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05.06.2019

03:45

Spezialanleihen

Der Schutz vor Inflation ist so billig wie lange nicht

Von: Jakob Blume, Jan Mallien

Für Anleger, die sich vor Geldentwertung schützen wollen, ist der Zeitpunkt zum Einstieg in spezielle Zinspapiere nach Einschätzung von Experten derzeit günstig.

Schutz vor Inflation ist so billig wie lange nicht Iconica/Getty Images

Prozentzeichen

Ökonomen rechnen für die Euro-Zone künftig mit einer Inflation von 1,5 Prozent.

FrankfurtWenn Mario Draghi am Donnerstag vor die Öffentlichkeit tritt, werden die Investoren Antworten verlangen. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) stellt an diesem Tag neue Prognosen der Notenbank zu Wachstum und Inflation im Euro-Raum vor. Viele Anleger dürften genau zuhören, ob Draghi etwas dazu sagt, wie die EZB ihr Inflationsziel von knapp zwei Prozent künftig wieder erreichen will.

Denn die EZB steht unter Zugzwang, das wurde am Dienstag einmal mehr klar: Mit rund 1,2 Prozent lag die Inflationsrate der Euro-Zone im Mai nicht nur deutlich unter dem Zielwert der Notenbank. Sie unterschritt auch die Erwartung vieler Volkswirte.

Wie wenig die Investoren noch an die Macht der EZB glauben, zeigen auch die fünfjährigen Inflationserwartungen, die sich an Zinsabsicherungsgeschäften, sogenannten Swaps, ablesen lassen. Mit 1,28 Prozent für die kommenden fünf Jahre sind die Inflationserwartungen auf den niedrigsten Wert seit 2016 gefallen. Es gibt jedoch auch Finanzprofis, die solche niedrigen Inflationserwartungen für übertrieben halten. Aus ihrer Sicht könnte die Inflation schon bald anziehen.

Das ist Gift für normale Zinspapiere, deren realer Wert und in der Regel auch der Kurs mit steigendem Preisniveau abnehmen. Wer Bonds kaufen und sich gegen Geldentwertung absichern will, dem bleiben inflationsgeschützte Anleihen. Diese Papiere bieten die gute Bonität von Staatsanleihen und nach Einschätzung von Strategen aktuell Aussichten auf eine positive Rendite.

So sagt etwa Karsten Bierre, Chefanlagestratege für Anleihen bei Nordea Asset Management: „Wir empfehlen unseren Fondsmanagern, verstärkt auf inflationsgeschützte Anleihen zu setzen.“ Der Grund: Die Renditen für Anleihen mit Inflationsschutz sei nicht so stark gesunken wie die Renditen in anderen Anleihesegmenten. Thor Schultz Christensen, Fondsmanager bei der Danske Bank bestätigt: „Inflationsgeschützte Anleihen sind niedriger gepreist, als man eigentlich erwarten könnte.“

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Und auch Axel Botte, Anlagestratege für Aktien und Anleihen bei Ostrum Asset Management sagt: „In den kommenden zwei Jahren dürften die Inflationserwartungen steigen und in die Nähe des ihres langfristigen Durchschnitts zurückkehren. Anleger können daher auf Kursgewinne mit inflationsindexierten Anleihen hoffen.“

Anleihen mit Inflationsschutz sind deutlich komplexer als herkömmliche Bonds. Kurs und Zinszahlungen sind an ein Maß für die Inflation gekoppelt, bei Bundesanleihen ist das etwa der harmonisierte Verbraucherpreisindex der Europäischen Union. Ein Schlüssel zum Verständnis der Anlageklasse ist die sogenannte Break-even-Inflationsrate: Sie gibt an, wie hoch die Inflationsrate sein müsste, damit eine Anleihe mit Inflationsschutz so viel Rendite abwirft wie eine herkömmliche Anleihe.

In Deutschland liegt die zehnjährige Break-even-Inflation bei 0,83 Prozent. Das bedeutet: Selbst bei einer Mini-Inflation von aktuell 1,2 Prozent im Euro-Raum bringen inflationsgeschützte Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit real 0,4 Prozentpunkte mehr ein als die herkömmliche Bundesanleihe.

Die Rendite könnte umso höher ausfallen, je stärker die Inflationserwartungen nach oben korrigiert werden: „In einem Umfeld mit höherer Inflation als erwartet und überraschend niedrigerem Wachstum sollten inflationsindexierte Anleihen alle anderen Anlageklassen outperformen“, sagt Schultz Christensen.

Aus Sicht von Ostrum-Anlagestratege Botte sind vor allem inflationsgeschützte Staatsanleihen aus den USA, die sogenannten TIPS, günstig. Die jüngste Verunsicherung an den Börsen habe dazu geführt, dass die Rendite nominaler US-Treasuries auf rund 2,1 Pro-zent gedrückt wurde. „Wir beobachten eine Flucht in sichere Anlagen“, sagt er. Das habe dazu geführt, dass die Break-even-Inflation in den USA gesunken sei, also dass TIPS im Vergleich zu nominalen US-Anleihen günstiger geworden sind.

„Aktuell verbilligen sich inflationsgeschützte Anleihen aus Gründen, die nichts mit der Inflation zu tun haben. Das macht Anlagen in Linker aktuell attraktiv.“ Zudem seien die Marktreaktionen auf den jüngsten Rückgang der Ölpreise übertrieben gewesen. Ölpreise sind ein wichtiger Treiber der Inflationsrate. Derzeit liegen die Preise rund 20 Prozent unterhalb ihres Jahreshochs.

Langfristig hängen Inflationsrate und Inflationserwartungen allerdings weniger von den Ölpreisen, sondern vor allem von fundamentalen Daten einer Volkswirtschaft wie Wachstum und Arbeitslosigkeit ab. Nordea-Stratege Bierre zufolge sollte die Inflation daher in Europa zumindest nicht tiefer sinken: „Nach der Euro-Krise hatte die Wirtschaft der Euro-Zone großen Nachholbedarf.“ Doch nun seien die Arbeitsmärkte stabil. Die Gefahr, dass die Inflation deutlich sinkt, hält er daher für gering.

Eines der größten Rätsel für Notenbanker wie Anleger ist, warum die knappen Arbeitsmärkte in den USA und Europa nicht längst die Inflation angetrieben haben. In Euro-Land lag die Arbeitslosigkeit zuletzt bei 7,6 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit 2008.

In der Theorie müsste der Job-Boom dazu führen, dass Gewerkschaften höhere Löhne aushandeln können. Die Unternehmen geben den gängigen Ökonomiemodellen zufolge die gestiegenen Lohnkosten über höhere Preise an die Verbraucher weiter.

„Die große Frage ist, wann sich höhere Löhne und Gehälter in höheren Preisen niederschlagen“, sagt Schultz Christensen. Immerhin, erste Anzeichen lassen sich ausmachen: Die Lohnabschlüsse fielen zuletzt höher aus. Zudem geraten die Margen vieler Firmen unter Druck. Das verstärkt den Druck, ihre gestiegenen Kosten an die Kunden weiterzugeben.

Zumindest die vom Finanzdienst Bloomberg regelmäßig befragten Volkswirte prognostizieren deutlich höhere Inflationsraten als die Märkte. So rechnen die Ökonomen für die Euro-Zone künftig mit einer Inflation von 1,5 Prozent (Tabelle). Das ist zwar noch unterhalb des Inflationsziels der EZB, aber immerhin um 0,4 Prozentpunkte höher als die Markterwartungen, die sich in der Break-even-Inflation widerspiegeln.

Als Katalysator für steigende Inflationserwartungen könnte der verschärfte Handelskonflikt zwischen den USA und China wirken. US-Präsident Donald Trump kündigte an, chinesische Importe in Höhe von 300 Milliarden Dollar mit zusätzlichen Zöllen zu belegen. Die höheren Einfuhrpreise könnten die Teuerungsrate in den USA anziehen lassen, so Schultz Christensen. „60 Prozent dieser Zölle treffen den US-Verbraucher direkt.“

Und ausgerechnet das mangelnde Vertrauen der Investoren in die Macht der Notenbanken könnte dazu führen, dass die Inflationserwartungen wieder steigen. Angesichts seit Jahren verfehlter Inflationsziele ist der Handlungsdruck der Notenbanker groß. So führt die US-Notenbank Fed derzeit eine Debatte über ihre künftige geldpolitische Strategie.

Dabei wird auch über die Möglichkeit eines durchschnittlichen Inflationsziels diskutiert. Das hieße: Wenn die Notenbank in einem Jahr das Inflationsziel nach unten verfehlt, würde sie im nächsten Jahr eine etwas höhere Inflation anstreben, um die Verfehlung zu kompensieren. Eine vergleichbare Debatte gibt es in der Euro-Zone zwar noch nicht. Doch die Debatte könnte aber im nächsten Jahr an Fahrt gewinnen, wenn die Nachfolge von EZB-Präsident Draghi geklärt ist.

Allein die Debatte über alternative geldpolitische Strategien könnte die Inflationserwartungen anheizen. Betroffen wären vor allem Rentner. Sie seien vielmehr als Arbeitnehmer steigenden Preisen ausgeliefert, sagt Schultz Christensen. Und so ist es kein Wunder, dass insbesondere bei Pensionskassen das Interesse an inflationsgeschützten Anleihen wächst. Die Versicherung gegen eine Entwertung des Vermögens war selten günstiger.

Mehr: Die jährliche Inflation im Euro-Raum ist im Mai gesunken. Die Zielmarke der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent bleibt in weiter Ferne.

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