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30.11.2018

15:09

Günstige Beratung

Versicherungsvermittler wollen zur neuen Anlaufstelle für Verbraucher werden

Von: Laura de la Motte

Die Branche kritisiert die Beratungsqualität in den Verbraucherzentralen. Die Vermittler wollen nun zu gleichen Gebühren bessere Tipps geben.

Die Versicherungsvermittler wollen in der Regel ein Verbraucherbüro pro 100.000-Einwohner-Stadt errichten. picture alliance / Wolfram Stein

Die Bundesverbraucherzentrale in Berlin

Die Versicherungsvermittler wollen in der Regel ein Verbraucherbüro pro 100.000-Einwohner-Stadt errichten.

Frankfurt Darf die Hausratversicherung sich weigern, einen Schaden komplett zu regulieren? Soll man die Lebensversicherung kündigen oder nicht? Ist mein Versicherungsschutz vollständig? Es gibt viele Probleme, bei denen Versicherungskunden neutrale Hilfe suchen. Über 4800 Beschwerden zu Versicherungsverträgen gingen 2017 allein bei der Finanzaufsicht Bafin ein.

Viele Verbraucher gehen dann nicht zu ihrem Versicherungsvermittler oder fragen einen Versicherungsberater, der Stundenhonorare von 150 Euro nimmt, sondern wenden sich stattdessen für kleines Geld an eine der knapp 198 Beratungsstellen der Verbraucherzentralen (VZ).

Jetzt wollen die professionellen Versicherungsvermittler nicht länger der staatlichen Institution das Thema Verbraucherschutz allein überlassen. Der Bundesverband der Sachverständigen für das Versicherungswesen (BVSV), in dem Versicherungsvermittler organisiert sind, eröffnet deutschlandweit sogenannte „BVSV Verbraucherbüros“, in denen Hilfesuchende zu denselben Honorarsätzen wie in den Verbraucherzentralen Rat erhalten. Die Sätze variieren leicht je nach Bundesland, das berücksichtigt der BVSV. Eine allgemeine Versicherungsberatung bis 30 Minuten kostet in den Verbraucherbüros in NRW zum Beispiel 40 Euro.

Auslöser für die Initiative ist, dass den Praktikern immer wieder Beratungsfehler und falsche Empfehlungen durch Verbraucherschützer auffallen. Darum will der BVSV die Sache selbst in die Hand nehmen: „Der Verbraucherschutz für Versicherte muss in die Hände derer, die es professionell betreiben und jeden Tag damit zu tun haben: den zugelassenen und registrierten Vermittlern oder Versicherungsberatern“, erläutert BVSV-Vorstand Andreas Schwarz. Die ersten 16 Anlaufstellen wurden bereits eröffnet, weitere 65 haben sich angemeldet. Eine Liste gibt es unter www.verbraucherschutzindeinerstadt.de.

Makler verzichtet auf Mandat

Die Verbraucherbüros – in der Regel eines pro 100.000-Einwohner-Stadt – werden in den Räumen eines ausgewählten Versicherungsvermittlers errichtet. Eine Hürde musste der Verband dabei umschiffen. Die Gewerbeordnung verbietet, dass Versicherungsvermittler – also Vertreter und Makler – gegen Honorar völlig losgelöst von einer erfolgten oder angestrebten Versicherungsvermittlung beraten.

Das dürfen nur Versicherungsberater, die ausschließlich von Honoraren leben. Daher wird die BVSV Sachverständigen GmbH, die über eine Versicherungsberater-Lizenz verfügt, gegenüber dem Verbraucher der Partner für den Beratungsvertrag sein. „Zur Auskunftserteilung bedient sich die Sachverständigen GmbH des Vermittlers vor Ort“, erklärt Schwarz.

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Gleichwohl werden diese Vermittler nur zu einzelnen Policen oder zum Versicherungsstatus beraten sowie bei Versicherungsschäden begleiten. Verbraucher, die rechtliche Probleme oder steuerliche Fragen haben, werden von den Vermittlern zu einem an das Verbraucherbüro angeschlossenen Anwalt oder Steuerberater verwiesen. Hier können höhere Honorare anfallen als bei den VZ.

Jeder Vermittler verpflichtet sich, sechs Monate kein Mandat von dem Verbraucher anzunehmen, den er einmal gegen Honorar beraten hat. Er muss ihn im Bedarfsfall an einen anderen Vermittler oder Versicherungsberater weiterleiten. „So wird die Unabhängigkeit gewahrt“, bemerkt Schwarz.

Beobachter warnen jedoch: Statt dem fachlich besten Kollegen könnte hier auch ein befreundeter Makler empfohlen werden, der die anschließende Provision teilt. Schwarz entgegnet darauf, dass der Kunde alles schriftlich bekomme und somit genau wisse, was er brauche. Damit sei er auch in der Lage, sich selbst am Markt einen Ansprechpartner zu wählen: „Wenn wir empfehlen, dann auch einen Sachverständigen für das Versicherungswesen.“

Die Vermittler in einem Verbraucherschutzbüro müssen eine Versicherungszulassung vorweisen und verpflichten sich, innerhalb von zwei Jahren beim BVSV eine Ausbildung zu so einem Sachverständigen abzuschließen, die über 4000 Euro kostet. „Wir alle denken, dass es sich hier um eine sehr saubere und vor allem faire Möglichkeit handelt, um dem System nach außen zu noch mehr Qualität zu verhelfen“, betont Schwarz. „Damit wird die Initiative nebenbei zum Geschäftskonzept für die BVSV-Weiterbildungen“, sagt Norman Wirth, Anwalt für Versicherungsrecht aus Berlin.

Da die Versicherungswelt hochkomplex ist und ein auf Berufsunfähigkeit spezialisierter Makler auch mit Detailfragen zum Beispiel zu Kfz-Policen konfrontiert werden kann, hat der BVSV eine Expertenplattform geschaffen, auf die jeder Vermittler in den Verbraucherbüros zurückgreifen kann.

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Frank Dietrich, Versicherungsmakler aus Potsdam, der nicht an der BVSV-Initiative beteiligt ist, hält das Konzept für keine ausreichende Lösung. „Ein Intranet kann die Expertise eines Spezialisten, die sich auch im direkten Beratungsgespräch zeigt, nicht ersetzen“, glaubt Dietrich. Als Alternative schlägt er ein Modell analog zu einem Ärztehaus vor, in dem verschiedene spezialisierte Vermittler oder Berater unter einem Dach arbeiten.

Die Beratung von Verbrauchern zu den günstigen Honoraren auf Verbraucherzentralenniveau reicht nicht für ein Vollzeiteinkommen. „Die Vermittler verdienen sich etwas dazu, haben aber alle ihr Einkommen aus ihrer regulären Vermittlertätigkeit“, erklärt Schwarz. Allerdings können die Betreiber eines Verbraucherbüros ihre Einnahmen durchaus noch aufpeppen, weil der Verband zwei Partner gewonnen hat.

So hilft der Vermittler auch bei der Suche nach einem Strom-, Gas-, DSL-, Handytarif oder eben Versicherungstarif über das Online-Vergleichsportal Verivox. „Schließt der Verbraucher in der BVSV-Beratung einen Vertrag über Verivox ab, erhält der Vermittler eine Provision“, erklärt Verivox-Geschäftsführer Klaus Hufnagel. Dafür nimmt er dann kein Honorar vom Kunden.

Für das Vergleichsportal ergibt sich so die Gelegenheit, auch weniger internetaffine Kunden anzusprechen. „Die Kundenberatung durch den BVSV erfolgt in dessen Verbraucherbüro nun nicht nur fachkundig zu Versicherungsthemen, sondern darüber hinaus umfassend zu zahlreichen Verträgen rund um den Haushalt des Kunden – dieser Mehrwert ist für uns gelebter Verbraucherschutz“, kommentiert Hufnagel die Zusammenarbeit. „Für mich ist die Verivox-Kooperation eine reine Vertriebsmasche“, entgegnet Makler Dietrich.

Werbung gegen Provision

Daneben wird in den Verbraucherbüros auch Infomaterial vom Bund der Steuerzahler (BdSt) ausliegen. Der Verein, der durch sein jährlich erscheinendes „Schwarzbuch“ bekannt ist, erklärt aktuelle Steuerurteile und gibt allgemeine Tipps zum Steuersparen. „Ziel unserer BVSV-Kooperation ist neben der Erklärung von steuerpolitischen Entscheidungen auch die Mitgliederanwerbung“, gibt BdSt-Vizepräsident Bernhard Zentgraf an. Hier sei vorgesehen, dass die Vermittler eine erfolgsabhängige Provision je Neumitglied vom BdSt erhalten.

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Die Verbraucherschützer äußern sich zum neuen Konkurrenzangebot auf Anfrage zurückhaltend: „Generell belebt Konkurrenz das Geschäft und Wettbewerb ist positiv für Verbraucher“, so der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). Da die Leistungen und Konditionen noch nicht öffentlich verfügbar seien, sei eine Bewertung schwierig. „Ebenso wenig kann eingeschätzt werden, inwieweit die Kooperation mit Verivox Einfluss auf den Beratungsalltag nehmen kann“, so der VZBV.

Einige Versicherungsberater – das sind diejenigen, die von Honorarberatung leben – sehen im BVSV-Modell indes noch keine ausreichende Versorgung. Der Verein Verbraucherschutz für Versicherte (VfV) will zum neuen Jahr ein Angebot nach Vorbild des Mietervereins ins Leben rufen. Zahlende Mitglieder können sich dort telefonisch von zugelassenen Versicherungsberatern unbegrenzt oft auch rechtlich beraten lassen.

Kommentare (1)

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Herr Peter Fleckenstein

03.12.2018, 10:03 Uhr

"Der Verein Verbraucherschutz für Versicherte (VfV) will zum neuen Jahr ein Angebot nach Vorbild des Mietervereins ins Leben rufen. Zahlende Mitglieder können sich dort telefonisch von zugelassenen Versicherungsberatern unbegrenzt oft auch rechtlich beraten lassen."

Gibt es da nicht schon den BdV (Bund der Versicherten)?
https://www.bundderversicherten.de/

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