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09.06.2022

04:13

Schadenersatz

Erste Klage gegen Adler: Wettrennen der Anwälte birgt Risiken

Anwälte wittern im strauchelnden Immobilienkonzern Adler den nächsten großen Fall. Doch die schnelle Klage ist oft nicht die beste. Was Anleger jetzt tun sollten.

Anwälte glauben, dass der Immobilienkonzern den Kapitalmarkt falsch informiert hat und zu Schadenersatz verpflichtet ist. Bloomberg

Baustelle der Adler Group

Anwälte glauben, dass der Immobilienkonzern den Kapitalmarkt falsch informiert hat und zu Schadenersatz verpflichtet ist.

Frankfurt Es war ein dramatisches Wochenende für den Immobilienkonzern Adler. Am 30. April legte das Unternehmen seinen Jahresabschluss für 2021 vor, allerdings ohne ein Testat eines Wirtschaftsprüfers. Die Aktie, die am Freitag, den 29. April noch bei 7,24 Euro aus dem Handel gegangen war, startete am Montag, den 2. Mai nur noch bei 4,50 Euro und hat sich seither nicht mehr erholt.

Schon drei Tage später – und damit wohl so schnell wie noch nie in einem vergleichbaren Fall – reichte Anwalt Maximilian Weiss von der Kanzlei Weisswert aus Stuttgart die erste Aktionärsklage ein. Er fordert Schadenersatz und beantragte ein Kapitalanlegermusterverfahren (KapMuG) (Az. 2 – 32 O 104/22). Sein Vorwurf: „Adler hat den Kapitalmarkt mehrfach falsch und unvollständig informiert sowie Insiderinformationen verschwiegen“, erklärt Anwalt Weiss. Adler wollte sich zur Klage nicht äußern.

Der Immobilienkonzern steht seit Oktober 2021 im Fokus. Damals hielt der britische Leerverkäufer Fraser Perring der Gruppe unter anderem gravierende Manipulationen bei der Bewertung der Immobilien vor. Adler wies dies zurück und beauftragte KPMG Forensik zur Aufklärung.

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Am 22. April veröffentlichte Adler die Ergebnisse der Sonderuntersuchung. Der Konzern sah sich im Wesentlichen von den Vorwürfen entlastet. Lediglich in der Dokumentation und in der Abwicklung einiger Transaktionen seien Mängel festgestellt worden. Umso überraschender kam es, dass Adler am 29. April nach Börsenschluss bekannt gab, dass der Abschlussprüfer KPMG Luxemburg wegen fehlender Unterlagen das Testat für den Jahresabschluss 2021 versagen würde.

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    Anwalt: Adler hätte über drohenden Versagungsvermerk informieren müssen

    „Dass ein Versagungsvermerk droht, wird nicht erst am Abend des 29. April deutlich geworden sein. Das muss sich schon in den Tagen zuvor abgezeichnet haben“, glaubt Weiss und betont: „Dieses Risiko ist kursrelevant und muss veröffentlicht werden.“

    Weiss sieht daher eine Verletzung der Ad-hoc-Publizitätspflichten, die vorschreiben, dass Unternehmen den Kapitalmarkt über kursbeeinflussende Umstände unverzüglich informieren müssen. Er will für seinen Mandanten den „Kursdifferenzschaden“ geltend machen. Dieser betrage je nach Kaufzeitpunkt und Haltedauer mindestens 24,81 bis über 50 Prozent vom jeweiligen Kaufpreis.

    Weil zahlreiche Anleger betroffen sind, ist laut Weiss ein KapMuG-Verfahren sinnvoll. Dadurch werden die zentralen Fragen in einem Musterverfahren einheitlich und abschließend für alle klagenden Anleger geklärt. Das Gericht muss den Musterkläger bestimmen, doch Weiss ist durch seinen Antrag bereits in den Fokus gerückt. „Mir geht es darum, das Verfahren von Anfang an zu designen“, gibt Weiss offen zu. Ein KapMuG-Verfahren zu leiten bringt auch dem Anwalt Publicity.

    Parallelen zum Fall Wirecard

    Schadenersatzansprüche vermuten auch andere Kanzleien. „Die Aktionäre und Anleger haben allen Grund, sich Sorgen zu machen, und sollten sich zur Wehr setzen“, trommelt beispielsweise die Kanzlei Dr. Stoll & Sauer und warnt: „Wer zu lange damit zögert, dem könnte ein Totalverlust drohen.“ Adler erinnere „fatal an den Fall Wirecard“. Der Zahlungsdienstleister wurde ebenfalls mit Betrugsvorwürfen von Fraser Perring konfrontiert und ging am Ende sogar pleite.

    Doch Marc Liebscher, Vorstand der Anlegervertretung SdK, gibt zu bedenken: „Falls Adler nicht überlebt, macht eine Klage gegen einen insolventen Gegner keinen Sinn.“ Geht Adler während des Verfahrens pleite, müssen die Kläger ihre Ansprüche zur Insolvenztabelle anmelden. Wurde vor einer etwaigen Insolvenz erfolgreich geklagt, kann der Insolvenzverwalter unter Umständen das Geld sogar zurückfordern, erklärt der Anwalt.

    Weiss war jetzt zwar der Erste, schnell wird sein Mandant aber trotzdem kein Geld sehen. „Für einen schnellen Erfolg eignet sich ein KapMuG-Verfahren nicht, denn das dauert immer viel länger als eine Einzelklage“, erklärt Liebscher. Er verweist auf den Fall Telekom, der 20 Jahre dauerte.

    Gleichwohl schreckt die erste Klage Anleger auf und setzt auch konkurrierende Kanzleien unter Druck. Das kritisiert Marc Tüngler von der Aktionärsvereinigung DSW: „Wir sehen bei Adler wie schon bei Wirecard ein Windhundrennen der Anwaltskanzleien. Das ist unwürdig und schadet am Ende mehr, als es bringt.“ Tüngler argumentiert: „Frühe Klagen gehen meist verloren, weil der Sachverhalt noch gar nicht richtig aufgearbeitet ist und die Klage folglich nicht genug Substanz hat.“ Bei Adler stehe zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht fest, was passiert ist.

    Schlechter Schnellschuss behindert weitere Klagen

    „Generell muss man eine Klage wie eine neue Investition betrachten, da sie Kosten verursacht“, bringt es Daniel Bauer, Vorstandsvorsitzender der SdK, auf den Punkt. Zwar sind die ersten Klagen oft für die einzelnen Kläger ohne Kostenrisiko, weil ein Prozessfinanzierer sie deckt.

    Trotzdem gibt es Nachteile. „Wer einmal vor Gericht verloren hat, kann später nicht noch einmal klagen“, erklärt Wolfgang Schirp, Anlegeranwalt aus Berlin. Was Tüngler noch mehr verärgert: Ein schlechter Schnellschuss hat auch negative Effekte für die anderen Betroffenen. „Die Gerichte haben sich bereits mit dem Fall befasst und sich eine Meinung gebildet. Spätere Klagen müssen dagegen ankämpfen“, beobachtet Tüngler.

    Weiss“ Klage umfasst 47 Seiten und ist dennoch sehr eng gefasst. Sein Mandant hat zunächst nur Ansprüche aus einem Kauf von Adler-Aktien am 28.4. geltend gemacht. „Wir beginnen mit dem einfachsten Fall, wollen den Zeitraum für Schadenersatz im Rahmen des KapMuG aber mindestens auf sämtliche Aktienkäufe ab dem 9.4.2020 ausweiten und gegebenenfalls auch weitere Anspruchsgegner wie KPMG Luxemburg hinzunehmen“, erklärt Weiss seine Strategie.

    Bis das LG Frankfurt über Weiss“ KapMuG-Antrag entscheidet, dürften Monate vergehen, auch danach können Anleger sich dem Verfahren noch anschließen. DSW und SdK raten daher momentan dazu abzuwarten, was noch alles an die Öffentlichkeit kommt. Die Verjährungsfrist für etwaige Ansprüche beträgt drei Jahre. Die SdK strebt zudem eine Sonderprüfung bei der Adler Group und der Tochter Adler Real Estate an.

    Von

    dlm

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