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07.06.2018

16:18 Uhr

Nach dem Zinsentscheid zogen die Aktienkurse an. AFP

Händler an der Börse Istanbul

Nach dem Zinsentscheid zogen die Aktienkurse an.

Signal an die Politik

Türkische Notenbank hebt den Leitzins weiter an – Lira-Kurs profitiert

VonOzan Demircan, Catiana Krapp, Marc Renner

Die türkische Zentralbank stemmt sich mit der dritten Leitzinsanhebung in weniger als zwei Monaten gegen den Verfall der Landeswährung Lira – und sendet damit zugleich ein Signal an die Politik.

AnkaraIn der Türkei stemmt sich die Notenbank mit einer weiteren Zinserhöhung gegen den Kursverfall der Landeswährung. Der geldpolitische Schlüsselsatz – der Zins für einwöchiges Notenbankgeld, der sogenannte Repo-Satz – wurde um 1,25 Punkte auf 17,75 Prozent erhöht, wie die Währungshüter am Donnerstag mitteilten. „Wir werden alles Nötige unternehmen, um die Lira zu stützen“, sagte Notenbank-Chef Cetinkaya.

Die Straffung löste einen Kurssprung der Währung des Landes aus: Der Dollar verbilligt sich im Gegenzug binnen Minuten auf 4,464 von zuvor 4,578 Lira. Seit Jahresbeginn hat die Währung fast ein Viertel ihres Wertes zum US-Dollar verloren. Die Rendite türkischer Staatsanleihen ging zurück, die Aktienkurse zogen an.

Mit dem Ein-Wochen-Repo leiht die Zentralbank den Geschäftsbanken eines Landes für eine Woche Geld. Der Zinssatz gilt in vielen Währungsräumen als sogenannter Leitzins, so auch in der Türkei.

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Nach dem Absturz der türkischen Lira muss der Präsident umsteuern. Die Zentralbank aber bleibe unabhängig, versichert sein Vizepremier im Handelsblatt-Interview.

Die Zinsanhebung folgt auf eine Not-Zinserhöhung von Ende Mai: Um den freien Fall der Lira zu stoppen, hatten sich die Währungshüter da auf einer Krisensitzung zu einem außerplanmäßigen Zinsschritt durchgerungen und die Zinsen kräftig um drei Prozentpunkte erhöht. Ein Grund für die Notwendigkeit einer strafferen Geldpolitik ist die hohe Inflation von zuletzt rund 12 Prozent. Die hohe Inflation hatte bereits vor einigen Tagen Spekulationen auf eine erneute Zinserhöhung der türkischen Notenbank geschürt.

Mit der Anhebung des Zinses signalisiert die Zentralbank auch, dass sie bereit ist, politischem Druck standzuhalten: Sorgen der Investoren über einen wachsenden Einfluss Erdogans auf die Geldpolitik hatten der Währung zuletzt zugesetzt. Hinzu kamen Zweifel, ob die Zentralbank die zweistellige Inflationsrate zu drücken vermag.

Staatspräsident Erdogan steht höheren Zinsen kritisch gegenüber und hatte in einem Interview angekündigt, nach einem Wahlsieg mehr Einfluss auf die Notenbank ausüben zu wollen. Erdogan fürchtet, dass die hohen Zinsen das zuletzt starke Wirtschaftswachstum bremsen – und seinen Wahlsieg gefährden könnten. Sein Vizepremier Simsek hatte aber erst am Donnerstag in einem Handelsblatt-Interview klargestellt: „Die Zentralbank bleibt unabhängig – Punkt.“

Zuletzt hatten beide unterschiedliche Ansichten über den richtigen Umgang mit der Lira-Schwäche. Neben Şimşek waren auch Regierungschef Yildirim und Notenbankchef Cetinkaya der Meinung, die Leitzinsen müssten angehoben werden, um das Problem in den Griff zu bekommen. Steigende Zinsen machen eine Währung attraktiver und stärken sie dadurch.

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Vizepremier Simsek erteilt Erdogans Wunsch nach einer stärkeren Kontrolle der türkischen Notenbank eine Absage. Er spricht über den Verfall der Lira und die anstehenden Wahlen.

Experten begrüßten den Zinsschritt. „Ist dies der Beginn einer neuen Ära der türkischen Zentralbankpolitik – dass sie tatsächlich rascher handelt als der Markt erwartet? Lasst es uns hoffen“, sagte Nigel Rendell, Senior Analyst für EMEA bei Medley Global Advisors. „Es hat positive Auswirkungen auf die Lira, wenn der Repo-Satz steigt. Wie sich die Dinge längerfristig sowohl auf der politischen Ebene als auch für die Lira entwickeln werden, hängt von den Ereignissen nach den Wahlen am 24. Juni ab und davon, ob Erdogan der türkischen Notenbank Spielraum gibt, unabhängig zu handeln.“

Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen kehrte den früheren Anstieg um 27 Basispunkte auf 14,94 Prozent um, nachdem sie am Mittwoch noch ein Rekordhoch von 15,41 Prozent erreicht hatte. Zuletzt rentierten die Papiere 11 Basispunkte niedriger. Der Borsa Istanbul 100 Index stieg um 1,7 Prozent.

Am 24. Juni finden in der Türkei wegweisende Wahlen zur Präsidentschaft und für das Parlament statt. Gewinnt Amtsinhaber Erdogan, wird eine Verfassungsreform in Kraft gesetzt, die ihm deutlich mehr Macht verleiht. Kritiker sprechen von einem Schritt in Richtung Autokratie. Die Regierungspartei AKP betont, mit der Verfassungsreform die Demokratie im Land zu stärken. 

Mit Material von Reuters, dpa und Bloomberg.

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