpfte.

Dass ihnen die vermeintlich gekauften Container gar nicht gehörten, diese Erkenntnis dürfte den P&R-Anlegern erst nach der Insolvenz gekommen sein. Insolvenzverwalter Michael Jaffé stellte überraschend fest, dass statt der verkauften 1,6 Millionen Stahlboxen nur 600.000 tatsächlich auf den Weltmeeren unterwegs waren.

Anderthalb Jahre nach der Megapleite wollen zahlreiche Anleger wie der Konditormeister in Mainz nicht mehr abwarten, wie viel Geld der Insolvenzverwalter retten kann. Sie wenden sich auch gegen Vertriebspartner. Bislang verlaufen diese Klagen allerdings meist erfolglos.

„Nachvollziehbare Details“ in allen Darstellungen

„Die Gerichte scheinen nicht allzu verurteilungswillig“, sagt Marc Ellerbrock aus der Kanzlei BEMK Rechtsanwälte in Bielefeld. Er vertritt rund 90 Firmen und Einzelmakler, die P&R Container vertrieben. Ellerbrock argumentiert, dass die Makler ein Totalverlustrisiko kaum hätten erkennen können. Selbst im Falle einer Insolvenz hätten sie erwarten dürfen, dass wenigstens die Container als Sachwert vorhanden sind.

Im Mainzer Fall warfen die Kläger dem Vermittler vor, er habe sie falsch beraten, Risikohinweise bagatellisiert oder als „bloße Formalie“ abgetan – was der Vermittler bestritt. Die Richter hörten sich die Versionen der drei Beteiligten an und erkannten „nachvollziehbare Details“ in allen Darstellungen.

Aber es fehlten unabhängige Zeugen für die Beratungsgespräche, sodass deren Inhalt letztlich strittig blieb. Die Anleger hatten zudem Formulare mit Risikobelehrungen unterschrieben. „Danach hat die Klage aus Beweislastgründen keinen Erfolg“, schrieb die Kammer in ihr Urteil.

Besonders zwei Punkte aus diesem Fall sind Vermittler-Anwalt Sochurek zufolge übertragbar. Das Landgericht in Mainz urteilte, dass der Vermittler die Insolvenz nicht habe vorhersehen können. Außerdem habe er an den Verträgen nicht erkennen können, dass die Anleger gar kein Eigentum an den Containern erwarben. Diese Feststellung hätte eine komplizierte „sachenrechtliche“ Prüfung erfordert, die vom Vermittler nicht geschuldet sei, so das Gericht.

„Dieses Urteil schlägt vielen Anlegern vorerst zwei scharfe Schwerter aus der Hand“, sagt Sochurek.

Die Anwälte der Anleger sowie der Vertriebler schauen nun gleichermaßen nach Thüringen. Im Februar machte ein Urteil des Landgerichts Erfurt den Investoren Hoffnung. Rechtsanwalt Sascha Schiller aus Bremen erstritt erstinstanzlich, dass ein Makler einem P&R-Anleger 120.000 Euro Schadensersatz zahlen muss.

Der Mann habe „unzureichend beziehungsweise verharmlosend“ über Risiken aufgeklärt, hieß es in dem Urteil. Vor allem die Mieten hätten nicht als „bedingungslos“ garantiert angepriesen werden dürfen.

„Übereinstimmendes Ergebnis der Befragung beider Parteien durch das Landgericht Erfurt war, dass der Anlageberater weder über das Totalverlust- noch über das Privatinsolvenzrisiko aufgeklärt hat“, sagt Schiller. Er sei sehr zuversichtlich, dass die Berufung vom Thüringer Oberlandesgericht zurückgewiesen werde.

Die Landgerichte in Mainz und Erfurt könnten in ihren Urteilen kaum weiter auseinanderliegen. Bald werden sie direkt nebeneinandergelegt. Dafür sorgt Rechtsanwalt Sochurek. Nach dem Urteil in Erfurt wurde er von dem unterlegenen Makler als Prozessvertreter mandatiert.

Hinter ihm steht auch die Ergo Versicherung als Haftpflichtversicherer des Maklers. „Das Mainzer Urteil werden wir vorlegen“, kündigt Sochurek an. Die Berufungsverhandlung ist am 24. März kommenden Jahres vor dem Oberlandesgericht in Jena.

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