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14.06.2018

20:25 Uhr

Klaus-Peter Röhler im Interview

„Weniger ist wirklich mehr“ – So treibt der Chef der Allianz Deutschland den Umbau voran

VonCarsten Herz, Christian Schnell

Klaus-Peter Röhler, der neue Chef der Allianz Deutschland, über den Umbau des Versicherers, die Gefahr eines Börsencrashs und die politische Krise in Italien.

Allianz: So treibt der neue Deutschland-Chef den Umbau voran Thomas Dashuber für Handelsblatt

Klaus-Peter Röhler, CEO der Allianz Deutschland

Ebenso wie Konzernchef Oliver Bäte möchte er die einzelnen Produktsparten verschlanken.

FrankfurtEs ist noch eine ungewohnte Übung für ihn. Seit 22 Jahren arbeitet Klaus-Peter Röhler schon bei der Allianz. Doch Wortlautinterviews musste der neue Deutschlandchef, der zuvor lange das Geschäft in Italien und der Schweiz leitete, bisher keine geben. Höflich bittet er darum vor dem Gespräch um Nachsicht, wenn er bisweilen nach Formulierungen suchen muss. Doch dafür besteht kein Anlass. Der 53-jährige Topmanager, der einen feinen Nadelstreifenanzug mit schwarzer Smart-Watch kombiniert, findet in seinem ersten Interview seit seinem Start Anfang Januar stets rasch klare Worte.

Herr Röhler, Sie haben die letzten drei Jahre in Italien gelebt, bevor Sie Anfang des Jahres den Chefsessel der Allianz Deutschland übernommen haben. Sind Sie angesichts der politischen Unsicherheit in Rom froh, wieder in der Heimat zu sein?
Ich habe sehr gerne in Italien gelebt – und manchmal vermisse ich die Zeit dort. Aber ich habe mich natürlich sehr gefreut, dass ich die größte Einheit der Allianz hier in München übernehmen durfte. Was die politische Situation in Italien angeht, entnehme ich meine Informationen momentan auch nur der Presse. Ich glaube aber, dass es wichtig ist, erst einmal abzuwarten, was die neue Regierung letztlich umsetzt von ihrem Programm – und wer die Oberhand in dieser Koalition gewinnen wird.

Nicht jeder ist so zurückhaltend. Der scheidende Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, Vítor Constâncio, hat Italien bereits vor einer Schuldenkrise gewarnt. Steht in Italien die Währungsunion auf dem Spiel?
Ich denke, noch ist es zu früh, um das wirklich zu beurteilen. Wie gesagt: In meinen Augen zeichnet sich noch nicht ab, was der Weg der neuen Regierung sein wird.

Die Märkte sind jedoch nervös, der Investor George Soros warnte zuletzt vor einer neuen globalen Finanzkrise. Wie groß ist die Gefahr eines Börsencrashs?
Ich kann Ihnen nicht sagen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines Börsencrashs ist. Das scheint mir angesichts der vielen Unwägbarkeiten dann doch etwas vermessen. Für eine komplette Entwarnung sehe ich aber keinen Anlass.

Die Anleihen und Aktien in Italien sind in den letzten Wochen tief in den Keller gerauscht. Wie stark trifft das die Allianz?
Nicht allzu sehr. Wir haben die Ausweitung der Risikoprämien auf uns zukommen sehen und schon im Vorfeld der Wahlen unsere Investitionen in italienische Staatsanleihen vorsichtshalber zurückgenommen. Unsere Risikoposition ist nun gering: Wir sind in der Allianz Gruppe mit nur drei Prozent unserer Anlagen in diesen Papieren investiert – und halten das Risiko verbunden mit italienischen Anleihen für beherrschbar

Für die Allianz ist Italien bisher ein Vorzeigemarkt. Konzernchef Oliver Bäte hob gerade erst hervor, dass andere Gesellschaften sich dort etwas abgucken können. Wenn Sie jetzt mit frischem Blick auf die Allianz Deutschland schauen: Wo gibt es in Ihrem Haus Nachholbedarf?
Die Allianz Deutschland ist ein sehr solides Unternehmen und in Sachen Innovation und Digitalisierung sehr weit. Aber es ist richtig, dass wir noch besser werden können. Ich habe vor allem drei Felder gefunden, an denen wir in den kommenden Monaten ansetzen wollen: Produktentwicklung, Profitabilität und Wachstum. Wir wollen schneller und einfacher werden – wie in der Kfz-Versicherung. Hier brauchen Kunden inzwischen nur noch 90 Sekunden, um den Vertrag abzuschließen. Das ist eine Blaupause für andere Bereiche.

Klaus-Peter Röhler – zur Person

Der Manager

Der studierte Jurist ist seit Anfang Januar Vorstandschef der Allianz Deutschland. Zuvor leitete er das Italiengeschäft und die Tochter in der Schweiz. Mit der Digitalisierung ist der 53-Jährige von dort bestens vertraut: Italien ist das Aushängeschild des Allianz-Konzerns, wenn es um dieses Thema geht.

Das Unternehmen

Die Allianz Deutschland ist die wichtigste Landestochter des Versicherungsriesen. Sie steht für mehr als ein Viertel der Erlöse im Konzern im vergangenen Jahr. Im Heimatmarkt sind die Münchener mit ihren mehr als 20 Millionen Kunden bei Leben- und Unfall-Policen Marktführer, in der Kfz-Versicherung die Nummer zwei hinter dem Rivalen Huk-Coburg.

Was heißt das konkret?
Die Produkte der Allianz sind zum Beispiel in der Autoversicherung in Europa zu über 90 Prozent gleich. Wir können also durch eine Produktharmonisierung noch viele Synergien heben. Das heißt nicht, dass alle Angebote nun überall gleich aussehen werden. Aber wenn wir nicht überall das Produkt neu erfinden müssen, macht das die Arbeit für uns deutlich schneller und kostengünstiger. Wir stellen uns das wie beim iPhone vor: Das Gerät ist zwar überall gleich, aber Sie können mit unterschiedlichen Apps ihr Gerät individualisieren, ohne dass sie die Basis jeweils neu bauen müssen.

In Italien experimentieren Sie mit einer App für mobiles Bezahlen namens Allianz Prime, die Sie mit Visa aufgelegt haben. Kommt das Angebot auch nach Deutschland, und sehen Sie Potenzial für die Allianz im mobilen Zahlungsverkehr?
Wir denken darüber nach. Wir untersuchen gerade, ob wir mit Allianz Prime in Deutschland an den Start gehen sollen. Eine endgültige Entscheidung steht zwar noch aus. Aber es ist ein sehr innovativer Bezahlservice, der attraktiv für den deutschen Markt sein kann.

Neu ist auch das Tarifsystem in der Kfz-Versicherung, mit dem Sie seit 2017 auf Kundenfang gehen. So wollen Sie der Huk-Coburg die Marktführerschaft abjagen. Wann erwarten Sie, dass Sie Vollzug melden können?
Es war wichtig für uns, dass das neue Kfz-Produkt so gut eingeschlagen ist. Wir haben im ersten Jahr netto 150 000 Autos dazugewonnen und damit die erfolgreichste Abwerberunde seit 16 Jahren geschafft. Insgesamt liegen wir nunmehr bei 8,5 Millionen Autos.

… doch die Huk-Coburg liegt immer noch mit knapp drei Millionen Kunden vorne. Die Coburger prognostizieren einen neuen Preiskampf. Wird die Allianz nochmals die Prämien senken?
Zunächst einmal haben sich unsere Anforderungen an die Profitabilität im Kfz-Sektor nicht geändert. Aber es stimmt, dass das neue Modell ein viel flexibleres Preissystem zulässt, weshalb wir regional sehr viel schneller in Echtzeit agieren können. Aber es gehört mehr zu einem Kfz-Produkt als ein Preisschild. Wir wollen mit unserer Vertriebskraft, unserem Service und der Qualität unserer Leistungen punkten. 

Konzernchef Oliver Bäte sieht allerdings gerade in der Sachversicherung, zu der die Kfz-Policen zählen, großen Reformbedarf. Vor allem die Komplexität müsse verringert werden. Was heißt das konkret für die Allianz Deutschland?
Wir möchten eine neue, sehr schlanke Produktarchitektur aufbauen, die künftig deutlich weniger Varianten umfassen wird. Noch sind wir viel zu komplex. Nach dem Kfz-Sektor wollen wir so auch den Privat-Schutz und andere Sparten angehen. Für den Kunden wird das Angebot so übersichtlicher. Natürlich liegt der Charme für uns darin, dass wir diese Produkte auch sehr viel einfacher herstellen können, was Kosten und Zeit spart. Außerdem können wir so einheitliche Prozesse im Backoffice aufbauen, was Verwaltungskosten reduziert.

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In Italien ist bei der Allianz in der Sachversicherung bereits ein Drittel der Versicherungsprodukte gestrichen worden. Ist das die Größenordnung, die Sie auch in Deutschland anstreben?
Wir wollen am Ende deutlich weniger Produktvarianten im Regal haben. In Italien sind wir am Ende auf 35 Produkte gekommen, die wir noch anbieten. Ich erwarte, dass wir in Deutschland bei einer ähnlichen Größenordnung in der Sachversicherung landen werden. Wir wollen aber auch die Komplexität bei der Verwaltung von Produktvarianten und Tarifgenerationen verringern, die wir gar nicht mehr anbieten. Gerade diese Alt-Portfolios machen Schwierigkeiten über die gesamte Wertschöpfungskette. Das ist der zweite Schritt, den wir unternehmen wollen.

Aber sind Kunden wirklich glücklicher, wenn sie nur noch eine Handvoll Produkte angeboten bekommen?
Wir testen das regelmäßig und bauen derzeit einen Prototypen für die Wohngebäudeversicherung. Ich kann Ihnen aus unserer Erfahrung versichern: Weniger ist wirklich mehr. Der Vergleich mag hinken, aber hält jemand Apple für weniger innovativ, nur weil es das iPhone X nur noch in vier Varianten gibt? Ich denke, nein.

Das iPhone ist das teuerste Produkt am Markt. Werden Sie die Einsparungen durch die Verschlankung des Produktangebots an die Kunden weitergeben?
Ich bin sicher, dass wir da eine gute Balance finden werden. In der Kfz-Versicherung haben wir einen Großteil der Einsparungen an die Kunden weitergereicht. Das Wachstum in diesem Sektor hat uns nachträglich bei dieser Entscheidung recht gegeben.

Ihr Angebot wird künftig aber nicht nur übersichtlicher – es muss bald auch mit mehr interner Konkurrenz leben. So will die Allianz einen globalen Direktversicherer aufbauen, der alle bisherigen Angebote bündelt. Wie viele Kunden wird Ihnen die neue interne Konkurrenz abspenstig machen?
Die Richtung, die die Holding einschlägt, stimmt, wenn sie die Direktaktivitäten bündelt. Wir werden aber weiter unsere Multikanalstrategie haben mit den Vertretern im Mittelpunkt der Vertriebs- und Digitalisierungsstrategie. Aus den Erfahrungen in Italien kann ich sagen, dass sie mit den unterschiedlichen Vertriebswegen sehr gezielt die unterschiedlichen Kundensegmente ansprechen können. Für Deutschland gilt: Mit den Allianz-Produkten sprechen wir ganz andere Kunden an als mit den Direktprodukten unserer Tochter Allsecur.

Im Vertrieb mit seinen 8300 Vertretern dürfte das Grummeln deutlicher werden. Wird der stationäre Vertrieb der größte Verlierer der neuen Einfachheit im Konzern werden?
Nein, ich gehe fest davon aus, dass unser Vertrieb in dieser Größenordnung bestehen bleiben wird. Im Vergleich zu Wettbewerbern haben wir bereits im zurückliegenden Jahr unsere Vertriebskapazität nicht reduziert, während der Markt um fünf Prozent runtergegangen ist. Wir glauben sehr stark an diesen Vertriebsweg und halten ihn auch in Zukunft für sehr wichtig. Marktweit entfallen bisher nur zwölf Prozent der Beitragseinnahmen auf das Kfz-Direktgeschäft.

Sie beschäftigten derzeit insgesamt in Deutschland noch 26.800 Mitarbeiter. Brauchen Sie wirklich noch so viele, wenn viele Tätigkeiten künftig vom Computer und künstlicher Intelligenz automatisch erledigt werden?
Es ist ganz klar, dass Stellen durch die Digitalisierung und Automatisierung wegfallen werden. Auf der anderen Seite entstehen durch diese Entwicklungen neue Jobmöglichkeiten, und wir wollen natürlich auch weiter wachsen. Wir haben also gegenläufige Vektoren. Ich kann Ihnen heute nicht seriös sagen, wie sich das am Ende auf den Stellenplan der Allianz Deutschland auswirkt. Ich kann Ihnen aber sagen, dass wir als verantwortungsvoller Arbeitgeber den Wandel gemeinsam mit den Mitarbeitern und den Arbeitnehmervertretern gestalten wollen.

Oliver Bäte kündigte jüngst offen an, dass der Umbau der Sachversicherung nicht geräuschlos vonstattengehen wird. Stellen Sie sich auf eine Kraftprobe mit den Arbeitnehmern in Deutschland ein?Die Veränderung, die Oliver Bäte zu Recht einfordert, ist ein Paradigmenwechsel, bei dem viele Menschen erst einmal abgeholt werden müssen. Früher haben wir Produktdifferenzierung sehr stark betrieben. Jetzt geht es plötzlich in die andere Richtung. Ein anderer Punkt ist der Umstand, dass wir heute eine kontinuierliche Veränderung im Unternehmen haben. Wandel ist eine neue Normalität. Doch das erlebt nicht jeder als Bereicherung. Aber ich habe persönlich immer auf einen konstruktiven Dialog mit der Belegschaft gesetzt.

Die Bundesregierung fasst einen Provisionsdeckel für Vermittler ins Auge. Wie ist Ihre Position als Versicherer dazu?
Ich halte die Provisions- und Courtagesysteme, wenn sie mit Augenmaß gemacht wurden, nach wie vor für richtig. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass der Vertreter vom Kunden weiterhin gefragt ist. Natürlich müssen wir seine Dienstleistung adäquat honorieren.

Zuletzt schloss der Konzern Fusionen nicht aus. Sehen Sie sich auch nach Übernahmezielen um – oder sind Ihnen aus kartellrechtlichen Gründen die Hände gebunden?
Wir schauen uns Möglichkeiten immer an. Aber momentan gibt es keine Hinweise dafür, dass sich bald eine Gelegenheit für die Allianz Deutschland auftun könnte.

Eingestiegen sind Sie schon vor Jahren beim FC Bayern. Jetzt läuft die Fußball-WM in Russland. Sie haben lange in Italien gelebt, davor mehrere Jahre in der Schweiz. Deshalb sind wir gespannt, wie Ihr Tipp ausfällt. Wer wird nächster Weltmeister?
In Fußballprognosen bin ich grundsätzlich nicht gut. Aber für mich wird das eine sehr viel leichtere WM als die vor vier Jahren, weil ich nicht fürchten muss, dass Deutschland gegen Italien spielt.

Für wen würde Ihr Herz schlagen?
Genau deswegen bin ich froh, dass ich diesmal nicht vor die Gretchenfrage gestellt werde.

Herr Röhler, vielen Dank für das Interview.

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