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02.09.2017

14:39 Uhr

Erbe

Das dicke Geschäft mit toten Konten

VonSaskia Littmann
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Der Weg zum Erbe kann manchmal schwieriger sein als man denkt. Die Banken profitieren vom nicht genutzten Geld der Verstorbenen und erschweren den Erben deswegen den Zugriff auf das von ihnen verwaltete Vermögen.

Neben dem Geld, welches sich auf den Bankkonten der Verstorbenen befindet, können sich auch noch weitere Vermögenswerte in Bankschließfächern befindet. Außerdem sind zum Teil auch noch Depots vorhanden, dpa

Vermögen

Neben dem Geld, welches sich auf den Bankkonten der Verstorbenen befindet, können sich auch noch weitere Vermögenswerte in Bankschließfächern befindet. Außerdem sind zum Teil auch noch Depots vorhanden,

Otto Beier ist einer ihrer schwierigsten Fälle. In einer schlichten grauen Pappmappe steckt seine Vergangenheit. Papiere, Dokumente und Notizen, zusammengehalten von einem beigen Stoffgurt. Sybille Wolf-Mohr rollt einen meterlangen Stammbaum auf dem Schreibtisch aus.

Sechs DIN-A4-Seiten hat sie hintereinander geklebt. Viele Rechtecke mit Namen, durch Linien verbunden. Im Zentrum, rot unterlegt, Otto Beier, der natürlich anders hieß. Sechs Jahre hat Wolf-Mohr, schlichte weiße Bluse, enge Jeans, auffällige Brille, an dem Stammbaum gepuzzelt. Sie ist Erbenermittlerin, für ihre Kunden sucht sie auf der ganzen Welt nach Nachfahren.

Oft findet sie die in der dritten und vierten Generation, 20 Erben seien keine Seltenheit, erzählt die zierliche Bankkauffrau, deren feine Lachfältchen davon zeugen, dass ihr Job nicht so tod-trist ist, wie es scheint. Im Regal hinter ihr stapeln sich die grauen Pappmappen mit den Fällen.

Otto Beier war alleinstehend und kinderlos, hatte aber über zahlreiche Geschwister seiner Eltern diverse Cousinen und Cousins, die ihrerseits viele Kinder bekommen haben. Einer dieser Cousins sitzt nach Otto Beiers Ableben in Wolf-Mohrs Büro in Iffezheim, einem kleinen Ort bei Baden-Baden. Seine Vermutung: Beier habe mehrere Immobilien und ein größeres Bankvermögen hinterlassen.

So viele Deutsche erben mehr als 100.000 Euro

Bundesdurchschnitt

Bundesweit erhalten durchschnittlich 16 Prozent der deutschen Erben mehr als 100.000 Euro. Aber zwischen Ost- und West sowie den Bundesländern gibt es große Unterschiede.

Quelle: Quirin Bank, YouGov, Stand: April 2017
Erhebungszeitraum: 12.04.2017 - 25.04.2017; immer bezogen auf jene, die bereits geerbt haben (bundesweit 35 Prozent der Deutschen)

Ostdeutschland

In Westdeutschland wurde in der Vergangenheit in 19 Prozent der Fälle ein Vermögen von mehr als 100.000 Euro vererbt. Vor allem Immobilien treiben hier die Erbschaft in die Höhe.

Ostdeutschland

In Ostdeutschland wurden deutlich seltener Immobilien vererbt, auch fällt der Nachlass generell oft geringer aus als im Westen. Nur sieben Prozent der Ostdeutschen Erben konnten sich über einen Nachlass von mehr als 100.000 Euro freuen.

Schleswig-Holstein

Auch zwischen den Bundesländern zeigen sich große Unterschiede. Im nördlichsten Bundesland lag der Anteil hoher Erbschaften bei zwölf Prozent.

Hamburg

In Hamburg ist deutlich höherer Wohlstand anzutreffen. 21 Prozent der Hamburger erben mehr als 100.000 Euro.

Niedersachsen

17 Prozent der niedersächsischen Erben bekommen mehr als 100.000 Euro.

Bremen

Hohe Summe bekommen auch viele im verschuldeten Bremen: 20 Prozent der Bremer erben mehr als 100.000 Euro.

Nordrhein-Westfalen

Im bevölkerungsreichsten Bundesland liegt der Anteil hoher Erbschaften bei 16 Prozent.

Hessen

Mehr hohe Erbschaften gibt es in keinem anderen Bundesland: Mehr als 100.000 Euro erben 24 Prozent.

Rheinland-Pfalz

17 Prozent der Erben in Rheinland-Pfalz erhielten einen Nachlass von mehr als 100.000 Euro. Fast jeder zweite erbte eine Immobilie – häufiger als in jedem anderen Bundesland.

Baden-Württemberg

20 Prozent, also jeder fünfte Erbe in Baden-Württemberg, konnte sich über einen Nachlass von mehr als 100.000 Euro freuen.

Bayern

Nur in Hessen gibt es mehr hohe Erbschaften. 22 Prozent der hessischen Erben bekommen einen Nachlass im sechsstelligen Bereich.

Saarland

Schlusslicht im Westen: Nur zehn Prozent der Erbschaften im Saarland liegen über 100.000 Euro.

Berlin

Arm, aber sexy, scheint in Berlin noch immer zu gelten: Nur acht Prozent erben in Berlin sechsstellig.

Brandenburg

Ähnliches Bild im Berliner Umland: Neun Prozent der Erben in Brandenburg erhalten einen Nachlass von mehr als 100.000 Euro.

Mecklenburg-Vorpommern

Acht Prozent der Erben in Mecklenburg-Vorpommern können einen Nachlass im Wert von mehr als 100.000 Euro einstreichen.

Sachsen

Die weit geringere Zahl vererbter Immobilien macht sich in Ostdeutschland bemerkbar. Nur sechs Prozent Erbschaften erreichen einen Wert von 100.000 Euro und mehr.

Sachsen-Anhalt

Die niedrigsten Erbschaften verzeichnet Sachsen-Anhalt: Gerade mal fünf Prozent bekommen mehr als 100.000 Euro.

Thüringen

In Thüringen erhalten sieben Prozent aus dem Nachlass mehr als 100.000 Euro.

Wo genau, das wisse er nicht. Auch nicht, wer neben ihm noch erbberechtigt sei. Aber ohne seine Miterben darf sich der Cousin bei den Banken nicht auf die Suche nach dem vermuteten Vermögen machen. „Diese Fälle sind gar nicht so selten“, sagt Wolf-Mohr. Oft wüssten Verwandte gar nicht, dass sie erbberechtigt sind. Oder könnten nicht alle Erben ausfindig machen.

Es sind Stammbäume wie der von Otto Beier, die erklären, warum deutsche Banken und Sparkassen in ihren Verzeichnissen teilweise Hunderttausende Sparbücher, Konten und Depots haben, auf denen nichts mehr passiert. Vergessene Konten ohne Ein- oder Auszahlungen, Depots, in denen das letzte Wertpapier vor vielen Jahren gehandelt wurde.

Totes Vermögen, weil es keine direkten Erben gibt. Als nachrichtenlos werden diese Konten bezeichnet, wenn über ein paar Jahre kein Kontakt zum Besitzer besteht und Post als unzustellbar wieder bei der Bank landet. Schätzungen gehen schon heute davon aus, dass in Deutschland zwischen zwei und neun Milliarden Euro auf solchen Konten schlummern. Die Wahrheit dürfte irgendwo dazwischen liegen.

Weil immer mehr Menschen ihre Konten online führen und sie den Wohnort häufiger wechseln, dürften in den nächsten Jahren noch viel mehr Konten nachrichtenlos werden. Allein bei der Sparkasse Dortmund ist die Zahl der nachrichtenlosen Konten seit Anfang 2016 um 50.000 auf insgesamt 250.000 gewachsen.

Exakte Zahlen für alle Banken gibt es nicht, das Geld wird dem Wirtschaftskreislauf unbemerkt entzogen. Es ist Vermögen, über das viele Banken lieber nicht reden wollen – weil sie daran verdienen.

Studie zum Erbvolumen: Deutschland erbt – bis zu 400 Milliarden Euro pro Jahr

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Über die exakte Höhe des an Erben weitergebenen Vermögens liegen nur Schätzungen vor. Berliner Ökonomen beziehen für eine neue Studie auch die Auswirkungen regelmäßigen Sparens ein – und kommen auf überraschende Zahlen.

Provisionen auch nach dem Ableben

Eingeweihte berichten von Depots, bei denen längst klar war, dass der Inhaber verstorben war. Die Bank verdiente weiter Geld daran, etwa Provisionen. „Wenn wir noch Erträge brauchten, haben wir die eben umgeschichtet und noch ein paar Wertpapiere hin- und hergehandelt“, berichtet ein Insider. Auch wenn es sich dabei um Einzelfälle handeln dürfte, erlaubt das Regelwerk der Banken derartige Depotumschichtungen.

„Wenn der Kontakt zum Kunden abbricht, werden Wertpapierdepots von den Banken auf Basis der bisherigen Anlageentscheidungen weitergeführt“, sagt Thorsten Höche, Chefjustiziar des Bundesverbands deutscher Banken. So handhabt es auch die Commerzbank. „Konten und Depots werden grundsätzlich so geführt, wie mit dem Kunden vereinbart“, heißt es bei Deutschlands zweitgrößter Privatbank.

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