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28.04.2022

15:53

Verbraucherpreise

Inflation in Deutschland steigt auf 7,4 Prozent – höchster Stand seit 1981

Von: Jan Mallien, Frank Wiebe

Die Verbraucherpreise in Deutschland haben im April weiter zugelegt. Die Folgen des Ukrainekriegs verschärfen die Lage – und erhöhen den Druck auf die EZB.

Besonders deutlich gestiegen sind die Benzinpreise. dpa

Zapfsäule einer Tankstelle

Besonders deutlich gestiegen sind die Benzinpreise.

Frankfurt Die Inflationsrate in Deutschland ist im April weiter gestiegen. Die Verbraucherpreise erhöhten sich um 7,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag auf Basis einer ersten Schätzung mitteilte. Das ist der höchste Stand seit Herbst 1981. Ökonomen hatten mit einer Teuerung von 7,2 Prozent gerechnet. Im März lag sie bei 7,3 Prozent.

Energie verteuerte sich um 35,3 Prozent nach 39,5 Prozent im März. Lebensmittelpreise zogen um 8,5 Prozent an. Waren verzeichneten ein Plus von zwölf Prozent, Dienstleistungen von 2,9 Prozent. „Die Preise steigen mehr denn je auf breiter Front“, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Deutschland hat ein echtes Inflationsproblem.“

Eine derart hohe Teuerungsrate gefährde die Stabilität der Wirtschaft und gehe zulasten von Investitionen, sagte Bundesfinanzminister Christian Lindner . „Aus einer solchen wirtschaftlichen Lage kann sich eine tiefe Krise entwickeln.“

Die Preisentwicklung war schon zu Jahresbeginn stärker ausgefallen als zunächst vermutet. Aktuell wird sie durch den Krieg in der Ukraine noch weiter verstärkt. Russland ist einer der wichtigsten Exporteure von Öl und Gas, aber auch von einigen metallischen Rohstoffen wie Palladium, von Weizen und Komponenten für Düngemittel.

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    Der anhaltend starke Preisanstieg setzt die Europäische Zentralbank (EZB) unter Druck. Sie strebt eigentlich eine Inflationsrate von zwei Prozent für den Euro-Raum an. Seit dem vergangenen Jahr liegt sie jedoch deutlich darüber.

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    EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat zuletzt mehrfach betont, dass die Notenbank besonders aufmerksam auf die Löhne achtet, weil diese sehr entscheidend für die weitere Preisentwicklung sind. Ökonomen fürchten eine Lohn-Preis-Spirale, bei der sich beide Faktoren gegenseitig verstärken.

    Auf ihrer Pressekonferenz Mitte April verwies Lagarde darauf, dass die bisherigen Daten noch nicht auf eine stärkere Lohndynamik hindeuten, es aber auch Zeit brauche, bis ein solcher Prozess sichtbar sei. Die Lage im Euro-Raum sei unterschiedlich. Je länger aber die Inflation auf hohem Niveau bleibe, desto höher sei die Gefahr.

    Für Aufsehen sorgten in Deutschland zuletzt Lohnforderungen der Gewerkschaft IG Metall für die Stahlindustrie. Sie will dort 8,2 Prozent mehr Lohn verlangen. Die Forderung sei „sicherlich hoch“, sagt der Ökonom der US-Großbank JP Morgan, Greg Fuzesi. Das gilt aus seiner Sicht auch, wenn man berücksichtigt, dass bei den Tarifverhandlungen meist deutlich weniger herauskommt, als die Gewerkschaften fordern. Laut Fuzesi sind die Tarifverhandlungen in der Stahlbranche daher ein wichtiger Testfall.

    Fuzesi verweist außerdem darauf, dass die Indikatoren der Bundesbank für die monatliche Entwicklung der Tariflöhne gegenüber dem Vorjahr zuletzt höher ausgefallen sind. Der Wert lag im Januar bei 2,2 und im Februar bei 4,2 Prozent. Darin sind auch Einmalzahlungen und Prämien enthalten. Auch wenn die Werte zum Teil stark schwanken, ist der Gesamttrend dort deutlich höher als im vergangenen Jahr.

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    Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer sieht ebenfalls die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale. Allerdings verweist er darauf, dass sich die Tarifparteien in Deutschland im vergangenen Jahr wegen der Pandemie auf ungewöhnlich lange Laufzeiten verständigt haben. Deshalb stünden in diesem Jahr nur für ein Drittel der Beschäftigen Tarifverhandlungen an.

    „Aber im nächsten Jahr dürften die Arbeitskosten auf breiter Front kräftiger steigen – zumal in vielen Branchen Arbeitskräfte knapp sind“, sagt Krämer Dies spreche für eine Inflationsrate deutlich über zwei Prozent, wenn man die schwankungsanfälligen Energiepreise ausklammert.

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    Innerhalb des EZB-Rats ist umstritten, wie die Notenbank reagieren soll. Sie ist in einer schwierigen Lage: Der Krieg in der Ukraine treibt nicht nur die Inflation in der Höhe, er bremst auch die Wirtschaft. Immer mehr Ökonomen warnen inzwischen sogar vor einer Rezession in weiten Teilen Europas, also einer schrumpfenden Wirtschaft. Selbst in den USA, die vom Ukrainekrieg weniger betroffen sind, ging das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal 2022 überraschend zurück.

    Zinserhöhungen könnten zwar die Inflation dämpfen, würden im aktuell schwierigen Umfeld aber auch das Wachstum weiter schwächen. Einige Vertreter wie Chefvolkswirt Philip Lane oder EZB-Direktor Fabio Panetta haben sich skeptisch zu baldigen Zinserhöhungen geäußert.

    In den vergangenen Wochen jedoch meldeten sich vor allem Befürworter zu Wort. Sie deuteten eine erste Zinserhöhung bereits für Juli an. Lagarde sagte am Mittwoch, dass die Anleihezukäufe der Notenbank „mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem frühen Zeitpunkt im dritten Quartal, wahrscheinlich im Juli“ auslaufen würden. Das sei dann der Zeitpunkt, „sich die Zinsen und eine Erhöhung dieser Zinsen anzuschauen“.

    Ähnlich hatten sich zuvor schon EZB-Vizechef Luis de Guindos und Bundesbank-Chef Joachim Nagel geäußert. Aktuell liegt der für die Geldpolitik entscheidende Einlagenzins bei minus 0,5 Prozent.

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    JP-Morgan-Ökonom Fuzesi rechnet „eher im Juli als im September“ mit einer ersten Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte. Das entspricht etwa den heutigen Markterwartungen. Danach erwartet er weitere Schritte im September und Dezember und vier Erhöhungen im kommenden Jahr. Dann läge der Einlagenzins bei 1,25 Prozent.

    Weil das immer noch unter der neutralen Rate von etwa zwei Prozent liegt, seien dann weitere Schritte im Jahr 2024 fällig, schreibt Fuzesi in einer Studie. Als „neutral“ gilt ein Zins, der die Wirtschaft weder bremst noch beschleunigt, wobei dieses Niveau immer nur geschätzt werden kann. Nach der Logik von JP Morgan würde die EZB-Politik also erst 2024 nicht mehr expansiv wirken.

    Jari Stehn, Europa-Volkswirt der US-Bank Goldman Sachs, erwartet ebenfalls einen Stopp der Anleihezukäufe für Ende Juni und dann dieselbe Abfolge an Zinserhöhungen wie Fuzesi bis auf 1,25 Prozent im kommenden Jahr.

    Eine schwache Konjunktur könne zu einer langsameren Abfolge führen, erklärte Stehn. Sollten sich jedoch Zweitrundeneffekte zeigen, also Lohnerhöhungen, die wiederum die Preise treiben, dann sei im Gegenzug auch eine schnellere Abfolge möglich.

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