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15.03.2022

18:18

Rohstoffe

„Dreifaches Defizit am Markt“ – Ukrainekrieg lässt Ölpreis extrem schwanken

Von: Jakob Blume

Trotz Rekordenergiepreisen für Verbraucher fällt der Ölpreis seit Wochenbeginn. Doch Experten warnen: Eine Versorgungskrise ist nicht gebannt. Drei Szenarien sind nun möglich.

Das Land ist der drittgrößte Ölförderer weltweit. IMAGO/ITAR-TASS

Russische Ölförderanlage

Das Land ist der drittgrößte Ölförderer weltweit.

Zürich Spekulationen um eine mögliche Annäherung zwischen den beiden Kriegsparteien Russland und Ukraine haben die Ölpreise weiter sinken lassen. Ein Fass der US-Sorte WTI kostete am Dienstag zeitweise weniger als 100 US-Dollar pro Barrel (rund 159 Liter) und wurde im frühen Handel für 97,78 Dollar gehandelt.

Doch die Nervosität an den Märkten ist groß. Die Risiken eines Anstiegs der Rohölpreise über das bisherige Rekordhoch von 147 Dollar pro Barrel sind längst nicht gebannt, wie zahlreiche Ölmarktfachleute übereinstimmend warnen.

So sagt Ehsan Khoman, Ölmarktexperte der Bank MUFG: „Der Markt leidet unter einem dreifachen Defizit von geringen Lagerbeständen, mangelnden Produktionsreserven und Unterinvestments.“

Auch Helima Croft, Ölmarktexpertin bei RBC Capital Markets, warnt: „Je mehr sich die Verhältnisse in der Ukraine verschlechtern, desto stärker geraten die Politiker im Westen unter Druck, noch härtere Sanktionen zu verabschieden.“ Anleger müssten sich daher parallel zum Krieg in der Ukraine auf einen langwierigen Wirtschaftskrieg einstellen – der weitreichende Konsequenzen für den Ölpreis haben könnte.

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    Russland ist der drittgrößte Ölproduzent der Welt. Zuletzt hat das Land durchschnittlich zwischen 4,5 und fünf Millionen Barrel pro Tag exportiert. Das entspricht rund fünf Prozent des weltweiten Ölverbrauchs.

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    Dazu kommen laut Internationaler Energieagentur bis zu 2,8 Millionen Barrel pro Tag an weiterverarbeiteten Produkten wie Benzin und Diesel. Diese Menge sei kurzfristig kaum zu ersetzen, bestätigt Ölanalyst Kohman. Wie stark der Ölpreis reagiert, hängt vor allem von der Sanktionspolitik des Westens ab. Wie könnte es weitergehen? Hier nun drei mögliche Szenarien im Überblick.

    Szenario 1: Europa importiert weiter russisches Öl – Ölpreis steigt auf bis zu 150 Dollar

    Bisher konnten sich lediglich die USA zu einem kompletten Einfuhrstopp für Öl, Benzin, Diesel und andere Produkte auf Rohölbasis aus Russland durchringen. Die Europäische Union hat sich diesen Sanktionen mit Verweis auf die Versorgungssicherheit bislang nicht angeschlossen. Dass es dabei bleibt, ist aus Sicht der Analysten der Bank of America das aktuell wahrscheinlichste Szenario. Es könnte dennoch mit einem Anstieg der Ölpreise auf bis zu 150 Dollar bis zum Sommer verbunden sein.

    Die Bank RBC rechnet in diesem Fall damit, dass in den kommenden zwölf Monaten eine durchschnittliche Produktionsmenge von drei bis vier Millionen Barrel pro Tag vom Markt verschwinden könnte. Das entspricht rund vier Prozent der weltweiten Nachfrage. Denn das russische Öl, das keine Abnehmer in den USA findet, verbleibt zunächst im Land. Zu einem grundlegenden Kollaps der globalen Energiehandelsströme kommt es in diesem Szenario jedoch nicht.

    Tankstelle in Berlin: An der Zapfsäule bekommen deutsche Autofahrer die steigenden Preise bereits zu spüren. Wie hoch kann der Rohölpreis noch gehen? Foto: dpa dpa

    Hohe Preise für Benzin und Diesel

    Tankstelle in Berlin: An der Zapfsäule bekommen deutsche Autofahrer die steigenden Preise bereits zu spüren. Wie hoch kann der Rohölpreis noch gehen?

    Foto: dpa

    Gut die Hälfte des Produktionsausfalls kann mit einem Zeitverzug von zwei bis drei Monaten durch Reservekapazitäten aus Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgeglichen werden. Weiteres Öl könnten die US-Schieferölindustrie sowie eine Rückkehr des Irans und Venezuelas an die internationalen Ölmärkte bringen. Das jedoch braucht Zeit: Der Bank RBC zufolge dürfte es zwölf Monate dauern, bis der Wegfall russischen Öls im Umfang von vier Millionen Barrel pro Tag kompensiert würde.

    Szenario 2: Europa schließt sich dem Importbann an – Ölpreis steigt auf bis zu 200 Dollar

    Sollte der Krieg in der Ukraine eskalieren, könnte sich Europa doch noch entschließen, russische Energierohstoffe mit einem Importbann zu belegen. In diesem Fall könnten bis zu sechs Millionen Barrel pro Tag aus russischer Produktion vom Markt verschwinden, schätzt MUFG-Stratege Khoman

    Einziger verbliebener Abnehmer für dieses Öl wäre China, das die Abnahmemenge jedoch wohl nicht erhöhen werde. Die globalen Energiehandelsströme wären durch die Sanktionierung des Handels mit russischem Öl stark gestört. Khoman hält in diesem Fall einen Ölpreis von bis zu 185 Dollar pro Fass für möglich, die Bank of America erwartet im Extremfall 200 Dollar pro Fass.

    Ein solches Embargo würde auch für Russland die Kosten des Kriegs erheblich steigern. Russland müsste überschüssiges Öl, das nicht konsumiert oder exportiert wird, lagern. Doch die landeseignen Öllager wären nach Berechnungen von MUFG nach 25 Tagen randvoll, sodass Russland die Ölproduktion stoppen müsste.

    Diese könnte nicht ohne Weiteres wieder hochgefahren werden, selbst wenn die Sanktionen später wieder gelockert würden, so Khoman. „Viele Ölquellen würden versiegen.“ Russlands Ölsektor wäre langfristig getroffen.

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    Doch auch für den Westen wären die Folgen nur schwer abzuschätzen. Ein Wegfall beinahe des kompletten russischen Exportöls würde den ohnehin knappen Ölmarkt langfristig ins Defizit stürzen. Besonders Benzin, Diesel und Heizöl würden in Europa knapp. „Es ist schwer, Handelspartner für Europa zu finden, die Raffinerieprodukte ersetzen könnten“, warnt RBC. Khoman ergänzt: „Die große Frage ist, wie die Energiespeicher für den nächsten Winter gefüllt werden sollen.“

    Szenario 3: Der Ölpreis fällt – weil die Weltwirtschaft in die Rezession rutscht

    Entspannung bei den Ölpreisen erwartet Khoman nur dann, wenn die Nachfrage zurückgeht. Konkret bedeutet das: Der Wirtschaftsaufschwung, der in diesem Jahr die Ölnachfrage auf ein Rekordhoch treiben dürfte, muss an Fahrt verlieren. „Im besten Fall verlangsamt sich das Wachstum, im schlechtesten Fall wird es negativ.“

    Noch sei es noch nicht ausgemacht, dass die Weltwirtschaft in eine Rezession rutsche. Doch die jüngsten Verfall der Rohölpreise sind ersten Anzeichen, dass die Marktteilnehmer ein solches Szenario fürchten. Schon jetzt gebe es erste Beispiele, dass die Nachfrage unter den hohen Preisen leidet, so Khoman. Die ersten Plastikproduzenten drosselten ihre Produktion, weil die hohen Ölpreise auf die Margen drücken, beobachtet er.

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    Khoman befürchtet jedoch: Es muss erst schlimmer werden, bevor es besser wird: Öl müsse sich auf über 180 Dollar pro Barrel verteuern, um einen breiten Rückgang der Ölnachfrage auszulösen, erwartet MUFG. Das wären jedoch schlechte Vorzeichen für die Weltwirtschaft.

    Sowohl Ende der 70er-Jahre als auch zwischen 2004 und 2008 stieg der Ölpreis bereits auf ein Niveau, an dem die Nachfrage erodierte. Darauf folgte jeweils eine Rezession in der Weltwirtschaft. Khoman ist überzeugt: „Die Aussicht, dass sich Geschichte widerholt, ist substanziell.“

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