Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

06.04.2022

17:25

Zahlungsdienstleister

Schadensersatz: Wirecard-Aktionäre suchen beste Strategie gegen EY

Von: Laura de la Motte

Die geprellten Anteilseigner fordern vom Wirtschaftsprüfer Schadenersatz. Ein geplantes Musterverfahren sorgt für Unmut, ein Vergleich über eine Stiftung scheint optimistisch.

Wirecard-Aktionäre prüfen Strategien gegen EY dpa

Ernst & Young

Die Wirtschaftsprüfer von EY haben die gefälschten Bilanzen jahrelang abgesegnet.

Frankfurt Die Pleite der Wirecard AG im Sommer 2020 gehört zu den größten Wirtschaftsskandalen der deutschen Geschichte. Private und institutionelle Anleger verloren innerhalb kürzester Zeit Tausende oder gar Millionen Euro. Seither suchen die geprellten Aktionäre Möglichkeiten, wie sie – möglichst ohne weiteres Kostenrisiko – zumindest einen Teil ihrer Verluste kompensieren können.

Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hat am Mittwoch in Frankfurt dazu ihre Strategie vorgestellt. Mit den Kanzleien Nieding+Barth und AKD Benelux Lawyers hat die DSW eine Stiftung nach niederländischem Recht gegründet. Sie soll einen außergerichtlichen Vergleich mit EY abschließen. Die Wirtschaftsprüfer hatten die Bilanzen ohne Einwände abgesegnet.

Ein Prozesskostenfinanzierer im Hintergrund erhält nur im Erfolgsfall eine Provision von 25 Prozent. DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler sagte: „Die ‚Stichting Wirecard Investors Claim‘ hat den Vorteil, dass sie eine europäische Vergleichslösung für alle geschädigten Wirecard-Anleger auch und gerade mit EY Global ermöglicht.“ Die Wahl einer niederländischen Stiftung eröffne damit Optionen, die nach deutschem Recht gerade nicht gegeben seien.

Daniel Bauer, Vorstand der Anlegervereinigung SdK, lobte: „Eine kostenlose Schadensersatzlösung für geschädigte Anleger anzubieten begrüßen wir grundsätzlich.“ Und auch Marvin Kewe, Anwalt für Kapitalmarktrecht bei der Kanzlei Tilp, betonte: „Ein Stiftung kann dafür sorgen, die Vergleichsbereitschaft zu erhöhen.“ Patrick Haas, Partner bei AKD Benelux Lawyers, berichtete von früheren Verfahren mit den Banken Meinl, Fortis und DSB, bei denen eine Stiftung eine Einigung über Schadensersatz erzielte.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich zumindest EY Deutschland ebenfalls freiwillig auf eine Entschädigung einlässt. Denn die Anleger erhielten im Dezember vom Oberlandesgericht (OLG) München Rückendeckung. Dieses rüffelte die vorhergehende Instanz, dass es durchaus eine Anspruchsgrundlage für Schadensersatz gebe, die das Landgericht gründlicher hätte prüfen müssen.

    Kräfte sollen gebündelt werden

    Aufgrund der Fülle der Klagen regte das OLG ein Kapitalanlegermusterverfahren (KapMug) an. Im März leitete das Landgericht München schließlich ein solches KapMug-Verfahren ein, das vor dem Bayerischen Obersten Landesgericht (BayObLG) geführt wird.

    Gegenwärtig werden wie üblich alle anhängigen Klagen gegen EY ausgesetzt, um aus dem Kreise einen Musterkläger zu bestimmen. Über das KapMug sind einige Anleger, auch institutionelle, wegen der langen Verfahrensdauer nicht besonders glücklich.

    Der Fall Telekom, bei dem erst nach 20 Jahren eine Einigung erzielt wurde, wird immer wieder als abschreckendes Beispiel genannt. Die Telekom hatte beim Börsengang 2000 in ihrem Prospekt unzureichend über Risiken informiert. Als der Kurs kurz nach der Emission fiel, fühlten sich die Anleger getäuscht und verlangten Schadensersatz.

    „Der Vorteil eines KapMug-Verfahrens ist, dass es deutlich günstiger als eine Einzelklage ist, weil die Verfahrenskosten nur anteilig berechnet werden und Kosten für teure Sachverständigengutachten gespart werden“, sagte Kewe, dessen Kanzlei als Wegbereiter des Musterverfahrens gilt. Sie hat ein solches Verfahren auch gegen EY beantragt.

    Außerdem bündele die Klägerseite durch die Zusammenarbeit der Anwälte ihre Kräfte. Es stritten also institutionelle und private Anleger Seite an Seite. Und er gibt zu bedenken: „Das Telekom-Verfahren hat zwar lange gedauert, aber war im Ergebnis gesehen ein toller Erfolg. Anleger bekamen dank Zinsen bis zu 140 Prozent ihres Schadens ersetzt.“

    Von solchen Summen können Aktionäre des früheren Zahlungsdienstleisters nur träumen. Viele versuchten zunächst ihr Glück im Wirecard-Insolvenzverfahren. 3,2 Milliarden Euro machen dort allein die Gläubiger geltend. Hinzu kommen knapp neun Milliarden Euro von Aktionären. Ob sie gleichrangig zu den anderen Gläubigern gestellt werden, ist unklar. Die Fondsgesellschaft Union Investment klagt deswegen vor dem LG München, im Juli ist der erste Verhandlungstermin.

    Insolvenzverwalter Michael Jaffé hat bisher knapp 700 Millionen Euro zusammengekratzt. Auch er prüft eine Klage gegen EY Deutschland. Das von ihm erstrittene Geld würde in die Insolvenzmasse fließen, von der die Aktionäre – wenn sie überhaupt beteiligt werden – nur einen Bruchteil erhalten.

    Die Aktionäre, die zusätzlich gegen EY vorgehen über Klagen oder die Stiftung, müssten sich mit Jaffé den Schadensersatz teilen. In jedem Fall sind die Mittel von EY Deutschland begrenzt. Die Bilanzsumme des Wirtschaftsprüfers liegt nur bei rund 1,5 Milliarden Euro.
    Die Stichting will daher auch EY Global und andere an der Prüfung beteiligte EY-Einheiten ins Visier nehmen. „Dies ist aus unserer Sicht nur konsequent, da EY Global bei der Beaufsichtigung von EY Deutschland versagt hat und daher ebenfalls für den Schaden der Anleger haftet“, meint Nieding.

    Mit EY Global werde zudem ein Unternehmen einbezogen, das über die finanziellen Mittel verfügt, eine angemessene Entschädigung zu zahlen. Er rechnet in „drei bis vier Jahren“ mit einem Vergleich und glaubt, dass beim KapMug weniger herausspringen wird.

    Anwälte mahnen bei weiteren Klagen zur Vorsicht

    30.000 Privatanleger, die einen Schaden von mehr als 1,5 Milliarden Euro geltend machen, haben sich bei der DSW bereits registriert. „Wer dabei sein möchte, sollte sich beeilen, wir wollen zeitnah die Vergleichsgespräche mit EY aufnehmen“, sagte Nieding. Doch wer der Stichting beitreten will, darf keine parallele Klage gegen EY führen und sich auch nicht zum KapMug anmelden.

    Um den Druck zu erhöhen, will Nieding für die Stiftungsanleger das LG München parallel mit Klagen gegen EY Deutschland und EY Global überhäufen, die er als Streitgenossenschaften bündelt.

    Lesen Sie mehr zum Wirecard-Skandal:

    Hier mahnen andere Anwälte jedoch zur Vorsicht. „Meiner Meinung nach gibt es keine belastbare juristische Anspruchsgrundlage, EY Global eine Haftung nachzuweisen“, erklärte beispielsweise Tilp-Anwalt Kewe. Dies wäre aber nötig, um Druck auf EY Global aufzubauen, sich überhaupt an einem Vergleich zu beteiligen.

    Nieding sagte zudem: „Unsere Klagen gegen EY Deutschland und EY Global werden nicht durch das KapMug ausgesetzt.“ Andere Anwälte sind da skeptisch. Im schlechtesten Fall könnten die entsprechenden Verfahren erst nach einem abgeschlossenen KapMug-Verfahren vorangetrieben werden und die Stiftung hätte am Verhandlungstisch schlechtere Karten.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×