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27.03.2019

15:44

Türkei: Investoren stecken in der Lira-Falle dpa

Wechselkursanzeige in Istanbul

Die Lira gehörte in den vergangenen neun Monaten zu den Währungen mit der schlechtesten Performance weltweit.

Absturz der türkischen Währung

Investoren stecken in der Lira-Falle – Heftige Turbulenzen am Anleihemarkt

Von: Ozan Demircan, Jürgen Röder

Ausländische Banken werden ihre Lira-Bestände kaum los – weil türkische Geldhäuser den Handel blockieren. Das Vorgehen hinterlässt am Markt seine Spuren.

IstanbulInvestoren haben derzeit Probleme, für ihre Positionen in türkischer Lira Interessenten zu finden. Wie das Handelsblatt aus mehreren Quellen erfuhr, können Investmentfonds und Banken derzeit ihre Lira-Bestände nicht verkaufen.

Denn türkische Banken fallen als Käufer dieser Bestände aus – und auch sonst will derzeit niemand Lira haben. Auch eine Bank aus Deutschland soll deshalb nach Handelsblatt-Informationen auf ihren Lira-Beständen sitzengeblieben sein.

Weil wegen der faktischen Handelsblockade das Angebot der türkischen Währung auf dem Markt sinkt, hat sich der Wert der Lira stabilisiert: Nach einem Verlust von bis zu sechs Prozent zum Dollar am vergangenen Freitag notiert die Lira derzeit rund drei Prozent fester zum Vortag und sechs Prozent fester im Vergleich zum vergangenen Freitag. Allerdings stieg der Dollar am Mittwoch um knapp zwei Prozent und notiert bei 5,42 Lira.

Das türkische Vorgehen hinterließ am heutigen Mittwoch seine Spuren an den Märkten. Die Höhe der Kreditausfallversicherungen bei türkischen Staatsanleihen (Fachjargon: credit default swaps, cds), um sich vor der Insolvenz des Staates abzusichern, stieg deutlich.

Mittlerweile müssen Investoren für eine fünfjährige Staatsanleihe jährlich 4,41 Prozent zahlen, um sich abzusichern. Beim gestrigen Marktschluss lag dieser Wert noch bei 4,19 Prozent. Anfang der vergangenen Woche mussten Investoren sogar noch ein Prozentpunkt weniger für die Absicherung zahlen.

Zudem fliehen Anleger in Scharen aus dem türkischen Aktienmarkt. Der Leitindex der Istanbuler Börse fiel am Mittwoch um bis zu sieben Prozent und steuerte auf den größten Tagesverlust seit mehr als zweieinhalb Jahren zu. Der Bankenindex brach sogar um bis zu 8,5 Prozent ein - so stark wie zuletzt vor einem guten halben Jahr.

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Die türkische Finanzaufsicht ermittelt gegen Angestellte des US-Instituts wegen des Manipulationsvorwurfes. Den Währungsverfall stoppt das nicht.

Turbulent ging es auch am Anleihemarkt zu. Die Rendite für türkische Staatsanleihen mit einer Laufzeit von drei Jahren stieg am heutigen Handelstag um 1,6 Prozentpunkte – von 19,740 Prozent auf 22,09 Prozent. Auch die Rendite der bis 2030 laufenden türkischen Dollar-Bonds stieg von 7,764 auf 8,122 Prozent.

„Seit 21 Jahren beobachte ich die Märkten ,aber solch einen Anstieg wie diesen haben ich noch nie gesehen“, sagte Julian Rimmer, Händler der Investec Bank in London, gegenüber Bloomberg. Laut dem Wirtschaftsnachrichtendienst überdenken viele Fondsmanager ihre Investmentstrategie in der Türkei.

Derzeit erschweren türkische Banken die Wette auf einen Verfall der Lira. Der Grund dafür sind laut einer Analyse der Commerzbank erheblich gestiegene Zinsen auf solche Wetten. Demnach verleihen türkische Banken derzeit nur zu einem hohen Aufschlag Lira an ausländische Banken, wodurch in der Folge auch der Preis für die Absicherung solcher Geschäfte, der sogenannte Swap-Zinssatz, um 40 Basispunkt auf den höchsten Stand seit September 2018 schoss. Für viele Banken lohnt es sich daher nicht mehr, auf einen weiteren Lira-Verfall zu wetten.

Verdeckte Kapitalverkehrskontrollen wirken

Der Sprung in den Lira-Swap-Sätzen lege nahe, dass irgendeine Form Kapitalverkehrskontrolle im Hintergrund wirke, heißt es in einem Kommentar der Commerzbank. „Wir wissen nicht, ob beziehungsweise welche Anweisungen die Regierung oder die Zentralbank den Geschäftsbanken erteilt hat. Wir wissen nur: Es sieht alles danach aus, dass in der Türkei soeben ein großes Experiment stattfindet – nicht im Labor, sondern 'live' mit einer großen Volkswirtschaft.“

Wenige Tage vor den wichtigen Kommunalwahlen in der Türkei betreiben die Geldhäuser des Landes damit praktisch Kapitalverkehrskontrollen, um den Kurs der Lira zu stützen. Die türkische Führung will um jeden Preis die heimische Währung stärken – auch, um die grassierende Inflation in den Griff zu bekommen. Die stark gestiegenen Preise sind ein Grund dafür, dass die türkische Wirtschaft seit Oktober nicht mehr wächst, die Arbeitslosigkeit zunahm – und die Wählerinnen und Wähler nach und nach der Regierungspartei AKP den Schwarzen Peter dafür zuschieben.

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Der Wertverlust der türkischen Währung am Freitag erinnert an den Sommer 2018. Das könnte nur der Vorbote für eine weitere Abwertung gewesen sein.

Auf Sicht von neun Monaten gehört die Lira zu den Währungen mit der schlechtesten Performance weltweit. Der Verlust zum Dollar belief sich allein im August zeitweise auf bis zu 30 Prozent. Auch am vergangenen Freitag verlor die Lira auf einen Schlag bis zu sechs Prozent, nachdem bekannt wurde, dass die türkische Zentralbank ihre Fremdwährungsreserven verringert hatte.

Zwischen den beiden Währungsschocks im August und in der vergangenen Woche feierte die Lira an den Märkten ein Comeback – Investoren deckten sich mit Lira ein. Denn die türkische Zentralbank hatte die Leitzinsen auf 24 Prozent angehoben – gegen den Druck aus dem türkischen Präsidialamt – und so für den Kursanstieg gesorgt.

Jetzt, wo Experten einen wirtschaftlichen Abschwung erwarten, wollen viele Investoren diese sogenannten Lira-Long-Positionen wieder loswerden – ohne Erfolg.

Denn inzwischen habe die Türkei ihre Lektion gelernt, meint Richard Segal, Analyst des Londoner Asset-Managers Manulife. „Die Verantwortlichen werden nicht mehr erlauben, dass die Dinge außer Kontrolle geraten.“

Zuvor hatten unter anderem Analysten der Großbank JP Morgan empfohlen, Lira zu verkaufen, da sie einen Kursverlust erwarteten. Die türkische Bankenaufsicht ermittelt inzwischen gegen die Autoren dieser Analyse wegen Marktmanipulation.

Erdogan, der gerade einen Wahlkampfauftritt nach dem anderen absolviert, macht regelmäßig feindliche Kräfte für die Währungsturbulenzen verantwortlich. Die Commerzbank-Analysten sind davon nicht überzeugt.

Die Gründe lägen vielmehr „im dauerhaften Leistungsbilanzdefizit, in der dauerhaft hohen Inflation und insbesondere in der ständigen Weigerung sowie dem Unvermögen der Zentralbank, vorausblickend zu agieren und Inflationserwartungen zu zähmen“. Vor diesem Hintergrund sei ein Versuch, den Wechselkurs zu steuern, „nicht nur Zeitverschwendung, sondern schädlich“.

Sollte die Türkei nach den Wahlen echte Kapitalverkehrskontrollen einführen, könne dies tatsächlich die Lira stützen. Der Schritt hätte jedoch eine Nebenwirkung: „Würde er von der Öffentlichkeit erkannt, wäre das der Super-GAU für Kapitalzufuhr aus dem Ausland und damit auch für das Wirtschaftswachstum.“

Kommentare (3)

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Herr Wilfried Zekert

27.03.2019, 14:50 Uhr

Wenn keine Bank ihre türkischen Lira los wird, stellt sich doch die Frage, wer diese Währung überhaupt noch als Zahlungsmittel aktzeptiert. Die Türkei wird Öl- oder Gasimporte in Dollar oder Euro bezahlen müssen. Aber wer tauscht denn noch in Lira, wenn er diese nicht zurücktauschen kann?

Herr Harald Schweda

27.03.2019, 15:25 Uhr

"Aber wer tauscht denn noch in Lira, wenn er diese nicht zurücktauschen kann? "
Jeder, der sich im Falle des $-Besitzes vor Gericht verantworten muss.
Ist doch einfach, nicht wahr?

Herr Helmut Metz

27.03.2019, 15:56 Uhr

"Aber wer tauscht denn noch in Lira, wenn er diese nicht zurücktauschen kann? "
Jeder, der sich im Falle des $-Besitzes vor Gericht verantworten muss.


Klasse. Der ist echt gut. ;-))
Ähnlich kann man auch die Frage stellen:
Welche Vollpfosten kaufen denn noch Euro-Staatsanleihen, wenn sie Minuszinsen "einbringen" (die EZB ist ja als Käufer "ausgeschieden")?
Das sind vorzugsweise halt diejenigen, die per Gesetz keine andere Wahl haben, da sie etwa "mündelsicher" anlegen müssen (und später dann nicht sie selber, sondern ihre "Mündel" große Augen machen, wie sich die Geldanlage "verflüchtigt" hat).


Man sollte im übrigen schon einmal im Wörterbuch nachschauen, was "Corralón" und "Corralito" auf Türkisch heißen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Argentinien-Krise
Kapitalverkehrskontrollen, ick hör dir trapsen...

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