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13.06.2018

16:01 Uhr

Devisen

Die Lira sackt erneut ab – warum die türkische Währung so volatil ist

VonOzan Demircan

Die türkische Währung ist zum Spielball der Interessen und politischen Umstände geworden. Ein Grund sind die knappen Umfragen zur Präsidentschaftswahl Ende Juni.

Türkei: Wieso die türkische Lira so volatil ist Reuters

Erdogan-Wahlplakat

Einer der Gründe für die jüngsten Wertverluste der Lira sind die Umfragen zur türkischen Parlaments- und Präsidentschaftswahl am 24. Juni.

IstanbulAls der türkische Staatschef Erdogan bekanntgab, die Wahlen zur Präsidentschaft und für das Parlament in seinem Land um 17 Monate vorzuziehen, gab es von internationalen Investoren eine Art stillen Applaus. Keine Anlegerfirma äußerte sich öffentlich.

Doch die türkischen Finanzmärkte machten in den Stunden nach Erdogans Ankündigung einen Satz nach oben: Die Börse kletterte, die Lira notierte fester, und die Geschäftsaussichten wurden positiver bewertet. Anders gesagt: Die Wirtschaft rechnete mit einem Sieg Erdogans – und freute sich anscheinend darüber.

Doch jetzt scheinen sich Unternehmer, Investoren und Spekulanten nicht mehr so sicher zu sein. Die türkische Lira befindet sich auf Abwärtskurs – mal wieder. Einer der Gründe: die Umfragen zur Parlaments- und Präsidentschaftswahl am 24. Juni.

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Am Mittwoch sackte die Lira zum US-Dollar um rund zwei Prozent ab. Lag der Wechselkurs am späten Dienstagabend zum New Yorker Handelsschluss bei rund 4,59 Lira pro Dollar, fiel der Wert am Mittwoch auf 4,69 Lira pro Dollar. Insgesamt hat die türkische Währung seit Jahresbeginn mehr als ein Fünftel zum Greenback verloren.

Dazu geführt haben unter anderem Aussagen Erdogans. Der hatte angekündigt, im Falle eines Wahlsieges die Zentralbank stärker kontrollieren zu wollen. Außerdem bekräftigt er regelmäßig seine Präferenz einer wachstumsorientierten Wirtschaftspolitik. Stabilität an den Finanzmärkten ist für ihn Nebensache.

Diese Aussagen verunsicherten Investoren auf der ganzen Welt, die Lira geriet in einen Abwärtsstrudel, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat. Erdogans Vize-Regierungschef Mehmet Simsek sah sich gezwungen, mitten im Wahlkampf nach London zu reisen, um Investoren zu beruhigen. Im Interview mit dem Handelsblatt versicherte er: „Die Zentralbank bleibt unabhängig – Punkt.“

Nach dem freien Fall im Mai – der Kurs fiel am 23. Mai auf bis zu 4,92 Lira pro Dollar – hatte die türkische Zentral TCMB die Leitzinsen mehrmals angehoben, um einen weiteren Verfall zu verhindern. Mit Erfolg: Die Lira notierte seitdem deutlich fester als zuvor.

Die Wahlumfragen sehen derzeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Erdogan und einer Allianz aus Herausforderern verschiedener Parteien. Möglicherweise zwingt der Spitzenkandidat der größten Oppositionspartei CHP, Muharrem Ince, Erdogan in eine Stichwahl um das Präsidentenamt. Die würde zwei Wochen nach der ersten Runde stattfinden – und die politische Hängepartie verlängern. Gewinnt Erdogan, wird eine Verfassungsreform aktiviert, die ihm als Präsidenten deutlich mehr Macht zuspricht. Zahlreiche Türken sowie internationale Investoren erhoffen sich dadurch Reformen und einen neuen Wachstumskurs. Ebenso viele fürchten, Erdogan könne seine Allmacht gegen Kritiker ausnutzen.

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Hinzu kommt: Investoren erwarten eine weitere Erhöhung der Leitzinsen der USA in dieser Woche. Die steigenden Zinsen im wichtigsten Währungsraum der Welt führen seit Monaten zu Turbulenzen in Schwellenländern, die in den vergangenen Jahren von der Nullzinspolitik der USA profitiert haben: Länder wie Mexiko, Argentinien, Südafrika und eben die Türkei zogen das Kapital an, das in den USA kaum Rendite einbrachte.

Investoren ziehen Geld aus Schwellenländern ab

Dieser Trend dreht sich nun um. Daten der Finanzfirma EPFR zeigen, dass Investoren alleine in den vergangenen sieben Wochen 7,8 Milliarden US-Dollar aus Anleihefonds von Schwellenländern abgezogen haben. Am Dienstag wurde bekannt, dass Argentinien vom Internationalen Währungsfonds einen Kredit in Höhe von 50 Milliarden US-Dollar erhält. Die Zentralbank des Landes sah sich im Mai gezwungen, die Leitzinsen auf 40 Prozent anzuheben, nachdem viele Investoren ihr Geld aus dem Land abgezogen hatten.

„Der möglicherweise bevorstehende Zinsanstieg in den USA könnte die Türkei schwächen“, zitiert die Financial Times Charles Robertson Chefökonom von Renaissance Capital, einer Investmentbank, die auf Schwellenländer fokussiert ist. Piotr Matys, Schwellenländerexperte bei der Rabobank, ergänzt: Die Türkei sei angesichts der US-Zinspolitik das „Hauptopfer“ im Raum zwischen Osteuropa und Afrika.

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Grundsätzlich aber steht die Wirtschaft des Landes gut da. Am Dienstag wurde bekannt, dass das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal 2018 um 7,4 Prozent anstieg – so hoch wie in keinem anderen OECD-Land und so stark wie bereits im gesamten Jahr 2017. Die Industrieproduktion stieg im April um 6,2 Prozent, wie das türkische Statistikinstitut am Mittwoch bekanntgab.

Gleichzeitig liegt die Inflation bei 12 Prozent. Das Leistungsbilanzdefizit steigt bedrohlich an. Das sind die Folgen von Erdogans Wachstumskurs. Und auch in den Bilanzen der Unternehmen finden sich Einschlaglöcher: Die Konzerne sitzen inzwischen auf einem Schuldenberg in Auslandswährung in Höhe von 225,1 Milliarden US-Dollar – ein Anstieg von 5,4 Milliarden Dollar im Vergleich zum Jahresbeginn.

Vizepremier Simsek kündigte am Mittwoch an, strukturelle Reformen beschleunigen zu wollen. „Wir konzentrieren uns darauf, das Leistungsbilanzdefizit zu verringern und die Inflation einzudämmen“, versicherte Simsek.

Kommentare (2)

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Frau Edelgard Kah

13.06.2018, 16:35 Uhr

Sehr geehrter Herr Demircan,

haben Sie eine Vorstellung, wie die türkischen Wachstumszahlen zustande kommen? Stimmt es, dass da ein Würfelspiel eine große Rolle spielt?

Nicht klar geworden ist mir auch, warum die Lira trotz blendender Verfassung der Wirtschaft rasant an Wert verliert. Stimmt es, dass da eine internationale Verschwörung (Gülen-Anhänger?) dahinter steckt?

Herr Wolfgang Wüst

13.06.2018, 19:41 Uhr

Ursache sollen die knappen Umfragewerte für Erdogan sein?
Das glaube ich keine Sekunde.

Der Grund dafür ist Erdogan und seine autokratische Regierung.

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