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25.11.2022

10:00

Kalte Progression

Die schleichende Steuererhöhung einfach erklärt

Von: Dominik Zubel

Die Inflation trifft Geringverdiener härter als Besserverdiener. Warum eine Lohnerhöhung allein nicht ausreicht und was die kalte Progression ist.

kalte progression erklärt imago images/Westend61

Kalte Progression: Was ist das eigentlich?

Die Inflation lag im Oktober 2022 in Deutschland bei 10,4 Prozent.

Düsseldorf Neben den Energiekosten steigt auch die Inflation seit Beginn des russischen Angriffskriegs. Und das im Rekordtempo. So stieg die Inflationsrate in Deutschland im Oktober 2022 im Vergleich zum Vorjahresmonat um satte 10,4 Prozent. Ein Versuch, die Folgen der Inflation auszugleichen, sind zum Beispiel Lohnerhöhungen. Meist sind diese Lohnerhöhungen nicht hoch genug, um einen echten Inflationsausgleich zu schaffen. Doch selbst wenn die Erhöhung die Inflation vollständig kompensiert: Mit steigendem Gehalt steigt auch der Steuertarif. Das Ergebnis: eine sogenannte schleichende Steuererhöhung – die kalte Progression.

Was ist die kalte Progression?

Die Europäische Zentralbank definiert: „Steigen die Preise von Waren und Dienstleistungen allgemein und nicht nur die Preise einzelner Produkte, so bezeichnet man dies als Inflation." Während also das allgemeine Preisniveau steigt, verliert das Geld an Wert. Denn: Die Menschen benötigen plötzlich mehr Geld, um die gleichen Dinge oder Dienstleistungen bezahlen zu können. Werden aufgrund der Inflation die Einkommen der Bürgerinnen und Bürger erhöht, gleicht das die Inflation zunächst aus – sofern die Löhne im gleichen Maße steigen. Aber: Durch den progressiven Einkommensteuertarif – also einen Steuertarif, der mit zunehmendem Gehalt steigt – steht dem Steuerzahler weniger Geld zur Verfügung als vor der Einkommenserhöhung. Gleichzeitig profitiert der Staat durch die erhöhten Steuereinnahmen. Dieser Umstand wird als kalte Progression bezeichnet. Oder anders: Die kalte Progression umschreibt eine schleichende Steuererhöhung. 

Wie möchte die Bundesregierung die kalte Progression ausgleichen?

Der Bund sieht vor, die Steuerlast der Bürgerinnen und Bürger an die Inflation anzupassen und damit der kalten Progression entgegenzuwirken. Laut Bundesfinanzministerium soll die Steuerlast für 48 Millionen Menschen in Deutschland angepasst werden. Darunter Selbstständige, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Rentnerinnen und Rentner sowie selbst haftende Unternehmerinnen und Unternehmer. 

Konkret soll sich der im Einkommensteuertarif integrierte Grundfreibetrag erhöhen. Zudem plant der Bund eine Rechtsverschiebung der übrigen Tarifeckwerte des Einkommensteuertarifs. Das bedeutet, dass der jeweils höhere Steuersatz erst bei einem höheren Einkommen greift. Deutlich wird das beim Spitzensteuersatz von 42 Prozent. Der wird derzeit bei einem Einkommen von 58.597 Euro fällig. Im Jahr 2023 müsste er erst ab einem Einkommen von 62.826 Euro bezahlt werden und 2024 ab 66.778 Euro.

Eine Entlastung müsse ebenfalls sozial erfolgen, erklärt das Bundesfinanzministerium. Denn auch Menschen, die keine Einkommensteuer zahlen – also sozial benachteiligte Personen und Geringverdiener –, sollen mithilfe anderer Entlastungspakete unterstützt werden. Zum Beispiel mit dem geplanten Bürgergeld oder der Erhöhung des Wohngeldes.

Insgesamt will Bundesfinanzminister Christian Lindner die Steuerzahler angesichts der gestiegenen Preise im kommenden Jahr um 10,1 Milliarden Euro entlasten. Der Ausgleich soll ab dem 1. Januar 2023 wirken.

Wie wird die kalte Progression geschätzt?

Für die Berechnung geht man davon aus, dass alle Steuerpflichtigen im Folgejahr eine Einkommenssteigerung erhalten – in Höhe der Inflationsrate. Diese Zahlen werden dann als Grundlage für den Ausgleich der kalten Progression genutzt. Die Bundesregierung legt diese Schätzung regelmäßig bei der Einkommensteuer vor.

Im Steuerprogressionsbericht des Bundesfinanzministeriums werden die Auswirkungen der kalten Progression dargestellt. Seit 2016 sei es gängige Praxis, dass Bundestag und Bundesrat den Steuertarif aufgrund des Progressionsberichts im Einkommensteuergesetz an die Inflationsrate anpassen.

Kalte Progression: Wer profitiert vom Ausgleich?

Vom Ausgleich der kalten Progression profitieren alle Personen, die Einkommensteuer zahlen. Das sind laut Bundesfinanzministerium in Deutschland rund 48 Millionen Menschen. Die Entlastung beträgt laut Angaben des Bundesfinanzministeriums durchschnittlich 192 Euro pro Person. Die Erhöhung des Grundfreibetrags soll rund 270.000 Bürgerinnen und Bürger komplett von der Steuerzahlung befreien, so das Bundesministerium.

Geringverdiener profitieren vor allem von der Erhöhung des Grundfreibetrags zum 1. Januar 2023 von 10.347 Euro auf 10.632 Euro – eine Erhöhung um 285 Euro. Bezogen auf die Steuerbelastung profitieren Geringverdiener dadurch stärker als Besserverdiener. Denn durch die Anhebung des Grundfreibetrags müssen weniger Personen Einkommensteuer zahlen.

Die Erhöhung des Grundfreibetrags führt auch dazu, dass einkommensteuerzahlende Rentnerinnen und Rentner begünstigt werden. Laut Bundesministerium führe die Erhöhung dazu, dass rund 75.000 Rentnerinnen und Rentner gar keine Einkommensteuer mehr zahlen müssen.

Familien sollen dadurch entlastet werden, dass der Kinderfreibetrag für jedes Elternteil bis zum 1. Januar 2024 schrittweise auf bis zu 264 Euro erhöht wird. Auch das Kindergeld soll ab 2023 erhöht werden. „Ab Januar 2023 soll das Kindergeld für jedes Kind 250 Euro betragen", heißt es auf der Seite der Bundesregierung. Die Erhöhung des Kindergeldes gilt auch für Familien, die keine Einkommensteuer zahlen.

Wie profitieren Personen mit einem hohen Einkommen von dem Ausgleich?

Der Steuersatz der Einkommensteuer liegt zwischen 14 und 45 Prozent. Wer mehr verdient, muss mehr Einkommensteuer zahlen. Die Inflation trifft Geringverdiener stärker, da sie weniger finanzielle Mittel besitzen, um die gestiegenen Preise abzufedern. Der Betrag des Ausgleichs bleibt daher ab einem Einkommen von 61.972 Euro konstant. Dadurch soll vermieden werden, dass Menschen mit sehr hohem Einkommen stärker profitieren als Personen, deren Einkommen geringer ist.

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