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05.11.2019

18:45

Joachim Wenning im Interview

Munich-Re-Chef über Versicherer: „Bis 2025 ist niemand mit dem digitalen Umbau fertig“

Von: Sven Afhüppe

Der Chef des Rückversicherers Munich Re, Joachim Wenning, spricht über den Wandel der Versicherer, neue Plattformen und die Chancen von Übernahmen.

Der Vorstandsvorsitzende von Munich Re spricht auf dem Handelsblatt Insurance Summit. Torsten Jochim für Handelsblatt

Joachim Wenning

Der Vorstandsvorsitzende von Munich Re spricht auf dem Handelsblatt Insurance Summit.

München Von Kundenerlebnissen, wie sie anderswo im Internet längst an der Tagesordnung sind, sind die Versicherer noch weit entfernt. Überall in der Branche arbeiten Experten jedoch seit geraumer Zeit intensiv an Lösungen, um das Verhältnis zum Kunden neu zu erfinden. Munich-Re-Chef Joachim Wenning sprach beim Insurance Summit des Handelsblatts mit Chefredakteur Sven Afhüppe über die Veränderungen, die derzeit in seinem Unternehmen und in der Branche stattfinden.

Herr Wenning, wo steht die Munich Re auf ihrer Reise in Richtung Kundenfokussierung und des verstärkten Einsatzes von Software?
Wir gehen hier mit hohem Tempo entschlossen voran, aber sind noch nicht am Ziel. Von der Anzahl der Lösungen sind wir wahrscheinlich eines der führenden Unternehmen. Auch für die Branche insgesamt gilt: Wir sind auf dem richtigen Weg, aber er ist noch lang.

Haben Sie sich eine Zielmarke gesetzt, wann Sie mit dem Umbau fertig sein wollen? Beispielsweise 2025 oder 2030?
Ehrlich gesagt, nein, 2025 ist damit niemand fertig. Ich würde gern das Gegenteil behaupten, daran glaube ich aber nicht.

Sie setzen bereits neue Technologien ein, überfliegen Katastrophengebiete und werten die Schäden per Algorithmus aus. Wie viele Schadensfälle werden heute von dieser Technologie erkannt und bearbeitet?
Es ist aktuell noch ein kleiner Teil. Wir vermarkten das Konzept derzeit und erzeugen erste Einnahmen für uns. Damit sich diese Lösung lohnt, muss das schadensbetroffene Gebiet groß und für einige Zeit unzugänglich sein. Hier sind die USA als auch die Karibik prädestiniert. Deswegen haben wir dort begonnen. Im nächsten Schritt werden wir dieses System auch bei Flutereignissen einsetzen. Ziel ist, dass Versicherer die Schadensregulierung schnell starten können, oft sogar, schon bevor Betroffene wieder zu ihrem beschädigten Haus zurückgekehrt sind.

Lässt sich die Versicherungsbranche beispielsweise mit der Autoindustrie vergleichen, wo in Zukunft womöglich ein Computer auf vier Räder auf den Straßen rollen wird? Werden Versicherer so zum Techkonzern mit angeschlossenem Versicherungsgeschäft?
In allen Branchen wird es zwei parallele Trends geben, die sich fortsetzen und zu traditionellen Geschäftsmodellen werden. Der eine ist die Industrialisierung oder das Plattformgeschäft. Hier wird durch hohen Technologieeinsatz dem Kunden ein Produkt oder eine Dienstleistung einfach und schnell „nach Hause gebracht“. Amazon ist so ein Beispiel. Dieser Ansatz ist voll industrialisiert und idealerweise auch länderübergreifend hochskaliert. Der technologische Einsatz ist jedoch immens teuer.

Was bleibt dann vom traditionellen Geschäft, wie wir es heute kennen?
Es wird auch weiterhin das analoge menschliche Engagement geben, beispielsweise in der Beratung, allerdings viel spezialisierter. Was auf der schnelleren industrialisierten Plattform abgebildet werden kann, wird dort passieren. Der andere Teil wird hochspezialisierte menschliche Interaktion sein.

Wie viel „Techie“ muss man sein, wenn man diese Transformation als Vorstandschef sinnvoll vorantreiben will?
Man muss offen sein und sich mit diesen Themen beschäftigen, um Urteilsfähigkeit zu entwickeln. Also einschätzen können, wie wir die Technologie in Verbindung mit der sogenannten Kernkompetenz eines Versicherers sinnvoll verknüpfen können. Beide Elemente sind unverzichtbar.

Munich Re hat zuletzt in einige Start-ups wie Relayr Hunderte Millionen Euro investiert. Ist das Ihre Art und Weise, möglichst schnell auf technologische Entwicklungen Antworten zu geben?
Das ist eine strategische Entscheidung, in einen Markt einzutreten, in dem wir vorher nicht präsent waren. Bisher decken wir Risiken ab und bekommen dafür einen Risikopreis. Relayr ist ein Softwareunternehmen. Wir sind überzeugt davon, dass in der konnektiven Welt an den Verknüpfungspunkten über Sensoren viele relevante Daten fließen, die die Früherkennung von Schäden ermöglichen. Unternehmen wie Privatpersonen werden die Möglichkeiten zur Schadensreduktion nutzen, und wir möchten dazu beitragen und dafür vergütet werden. Relayr ist hierfür zentral, und deshalb haben wir die Firma erworben. Grundsätzlich gilt aber: Wir müssen nicht alles besitzen, wenn wir etwas Neues ausprobieren. Partnerschaften sind auch gut, wenn beide Partner bereit sind, ihre jeweiligen Stärken zu bündeln und zu potenzieren.

Sind im Bereich Akquisitionen somit Techfirmen für Sie interessanter als klassische Wettbewerber?
Beides behandeln wir unabhängig voneinander. Wir sind offen für alles, was strategisch Sinn ergibt. Im Moment bieten sich Käufe im Tech-Bereich allerdings mehr an.

Herr Wenning, Sie sind Fan des FC Bayern. Da ist viel passiert in den vergangenen Tagen. Sind nun alle Probleme dort gelöst?
Aktuell würde ich die Bayern jedenfalls nicht gegen Niederlagen versichern. 

Herr Wenning, vielen Dank für das Interview.

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