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30.09.2021

15:27

Verbraucherpreise

Deutsche Inflation steigt auf 4,1 Prozent – Höchster Stand seit 28 Jahren

Von: Jan Mallien, Andreas Neuhaus

Teure Energie hat die deutsche Inflationsrate im September auf 4,1 Prozent getrieben. Das ist der höchste Stand seit 1993.

Energiepreise sind ein entscheidender Treiber der Inflation. dpa

Zapfsäule im Tank eines Auto

Energiepreise sind ein entscheidender Treiber der Inflation.

Düsseldorf/Frankfurt Die Inflation kennt in diesem Jahr nur eine Richtung: nach oben. Auch im September legten die Verbraucherpreise weiter zu. Sie stiegen im Jahresvergleich um 4,1 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag auf Basis einer ersten Schätzung mitteilte. Das ist das höchste Niveau seit fast 30 Jahren.

Einen stärkeren Preisanstieg gab es zuletzt in der Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung – im Dezember 1993 mit damals 4,3 Prozent. Schon im August waren die Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 3,9 Prozent gestiegen. Ökonomen hatten diesmal im Schnitt sogar einen Wert von 4,2 Prozent erwartet.

Auch in anderen Ländern des Euro-Raums stiegen die Verbraucherpreise im September weiter. In Spanien legten sie um vier Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zu. In Frankreich stiegen sie gemessen nach dem etwas anders zusammengesetzten europäischen Maßstab (HVPI) um 2,7 Prozent.

Größter Preistreiber in Deutschland war einmal mehr Energie: Sie kostete im September 14,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Nahrungsmittel verteuerten sich um 4,9 Prozent, Dienstleistungen um 2,5 Prozent, darunter Wohnungsmieten um 1,4 Prozent.

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    Ende 2020 waren die Preise in Deutschland noch gefallen, seither steigen sie stetig. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann erwartet, dass die monatliche Inflation im weiteren Jahresverlauf zeitweise fünf Prozent erreichen wird. Er führt den Anstieg wie viele Ökonomen aber hauptsächlich auf Sondereffekte zurück.

    Dazu zählen neben pandemiebedingten Lieferengpässen und Nachholeffekten beim Konsum auch die Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung aus dem vergangenen Jahr und der neue CO2-Preis. In Deutschland sind seit Januar 25 Euro je Tonne CO2 fällig, das beim Verbrennen von Diesel, Benzin, Heizöl und Erdgas entsteht. Zudem ist der Ölpreis 2020 wegen der Pandemie stark gefallen. Im Vergleich zu den niedrigen Vorjahreswerten liegt er nun deutlich höher.

    Das sagen deutsche Ökonomen

    Thomas Gitzel, VP Bank

    „Beim aktuellen Inflationsanstieg spielen nach wie vor die im Jahresvergleich deutlich höheren Energiepreise eine zentrale Rolle. Rund die Hälfte des Teuerungsanstieges entfällt auf den Faktor Energie. Aber auch im Dienstleistungsbereich kam es zu Preiserhöhungen. Die breitflächige Öffnung des Freizeitsektors und des Gaststättensektors nach den Corona-Beschränkungen wurde auch zu Preisanpassungen genutzt. Auch die temporäre Senkung der Mehrwertsteuersätze im zweiten Halbjahr 2021 trägt zur Teuerung bei. Letztlich spielt bei den höheren Verbraucherpreisen auch die Knappheit vieler Güter eine Rolle. Eine starke Nachfrage bei gleichzeitig knappen Angebot treibt viele Preise nach oben. Dies gilt derzeit beispielsweise im Bereich von Gebrauchtwagen. Da Neuwagen aufgrund von Lieferschwierigkeiten fehlen, weichen Verbraucher auf Gebrauchtwagen aus.

    Die deutsche Inflationsrate wird sogar die Schwelle von fünf Prozent in den verbleibenden Monaten diesen Jahres durchbrechen. Im kommenden Jahr werden dann aber die Teuerungsraten deutlich fallen. Es ist deshalb nicht die Frage, ob die Inflationsraten fallen werden, sondern vielmehr auf welchen Niveaus sich die Teuerungsraten im kommenden Jahr einpendeln werden. Hierbei kommt dem deutlich gestiegenen Gaspreis eine entscheidende Rolle zu. Anders als bei steigenden Ölpreisen machen sich höhere Gaspreise erst mit einer deutlichen Verzögerung in der Inflationsrate bemerkbar. Damit ist aber schon jetzt klar, dass sich die Inflationsrate im Jahr 2022 auf höheren Niveaus einpendeln wird als ursprünglich zu erwarten war. Erschwerend kommt hinzu, dass uns die Knappheitsproblematik ebenfalls noch länger begleitet - länger als gedacht.

    Die EZB fühlt sich in Anbetracht der Preisentwicklungen unwohl. Das wurde bereits bei der letzten Notenbanksitzung deutlich. An eine Verlängerung des Pandemie Notfallankaufprogramm der EZB über den März 2022 hinaus ist derzeit wohl nicht zu denken. Die EZB muss klare Zeichen setzen, um frühzeitig gegen steigende Inflationserwartungen anzugehen.“

    Friedrich Heinemann, ZEW-Institut

    „Der Inflationsdruck bleibt bis zum Jahresende sehr hoch. Die aktuell sogar zweistellige Inflationsrate der Großhandelspreise zeigt, dass die Geldentwertung durch die globalen Lieferengpässe angeheizt wird. Aber auch bei den Dienstleistern steigen die Preise auf breiter Front. Auch wenn jetzt schon eine Vier vor dem Komma steht, darf man diese Entwicklung vorläufig nicht dramatisieren. Der Preisschub reflektiert zunächst einmal die erfreulich kräftige und umfassende Erholung der Binnen- und Weltwirtschaft nach dem tiefen Absturz in der Pandemie. Richtig spannend wird es erst ab Januar, wenn die Sondereffekte aus der Mehrwertsteuersenkung vom letzten Jahr auslaufen. Dass die Inflation dann von ihrem aktuellen Stand wieder abfällt, ist sicher. Völlig unklar ist jedoch, wie rasch wieder ein moderates Niveau bei etwa zwei Prozent erreicht werden kann. Für 2022 ist diese Frage offen.“

    Michael Heise, HQ Trust

    „Die Probleme der globalen Lieferketten haben einen besorgniserregenden Umfang angenommen, der zum Teil auf pandemiebedinge Transportengpässe und Produktionsausfälle, aber auch auf mangelnde Sach- und Personalkapazitäten angesichts der weltweit hohen Warennachfrage zurückzuführen ist. Es ist zwar grundsätzlich richtig, dass die Angebotsstörungen mit der Zeit überwunden werden und dann auch der Preisauftrieb wieder zurückgehen sollte, aber dies wird noch einige Monate in Anspruch nehmen, da in größerem Umfang Personal- und Sachkapazitäten fehlen. Verbraucher werden für einen durchschnittlichen Warenkorb am Jahresende etwa fünf Prozent mehr bezahlen als vor einem Jahr, selbst wenn die Energie- und Rohstoffpreise ihren Höhenflug beenden und auf ihren aktuellen Niveaus bleiben. Die Europäische Zentralbank wird ihre jüngst nach oben revidierten Preisprognosen für die Euroländer von 2,2 Prozent für 2021 und 1,7 Prozent für 2022 wohl ein weiteres Mal anheben müssen. Der Kaufkraftverlust, den die Verbraucher jetzt zu spüren bekommen, wird deutliche Nachholforderungen bei den kommenden Tarifrunden zur Folge haben.“

    Ulrike Karstens, DWS

    „Die deutsche Inflationsrate klettert beständig nach oben. Im September lag die Rate bei 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr, vor allem getrieben durch Energie-, aber auch durch anziehende Nahrungsmittelpreise. Da dies Güter des täglichen Bedarfs sind, merken die Verbraucher es deutlich in ihren Portemonnaies. Entwarnung zeichnet sich kurzfristig nicht ab: Steigende Öl-, Gas und Strompreise werden die Inflationsrate weiter nach oben treiben, selbst die Fünf-Prozent-Marke könnte im Raum stehen. Die Europäische Zentralbank sieht diese Entwicklung als temporär an. Ob sie an dieser Einschätzung festhalten wird, entscheidet sich auf der nächsten Sitzung im Dezember.“

    Fritzi Köhler-Geib, Kfw

    „Die Verbraucherpreise in Deutschland nehmen zum Ende des dritten Quartals weiter an Fahrt auf. Der aktuelle Anstieg ist noch immer stark von der Erholung des Rohölpreises und dem Mehrwertsteuer-Sondereffekt bestimmt. Diese Effekte fallen im neuen Jahr weg. Allerdings steigen gerade Energiepreise momentan auch aus weiteren Gründen: Bei Kohle- und Erdgas zum Beispiel gibt es eine Verknappung und Lieferprobleme vonseiten Russlands und Norwegens. Dazu hat der kalte zurückliegende Winter Lagerbestände leergefegt, und die Windenergie erleidet eine wetterbedingte Flaute. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass die Energiepreise bis Ende des Jahres hoch bleiben und vor allem die Gas- und Stromkomponenten diese stark ansteigen lassen. Dies dürfte die Gesamtinflation für den Rest des Jahres deutlich über drei Prozent halten, bevor sie Mitte 2022 langsam wieder unter zwei Prozent fällt. Ein zusätzlicher Faktor bleiben die Lieferengpässe in der Industrie. Dauern diese länger als erwartet an, dürfte sich dies auf das Wirtschaftswachstum auswirken und im Portemonnaie der Verbraucher bemerkbar machen. Ein guter Vorlaufindikator für die zukünftige Verbraucherpreisentwicklung sind die Großhandelspreise, die zuletzt deutlich anstiegen und auf kurz oder lang an den Verbraucher weitergereicht werden.“

    Jörg Krämer, Commerzbank

    „Die Inflationsrate in Deutschland war im September mit 4,1 Prozent nicht ganz so hoch, wie befürchtet worden war. Aber in den kommenden Monaten dürfte es mit der Inflation wieder kräftiger nach oben gehen, auch weil die Unternehmen den gewaltigen Kostenschub durch gestiegene Materialkosten noch nicht vollständig an die Verbraucher weitergegeben haben. Langfristig rechnen wir wegen der EZB-Anleihekäufe für Deutschland und den Euroraum mit einem Inflationsproblem, auch wenn die Teuerung nach der Jahreswende wegen des Wegfalls von Sonderfaktoren wieder fallen sollte.“

    Christoph Swonke, DZ Bank

    „Die Geldentwertung geht wie erwartet weiter – die deutsche Inflationsrate steigt im September auf historische 4,1 Prozent. Wesentliche Treiber der Inflationsrate sind deutliche Preisanstiege im Bereich Energie. Nach den Pandemie-Schocks im letzten Jahr haben sich die Preise wichtiger Rohstoffe wie Öl, Gas, Strom und Kohle von ihren Tiefs inzwischen mehr als deutlich erholt. Dies spiegelt sich auch bei den Importpreisen wieder, deren Plus von 16,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr sogar den stärksten Anstieg seit 1981 darstellt. Hinzu kommt die Rücknahme der temporären Mehrwertsteuer-Senkung aus dem letzten Jahr, die in der zweiten Jahreshälfte 2021 die Teuerungsrate zusätzlich erhöht. Deshalb müssen wir uns bis Ende 2021 an Inflationsraten von über vier Prozent gewöhnen. Der Steuereffekt fällt zwar Anfang 2022 weg. Deutlich niedrigere Inflationsraten sind aber erst mit einer Beruhigung der Preise wichtiger Energieträger zu erwarten.“

    Es gibt aber auch die Befürchtung, dass die Inflation im Euro-Raum hoch bleiben und die Europäische Zentralbank (EZB) zu einer früheren Straffung ihrer Geldpolitik zwingen könnte. Zuletzt hatte es Spekulationen über eine mögliche erste Zinserhöhung bereits im Jahr 2023 gegeben.

    Oliver Rakau, Ökonom von Oxford Economics, verweist darauf, dass aktuell die gestiegenen Gaspreise der Inflation zusätzlichen Schub verleihen. „Auch die Engpässe bei den globalen Lieferketten machen sich zunehmend bemerkbar. Sie führen vor allem angesichts des sich aufhellenden Konsumklimas und den während der Pandemie gebildeten Ersparnissen zu steigenden Preisen bei (langlebigen) Konsumgütern wie Autos.“

    Vor allem die Lieferengpässe könnten aus Sicht von Rakau bis weit in das kommende Jahr die Preise stützen. „Wir gehen aber immer noch davon aus, dass sich die Inflation im Jahr 2022 stark beruhigen dürfte,“ sagt er. Aus seiner Sicht dürften sich die Preisspitzen bei Gas und Strom zurückbilden und der Ölpreis bei abflachenden Wachstumsraten sowie wieder steigendem Angebot rückläufig sein.

    Es gibt aber auch Ökonomen, die erwarten, dass die Inflation noch länger auf hohem Niveau verharrt. Sie verweisen unter anderem auf steigende Kosten für den Klimaschutz und auf Zweitrundeneffekte durch die aktuellen Preisanstiege. Gemeint sind Preiserhöhungen als Reaktion auf vorangegangene Kostensteigerungen. Zum Beispiel, wenn Produzenten die Preise anheben, weil Vorprodukte teurer werden oder Gewerkschaften und Arbeitgeber als Reaktion auf die gestiegene Inflation höhere Löhne vereinbaren.

    „Der Inflationsdruck bleibt bis zum Jahresende sehr hoch,“ urteilt Friedrich Heinemann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Richtig spannend wird es aus seiner Sicht erst ab Januar, wenn viele Sondereffekte auslaufen. „Dass die Inflation dann von ihrem aktuellen Stand wieder abfällt, ist sicher. Völlig unklar ist jedoch, wie rasch wieder ein moderates Niveau bei etwa zwei Prozent erreicht werden kann. Für 2022 ist diese Frage offen.“

    Die EZB selbst hat ihre Inflationsprognosen im September deutlich angehoben. Für dieses Jahr erwartet sie nun für den Euro-Raum eine Steigerungsrate von 2,2 Prozent. Danach rechnet sie wieder mit niedrigeren Werten von 1,7 Prozent für 2022 und 1,5 Prozent für 2023.

    Ob die Inflation länger höher bleibt, hängt aus Sicht von Ökonomen vor allem davon ab, ob auch die Löhne stärker steigen. Bislang zeigt sich das noch nicht in den Daten. Allerdings sorgte zum Beispiel jüngst der Lokführer-Streik für Aufsehen, bei dem es der Lokführer-Gewerkschaft GdL gelang, deutlich höhere Löhne durchzusetzen. Oxford-Economics-Analyst Rakau hält das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale aber für gering.

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