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29.09.2022

14:15

Verbraucherpreise

Inflation in Deutschland steigt auf den höchsten Stand seit 1951

Von: Jan Mallien, Julian Olk

Die Verbraucherpreise haben im September kräftig zugelegt und sind um 10,0 Prozent gestiegen. Das lag nicht nur am Ende von Tankrabatt und Neun-Euro-Ticket.

Der Einkauf  Supermarkt wird dank Inflation immer teurer IMAGO/Martin Wagner

Einkauf in einem Supermarkt

Die Verbraucherpreise sind zuletzt immer mehr gestiegen.

Frankfurt, Berlin Die Inflation in Deutschland ist im September deutlich stärker gestiegen als erwartet. Die Verbraucherpreise legten im Vergleich zum Vorjahr um 10,0 Prozent zu. Das gab das Statistische Bundesamt am Donnerstag auf Basis einer vorläufigen Schätzung bekannt. Dies ist der höchste Stand seit Dezember 1951, als die Jahresteuerung – bei weitgehend vergleichbaren Daten – bei 10,5 Prozent lag. 

Im August hatte die Inflation noch 7,9 Prozent betragen. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten für September einen Wert von 9,4 Prozent erwartet. Gründe für den Anstieg sind das Ende des Tankrabatts und das Einstellen des Neun-Euro-Tickets. Die beiden Entlastungsmaßnahmen der Ampelkoalition sind Ende August ausgelaufen und hatten die Inflation zuvor gedämpft.

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sagt: „Die Inflation in Deutschland wird wieder ungeschminkt sichtbar.“ So hoch sei sie selbst in den 70er-Jahren nicht gewesen. „Die Preise steigen auch jenseits von Energie immer rascher an. Das ist besorgniserregend.“

Aus Sicht des Hauptgeschäftsführers des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Martin Wansleben, „treffen insbesondere die explodierenden Energiepreise viele Unternehmen ins Mark.“ Die Folge seien Produktionsstopps, Wertschöpfungsverluste, Produktionsverlagerungen und Betriebsschließungen. „Unsere Wirtschaftsstruktur und auch unser Wohlstand in Deutschland sind zunehmend in Gefahr“, warnt er.

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    Der drastische Preisschub wird politisch und wirtschaftlich zu einem immer größeren Problem. Anfang der Woche demonstrierten mehrere Tausend Menschen in verschiedenen Städten in Ostdeutschland gegen die hohe Inflation. Vor allem in energieintensiven Branchen fürchten Unternehmen um ihre Existenz. Und das Ende des Inflationsanstiegs ist nach Ansicht vieler Experten noch nicht erreicht. Die Bundesbank geht in ihrem aktuellen Monatsbericht von weiter zweistelligen Inflationsraten in den kommenden Monaten aus.

    Die vier großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute prognostizieren in ihrer Gemeinschaftsdiagnose für das Bundeswirtschaftsministerium, die am Donnerstag vorgestellt wurde, dass die Inflationsrate im kommenden Jahr noch weiter steigt. Für 2022 sehen sie eine durchschnittliche Teuerung von 8,4 Prozent, 2023 soll die Rate dann auf 8,8 Prozent klettern.

    Das Weitergeben der gestiegenen Preise werde „noch sehr lange anhalten“, sagte Torsten Schmidt, Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI). Die Teuerung werde zu Beginn des kommenden Jahres noch mal ansteigen, erst im Frühjahr werde es Entspannung geben.

    Die Konjunkturforscher warnten vor einer expansiven Fiskalpolitik, die die Inflation weiter anheizen könnte. So sei die Teuerung nicht nur durch die Energiepreise getrieben. „Unter der Energiepreiswelle ist die heimische Flut der Inflation angestiegen“, sagte Stefan Kooths, Vizepräsident des Kiel-Instituts für Weltwirtschaft (IfW).

    Energieintensive Unternehmen senkten Produktion – Rezession erwartet

    Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer verweist darauf, dass die hohe Teuerung die Kaufkraft der Konsumenten mindert und sie zum Sparen zwingt. Außerdem würden viele geschäftliche Aktivitäten durch die hohen Energiepreise unrentabel. Die energieintensiven Unternehmen haben ihre Produktion seit Februar bereits um sieben Prozent gesenkt. „All das ist eine schwere Belastung für die Konjunktur, weshalb ich für das Winterhalbjahr eine Rezession erwarte.“

    Die Energiepreise sind derzeit der mit Abstand stärkste Inflationstreiber. Im September erhöhten sie sich um 43,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dies war noch einmal ein deutlich stärkerer Zuwachs als im August, als das Plus bei 35,6 Prozent lag. Die Energiepreise dürften die Inflation auch in den kommenden Monaten weiter hochtreiben. Sie schlagen in der Regel erst schrittweise auf die Inflation durch, weil zum Beispiel die Strom- und Gaspreise für Haushalte erst mit der Zeit angepasst werden. Oft erfolgt dies zum Jahresbeginn.

    Der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien, sieht dies als Hauptgrund, weshalb der Höhepunkt der Inflation wohl noch nicht erreicht ist.

    „In den kommenden Monaten wird es noch weiter aufwärtsgehen“, sagt er. „Vor allem die hohen Gaspreise im Großhandel dürften bis ins Jahr 2023 hinein an die Privathaushalte weitergegeben werden.“ Dullien erwartet, dass die Inflation über den Winter die psychologisch wichtige Zehn-Prozent-Marke noch übersteigen könnte.

    Angesichts der hohen Inflation hat die EZB zuletzt die Zinsen deutlich erhöht. Nach einem ersten Schritt im Juli hob sie im September den Leitzins um 0,75 Prozentpunkte an. Dies war der größte Zinsschritt in ihrer Geschichte.
    Auch für die kommenden Sitzungen im Oktober, Dezember und im Februar erwarten viele Ökonomen weitere Erhöhungen. Allerdings haben Notenbankvertreter immer wieder betont, dass sie damit die Energiepreise kaum beeinflussen können.

    Aus ihrer Sicht geht es vor allem darum, die Inflationserwartungen stabil zu halten. So sagte EZB-Vizechef Luis de Guindos jüngst, dass man vor allem Zweitrundeneffekte verhindern wolle. Gemeint sind Preissteigerungen als Reaktion auf vorangegangene Kostensteigerungen.

    Auch Nahrungspreise steigen kräftig

    Neben Energie stiegen auch die Preise für Nahrungsmittel im September mit einem Plus von 18,7 Prozent besonders stark. Waren verteuerten sich um 17,2 Prozent und Dienstleistungen um 3,6 Prozent.

    Aus Sicht von Carsten Brzeski, Ökonom der niederländischen ING-Bank, ist eine Rezession „schon lange unvermeidbar geworden“. Erst habe der Preisschub die Verbraucher getroffen, jetzt schlage sich dies immer mehr auf die Unternehmen nieder.

    Die hohen Kosten könnten wegen der geringeren Kaufkraft nicht mehr weitergegeben werden. „Natürlich ist die Industrie am härtesten getroffen von den gestiegenen Kosten, aber es geht immer weiter.“ Auch im Dienstleistungsbereich werde sich die sinkende Kaufkraft bemerkbar machen. Die Angebots- und die Nachfrageseite der deutschen Wirtschaft seien stark beeinträchtigt. „Wir verlieren wirtschaftlichen Wohlstand, der nicht so schnell zurückkommen wird.“

    Die hohe Inflation trifft die Unternehmen in verschiedenem Maße. „Es gibt deutliche Unterschiede, inwieweit Unternehmen die inflationsbedingten Kostensteigerungen an die Kunden weitergeben können“, sagt Sebastian Olbert, Partner der Unternehmensberatung L.E.K. Consulting. Am besten gelinge dies Firmen in Branchen, in denen es keine langfristigen Verträge gebe oder sogenannte Preisgleitklauseln, die sich auf die Entwicklung bestimmter Preisindizes beziehen. Dort also, wo Unternehmen die Preise schnell anpassen können.

    Lebensmittel sind deutlich teurer geworden. dpa

    Supermarktregal

    Lebensmittel sind deutlich teurer geworden.

    Inflation trifft vor allem Branchen mit Preisbindungen

    Als Beispiel nennt Olbert die Energiebranche und den Transportsektor, also etwa Zustellungen per Lkw oder Schiff. Größere Probleme hätten dagegen Branchen, in denen es Preisbindungen gibt, wie zum Beispiel im Pharma- und Gesundheitssektor. „Dort müssen Kostensteigerungen durch Einsparungen aufgefangen werden.“

    Außerdem gibt es viele Branchen, die die Preise aus anderen Gründen nicht weiter erhöhen können. „Das gilt zum Beispiel für die Baubranche, wo die Preise aufgrund verteuerter Rohstoffe ohnehin schon stark gestiegen sind“, sagt Olbert. Aus seiner Sicht sind vor allem kleine Unternehmen betroffen, weil sie weniger Verhandlungsmacht und Preissetzungsspielraum gegenüber Kunden und Lieferanten hätten.

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