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23.04.2019

11:16

Öl

Ölpreise legen nach US-Entscheidung zu Iran weiter zu

Von: Hans-Peter Siebenhaar

Experten schließen Fünfjahreshoch nicht aus. Opec und Russland stehen angesichts des Exportverbots der USA für den Iran vor einer Zerreißprobe.

Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete am Morgen 72,07 US-Dollar. dpa

Erdölförderung

Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete am Morgen 72,07 US-Dollar.

WienWien. Marktexperten erwarten angesichts des Exportverbots für den Iran durch die USA steigende Ölpreise. „Abhängig von der Auslegung der US-Sanktionen und der Compliance der Importeure könnte der Ölpreis bis zum Sommer auf 80 Dollar und vielleicht sogar auf die Fünfjahreshochs bei 86 Dollar je Barrel Brent steigen“, sagt Eugen Weinberg, Ölexperte der Commerzbank, dem Handelsblatt.

Voraussetzung für diese Preisentwicklung ist, dass die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) nicht schnell mit einer Förderausweitung reagiert. Die Opec und eine Reihe von Nicht-Opec-Ländern unter Führung Russlands wollen sich bislang erst im Juni in Wien treffen, um über die Fortsetzung der im Dezember beschlossenen Förderkürzung zu beraten.

„Kurzfristig sieht sich der Ölpreis durch die Ankündigung der USA natürlich unterstützt. Wir rechnen aber trotz der Verschärfung der Iran-Sanktionen mit einem Ölpreisrückgang bis Jahresende“, sagt auch Hannes Loacker, Rohstoffexperte der Raiffeisen Centrobank in Wien.

Zum einen scheint das Ziel der USA, die iranischen Rohölexporte auf null zu senken, unrealistisch zu sein. Zum anderen scheint es Zusagen von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten zu geben, wonach diese Länder für mögliche Versorgungsengpässe einspringen werden.

Die USA wollen ab Mai keine Ausnahmeregelungen für iranische Ölimporte mehr gewähren. Präsident Trump wird eine Übergangsregelung, nach der Länder wie China, Indien oder die Türkei weiter günstiges iranisches Öl beziehen dürfen, nicht verlängern. „Die strikte Drohung von strengen Sanktionen gegen den Irak haben den Markt überraschend erwischt, denn es wurde mit mehr Verständnis für die Importeure des iranischen Öls gerechnet“, sagte Agnes Horvath, Chefökonomin des ungarischen Ölkonzerns MOL, dem Handelsblatt.

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Die Ölkonzerne profitieren kurzfristig von den verschärften US-Sanktionen gegen Iran. Doch das könnte sich schon bald ändern.

Bereits in den vergangenen Monaten ist der Ölpreis stark gestiegen. Dafür waren im Wesentlichen zwei Faktoren verantwortlich. Zum einen gab es durch die politische Krise in Venezuela unerwartete Förderausfälle, zum anderen verzichteten Saudi-Arabien, die Golfstaaten, Russland und Kanada mit freiwilligen Kürzungen. Die bisherigen Sanktionen gegen den Iran waren bereits deutlich wirksam, denn die Ölförderung des Iran seit der Aufkündigung des Iran-Abkommens um eine Million Fass pro Tag auf 2,7 Millionen Barrel zurückgegangen.

„Natürlich wird es immer Schlupflöcher und Schwarzhandel geben. Und so ist wohl davon auszugehen, dass der Iran auch mit Sanktionen noch über eine Million Barrel pro Tag pumpt“, sagte Cyrus de la Rubia, Chefökonom der Hamburg Commercial Bank, dem Handelsblatt.

Nach Meinung von Analysten wird ein steigendes Preisniveau mittelfristig keine Kehrwende im Ölmarkt bringen. Denn die amerikanische Schieferölindustrie steigerte zuletzt ihre Produktion. „Je höher der Preis, desto eher lohnt es sich für die Fracking-Industrie, die Förderung zu erhöhen, wenngleich man vermutlich aus technischen Gründen das hohe Momentum nicht wird fortsetzen können“, sagte Chefökonom de la Rubia am Dienstag.

Bereits in den vergangenen zwölf Monaten haben die amerikanischen Schieferölexperten ihre Förderung um 130.000 Barrel pro Tag gesteigert. „Wir sind überzeugt, dass langfristig vor allem die US-Schieferölindustrie als preisbestimmender Faktor agieren wird. Bei den Preisen über 60 Dollar je Barrel WTI dürfte das US-Angebot weiterhin rasant steigen“, prognostiziert Ölanalyst Weinberg. Die Nordseesorte Brent ist in Europa maßgeblich; die US-Sorte WTI für den nordamerikanischen Markt.

Die Opec steht unterdessen vor einer Zerreißprobe. „Wird der Ölpreis weiter in Richtung 80 Dollar je Barrel steigen, wird es Saudi-Arabien schwer fallen die übrigen Opec-Länder sowie Russland und andere Teilnehmer des erweiterten Opec+ Kreises von der Notwendigkeit freiwilliger Produktionskürzungen zu überzeugen“, sagt Weinberg.

Denn einige Opec-Länder wie das wirtschaftlich schwer angeschlagene Venezuela brauchen dringend möglichst hohe Ölpreise. Zum anderen will die Opec mit höheren Preisen nicht die amerikanische Schieferölproduzenten befeuern und so Anteile auf dem Weltmarkt verlieren.

Das Ölkartell muss also bei seinem regulären Treffen in Wien die Quadratur des Kreises schaffen. In der Vergangenheit hat die Opec durchaus bewiesen, dass sie die Fähigkeit zu Kompromissen besitzt. Deshalb ist Ölexperte Loacker auch zuversichtlich: „Die Wahrscheinlichkeit einer Verlängerung der Opec-Kürzung über das erste Halbjahr hinaus nimmt durch die Ankündigung der USA ab.

Am Wahrscheinlichsten erscheint uns eine Reduzierung der im Dezember beschlossenen Förderkürzung, sprich etwas großzügigere Quoten für die einzelnen „OPEC+“-Staaten.“ Bislang gingen die Opec-Staaten sehr diszipliniert mit der im Dezember beschlossenen Förderkürzung um. Im März haben sie ihr Ziel einer Produktionskürzung mit 9,8 Millionen Barrel pro Tag nur knapp verfehlt.

Marktexperten erwarten für dieses Jahr insgesamt stabile Ölpreise. Zum Jahresende erwarten wir also einen Rückgang des Brentölpreises auf 70 Dollar je Barrel“, sagt Commerzbank-Experte Weinberg. „Ich rechne fest damit, dass sich die Preise im Vergleich zum derzeitigen Preisniveau von 70 bis 75 US-Dollar pro Barrel auf 63 bis 66 US-Dollar pro Barrel abschwächen sollten“, sagte der unabhängige Ölexperte Jan Edelmann am Dienstag.

Insbesondere die nachlassende Weltkonjunktur wird nach Meinung von Experten die Ölnachfrage senken. „In den USA rechnen wir in der zweiten Jahreshälfte mit deutlicheren Anzeichen einer Konjunkturabschwächung und 2020 mit einer milden Rezession. Insgesamt rechnen wird daher zum Jahresende mit einem Rückgang der Preise auf 65 Dollar pro Barrel.

Hier geht es zur Seite mit dem Brent-Preis, hier zum WTI-Kurs.

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