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09.07.2019

18:00

Rohstoffe

Anleger hoffen auf Platin – dank der Brennstoffzelle

Von: Frank Wiebe, Jakob Blume

Der Preis für das Edelmetall könnte in naher Zukunft kräftig ansteigen. Grund dafür sind auch Umweltauflagen für Schwerlaster in China und Indien.

Das Edelmetall wird zu 40 Prozent in der Automobilindustrie eingesetzt. obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH

Platinbarren

Das Edelmetall wird zu 40 Prozent in der Automobilindustrie eingesetzt.

Frankfurt Niedrige Zinsen und hohe Risiken an den Kapitalmärkten lenken den Blick der Anleger auf Edelmetalle. Neben Gold, dem Klassiker, und Silber spielen Platin und Palladium eine wichtige Rolle. Anders als bei Gold, das weltweit wie eine Art zusätzliche Währung funktioniert und in großem Umfang auch von Notenbanken gehalten wird, steht bei diesen Metallen die industrielle Nutzung im Vordergrund.

Alle diese Metalle sind auch über börsengehandelte Fonds zu kaufen. Nach einer Studie der Commerzbank haben diese sogenannten ETFs vor allem von Silber und Platin zuletzt deutliche Zuflüsse bekommen.

Die Anlagefirma Wisdom Tree setzt auf Platin. Sie sieht Nachholbedarf gegenüber der Preisentwicklung des „Schwestermetalls“ Palladium – beide werden vor allem in der Automobilproduktion gebraucht. In den letzten drei Jahren hat der Preis von Palladium nach einer Studie der Firma um rund 140 Prozent zugelegt.

Platin zeigte dagegen nur eine Steigerung um 35 Prozent. „Die beiden Edelmetalle entwickeln sich für gewöhnlich sehr ähnlich“, heißt in der Studie.

Platin wird zu 40 Prozent in der Autoindustrie einsetzt, Palladium sogar zu 75 Prozent. Die Metalle werden für den Bau von Katalysatoren gebraucht.

Effizienter als Palladium

Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank, macht darauf aufmerksam, dass es zumindest längerfristig zu einer Verschiebung bei der Nutzung der Metalle kommen kann: Während Palladium sehr viel billiger als Platin war, wurde es bevorzugt in der Autoindustrie eingesetzt, obwohl Platin eigentlich effizienter ist.

Nachdem sich die Preisverhältnisse umgedreht haben, kann sich diese Entwicklung wieder umkehren. Warren Patterson, Rohstoffexperte der ING Bank, bremst diese Erwartung: Er verweist darauf, dass die Umstellung auf ein anderes Metall jeweils neue Investitionen in Produktionsprozesse verlangt.

Die Autoindustrie ist jedenfalls ausschlaggebend für die Entwicklung dieser Rohstoffpreise. Und da sind die Perspektiven sehr gemischt. Im Jahr 2018 ist, vor allem durch den Dieselskandal, die Nachfrage deutlich zurückgegangen, heißt es in einer Analyse von Johnson Matthey, einem der großen Anbieter im Metallbereich.

Wie Wisdom Tree schreibt, sind die Autoverkäufe in China seit Jahresanfang um 15 Prozent eingebrochen. In Europa und in den USA sank die Nachfrage ebenfalls leicht, wobei es in Amerika im Mai wieder eine überraschende Erholung gab.

Bedarf für Brennstoffzellen

Aber die zögerliche Nachfrage ist nicht der einzige Faktor. Die Hoffnungen der Metallkäufer beziehen sich vor allem auf strengere Auflagen. Sie sollten im Zeitraum von 2019 bis 2021 weltweit die Nachfrage nach Platin und Palladium fördern, heißt es.

Dabei spielen neue Grenzwerte für schwere Nutzfahrzeuge in China und Indien eine besondere Rolle: Bei Dieselfahrzeugen ist der Anteil von Platin deutlich höher als bei Benzinern. In China gelten schon ab 2019 strengere Auflagen, in Indien ist dies für das folgende Jahr zu erwarten. Längerfristig könnte auch der Bau von Fahrzeugen mit Brennstoffzellen für zusätzlichen Platinbedarf sorgen.

Während bei Pkws die Umstellung von Benzin- und Dieselautos auf Batteriebetrieb im Vordergrund steht, gilt im Lastwagenbereich die Brennstoffzelle trotz einer geringeren Energieeffizienz als relativ aussichtsreich, weil dort Batterien buchstäblich sehr ins Gewicht fallen würden. Johnson Matthey geht davon aus, dass in China lokale Behörden den Infrastrukturausbau zur Versorgung von Fahrzeugen mit Brennstoffzellen vorantreiben werden.

Grafik

Wisdom Tree verschweigt nicht, dass in Europa aufgrund technischer Umstellungen die Nachfrage nach Platin für Dieselfahrzeuge voraussichtlich nachlässt. Die Analysten dort hoffen aber, dass der Bedarf in Asien diesen Rückgang mehr als ausgleicht – damit folgen sie im Wesentlichen der Prognose von Johnson Matthey.

Bei Platin erreicht der Anteil der Schmuckproduktion immerhin 30 Prozent. Hier könnte es zu einer stärkeren Nachfrage aus Indien kommen, schreibt Wisdom Tree. In China sieht es allerdings schwächer aus, heißt es bei Johnson Matthey. Dort setze sich mehr und mehr das Einschmelzen von altem Schmuck für die Produktion neuer Ware durch. Daher dürfte es selbst bei konstantem Absatz einen Rückgang des Verbrauchs von neuem Platin geben.

Vor allem aber spielt auch die industrielle Nutzung außerhalb des Automobilbereichs eine wichtige Rolle. Johnson Matthey schreibt: „Die Käufe von Platin-Katalysatoren durch die chemische Industrie werden nach den Prognosen ein neues Hoch erreichen, weil einige große petrochemische Produktionsstätten in China sich der Vollendung nähern.“

Insgesamt zeigt sich also eine sehr gemischte Bilanz für die Gesamtnachfrage nach Platin und Palladium. Geht man davon aus, dass die Preisentwicklung sich annähert, wäre aber bei Platin Potenzial vorhanden. Für alle Edelmetalle gilt: Sie werfen keine laufenden Erträge ab.

Das gilt zwar ähnlich auch für Zinspapiere, die kaum noch Zinsen bringen – sie bieten dafür aber in der Regel eine sichere Rückzahlung. Die Anlage in Edelmetalle lebt dagegen allein von der Hoffnung auf steigende Preise, ist aber immer mit erheblichem Risiko verbunden.

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