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12.12.2018

17:53

Online-Handel

Bundeskartellamt schlägt Alarm bei Online-Vergleichsportalen

Von: Frank Matthias Drost, Laura de la Motte

Verbraucher können sich nicht immer darauf verlassen, online das für sie beste Angebot zu finden. Laut Kartellamt könnte manche Praxis sogar gesetzeswidrig sein.

„Es fehlt an Transparenz.“ dpa

Andreas Mundt

„Es fehlt an Transparenz.“

Berlin, FrankfurtOb Mietwagen, Reisen, Hotels, Energie, Telekommunikation, Kredite oder Versicherungen – um sich einen Überblick über die Anbieter und Tarife zu machen, greifen Millionen von Verbrauchern auf Vergleichsportale zurück. Für den Präsidenten des Bundeskartellamts, Andreas Mundt, sind Internetvergleichsportale ein wichtiges Werkzeug, „solange sie objektive und unverfälschte Ergebnisse liefern“. Das tun aber längst nicht alle, wie eine von den Wettbewerbshütern durchgeführte Prüfung zeigt.

Mundt spricht von möglichen Rechtsverstößen. So mangele es an einer Aufklärung der Verbraucher darüber, wie die Reihenfolge der Suchergebnisse und die Empfehlungen der Vergleichsportale im Einzelnen zustande kommen, kritisiert Mundt. In einer rund einjährigen Untersuchung hat das Bundeskartellamt herausgefunden, dass beispielsweise bei Versicherungsvergleichen teilweise wichtige Anbieter nicht einbezogen werden.

In anderen Bereichen decken die Portale sogar weniger als 50 Prozent der im Markt befindlichen Angebote ab. „Der Verbraucher kann sich nicht immer darauf verlassen, tatsächlich das für ihn beste Angebot auf einem Vergleichsportal zu finden“, urteilt Mundt. Zweifel an der Seriosität sind auch angebracht, wenn sich Anbieter von Hotelzimmern Listenplätze auf Hotelplattformen erkaufen können.

Häufig haben bei den Hotelbuchungsplattformen zudem die von den Anbietern gezahlten Provisionen Einfluss auf die Positionierung durch die Portale. Wenn die Verbraucher über die Art und Weise nicht informiert werden, wie Portale vorgehen, könnte ein Verstoß gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb vorliegen, befindet das Bundeskartellamt.

So sei es in einigen Branchen weitverbreitete Praxis von Vergleichsportalen, im Erstranking ein oder zwei Angebote besonders herauszustellen, was eine große Wirkung auf das Bestellverhalten der Nutzer habe. Dieses Hervorheben basiert demnach manchmal sogar ausschließlich auf zusätzlichen Zahlungen der betreffenden Anbieter, ohne dass die Portale dies hinreichend kennzeichnen.

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„Diese Praxis von Portalen stellt in diesem Fall nach der vorläufigen Sicht des Bundeskartellamts eine verbotene verdeckte Werbung dar“, warnen die Wächter. Einige Portale versuchen, durch bestimmte Kennzeichnungen wie „Nur noch drei Zimmer verfügbar“, „Rabatt“ oder „Exklusivangebot“ den Nutzer zu einem vorschnellen Abschluss zu verleiten. Eine Entscheidung, die er bei Kenntnis der tatsächlichen Bedingungen so nicht getroffen hätte.

Wenn die Kennzeichnungen nicht der Wahrheit entsprächen, sei dies ebenfalls problematisch, führen die Kartellwächter aus. Kritisch sieht die Behörde zudem, dass einige Portale wie zum Beispiel Check24 dem Kunden zusätzliche Boni für bestimmte Energietarife anbieten, wodurch sich das Ranking ändert.

„Das Vergleichsportal verlässt mit diesem Angebot die Rolle des von außen Vergleichenden, denn es greift selbst aktiv in die Preisgestaltung der Angebote im Markt mit ein – auch wenn der Verbraucher von den zusätzlichen Vergünstigungen, die das Portal bietet, profitiert“, heißt es im Konsultationspapier. Das Vorgehen könnte ein Hinweis darauf sein, dass das Portal in diesem Fall kein vollständig neutraler Berater des Kunden ist, sondern ihn zu beeinflussen versucht.

In einer ersten Welle hat das Bundeskartellamt seit Oktober vergangenen Jahres 150 Vergleichsportale unter die Lupe genommen. 36 Portale wurden dann einer zweiten Befragungsrunde unterzogen. In einem Konsultationspapier hat das Bundeskartellamt seine Ergebnisse dargestellt und auch eine erste rechtliche Einordnung vorgenommen. Betroffene Marktteilnehmer können sich nun bis zum 4. Februar 2019 dazu äußern.

Die Praxis von Portalen stellt mitunter nach der vorläufigen Sicht des Bundeskartellamts eine verbotene verdeckte Werbung dar. Andreas Mundt – Chef Bundeskartellamt

Nach der Auswertung will das Bundeskartellamt dann einen abschließenden Bericht vorlegen. Die Behörde räumt allerdings bereits ein: „Das Bundeskartellamt verfügt derzeit nicht über die Befugnisse, die aufgedeckten Verstöße gegen das Lauterkeitsrecht gegenüber den Unternehmen zu verfolgen und zu sanktionieren.“

Das Bundesverbraucherministerium begrüßt derweil die Bemühungen der Kartellwächter in Bonn: „Die Untersuchung des Kartellamts zeigt gravierende Mängel bei Vergleichsportalen. Diese spielen für Verbraucher eine zentrale Rolle“, meint Gerd Billen, Staatssekretär im Bundesverbraucherministerium. Im Koalitionsvertrag sei bereits vereinbart, die Rechte der Nutzer und die Transparenz solcher Portale zu stärken.

Portale weisen Kritik zurück

Die Bundesregierung habe dazu schon konkrete Vorschläge in Brüssel eingebracht. „Diese würden viele der vom Bundeskartellamt festgestellten Defizite beheben“, erläutert Billen weiter. Auch bei den Verbraucherschützern rennt die Bonner Behörde offene Türen ein. „Die Ergebnisse des Bundeskartellamts zur Sektoruntersuchung überraschen uns nicht. Sie decken sich mit unseren Erkenntnissen“, sagt Lina Ehrig, Teamleiterin Digitales und Medien beim Bundesverband der Verbraucherzentralen.

„Nach unserer Auffassung haben Provisionen keinen Platz bei den Vergleichsportalen“, betont Ehrig. Sie beeinflussten das Ranking der Anbieter „und liefern dem Verbraucher keine objektiven Vergleichsergebnisse“. Das Vergleichsportal Verivox weist dies zurück. „Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Provisionshöhe und der Platzierung im Tarifrechner“, heißt es in einer Stellungnahme.

Das Portal weist außerdem darauf hin, dass es „als einziger Vertreter der deutschen Digitalwirtschaft im Rahmen eines EU-Projekts 2012 an der Entwicklung von Kriterien für mehr Qualität und Transparenz bei Vergleichsportalen mitgearbeitet und diese als Vorreiter der Branche auch umgesetzt“ habe. Auch Check24 weist eine Beeinflussung durch Provisionen zurück.

Das Portal erklärt zudem, es veröffentliche tagesaktuelle Listen, welche Anbieter an den Preisvergleichen teilnähmen und welche nicht. Außerdem berücksichtige das Portal auch Anbieter, die keine Provisionen zahlten. Unabhängig davon haben die Verbraucherschützer noch Informationsbedarf.

Sie stören sich daran, dass die von den Portalen verwendeten Algorithmen „undurchsichtig sind. Wir brauchen eine staatliche Stelle, die unter anderem als Kontrollinstanz Algorithmen, die Vergleichsportale verwenden, unter die Lupe nimmt“, fordert Ehrig vom Bundesverband der Verbraucherzentralen.

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