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24.11.2018

09:58

Konzernstudie

Verbraucher sind schlecht über private Altersvorsorge informiert

Von: Peter Thelen

In Großunternehmen weiß jeder zweite 50-Jährige nicht, wie viel Geld er im Alter braucht. Das Sozialpartnermodell bleibt unpopulär.

Viele Arbeitnehmer in Großunternehmen vertrauen darauf, dass ihre Arbeitgeber ihnen die richtigen Vorschläge für eine gute Betriebsrente machen. (copyright) industrieblick #85374728

Hochregallager

Viele Arbeitnehmer in Großunternehmen vertrauen darauf, dass ihre Arbeitgeber ihnen die richtigen Vorschläge für eine gute Betriebsrente machen.

Berlin Im vergangenen Jahr hat das auf Altersversorgung spezialisierte Beratungsunternehmen Aon Hewitt untersuchen lassen, wie es um die betriebliche Altersversorgung (BAV) in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) steht. Die Bilanz fiel verheerend aus: Rund die Hälfte der Arbeitnehmer wussten nicht einmal, dass sie einen Rechtsanspruch auf ein entsprechendes Angebot ihres Arbeitgebers haben.

In Großunternehmen, die Aon Hewitt jetzt für eine neue Untersuchung von Statista hat befragen lassen, sieht es vergleichsweise besser aus. 88 Prozent der Befragten gaben an, dass sie Anspruch auf eine BAV haben. Wie hoch die Absicherung ausfällt, wissen allerdings vor allem die Beschäftigten mit niedrigem Einkommen nicht.

Nicht mal jeder Zweite, der weniger als 2.000 Euro im Monat verdient, weiß, mit wie viel Rente, Betriebsrente und Riester-Rente er rechnen kann. „Alarmierend“ findet Aon-Chef Fred Marchlewski diesen geringen Informationsstand. Gerade wer wenig verdient, müsse wissen, was er im Alter zu erwarten habe.

Die Ergebnisse zeigen laut Aon-Aktuarin Gundula Dietrich, wie wichtig ein regelmäßiges Schreiben wäre, das Angestellte über alle Säulen ihrer Altersvorsorge informiert. Daran wird bereits im Auftrag der Bundesregierung gearbeitet. Gemeinsam mit dem versicherungswissenschaftlichen Institut der Universität Ulm erstelle man bereits ein Gutachten, so Dietrich, das zum Jahresende dem Arbeitsministerium überreicht wird.

Besorgniserregend findet Aon-Chef Marchlewski auch, dass nur 40 bis 50 Prozent der Befragten unter 50 ein klares Bild davon haben, wie viel Geld sie im Ruhestand brauchen. „Wer das mit 50 erst weiß, für den ist es oft schon zu spät.“ Zu diesem Zeitpunkt begönnen Banken bereits, „ein Alterssparprogramm in sichere und mithin renditeschwache Anlagen umzuschichten.“

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Das könnte etwas damit zu tun haben, dass Arbeitnehmer in Großunternehmen stärker darauf vertrauen, dass ihre Arbeitgeber ihnen schon die richtigen Vorschläge für eine gute Betriebsrente machen. 63 Prozent gaben an, dass sie in diesem Punkt mit ihrem Arbeitgeber zufrieden sind. Ein Drittel schätzt die BAV des eigenen Unternehmens sogar als überdurchschnittlich ein. Dabei steigt die Zufriedenheit mit der Größe des Unternehmens und des Gehalts.

Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den Branchen. Während bei Chemie und Pharma 92 Prozent zufrieden sind, in der Energiewirtschaft 81 Prozent und bei Banken und Versicherungen 77 Prozent, sind es bei Großunternehmen im Bereich Handel und Logistik nur 50 Prozent. Hier gibt es traditionell die größten Defizite bei der BAV. Versuche der Gewerkschaften, daran etwas zu ändern, scheitern bislang.

Das heißt für die betroffenen Arbeitnehmer, dass sie eigentlich mehr eigenes Geld einsetzen müssten, um im Alter abgesichert zu sein. Die Bereitschaft dazu ist aber gering. Allenfalls 500 Euro mehr im Jahr würden Normalverdiener dafür zusätzlich in eine Betriebsrente zahlen. Besserverdiener haben freilich einen größeren Spielraum: Von denjenigen, die über 120.000 Euro im Jahr verdienen, sind 30 Prozent bereit, mehr als 10.000 Euro zusätzlich einzusetzen.

„Am ehesten sind die Leute bereit, auf Konsum für die Altersversorgung zu verzichten, wenn sie sehen, dass der Arbeitgeber etwas dazugibt, und zwar mehr als die 20 Prozent Sozialabgaben, die ein Unternehmen bei Gehaltsumwandlung spart.“ Die würden vom Arbeitnehmer nicht als echter Zuschuss wahrgenommen, so Versicherungsmathematikerin Gundula Dietrich. Steuer- und Abgabevorteile würden dagegen überschätzt.

Ein neuralgisches Thema bleibt auch die Frage, wo man das Geld am besten anlegt. Noch bieten die meisten Rentenprodukte eine hohe Sicherheit. Doch diese Garantien müssen mit sinkenden Renditen erkauft werden. Der Gesetzgeber hat mit dem Sozialpartnermodell den Weg für riskantere Anlagestrategien frei gemacht – bisher haben die Tarifparteien das Angebot aber nicht aufgegriffen.

In diesem Verhalten spiegelt sich die Skepsis der Arbeitnehmer gegenüber dem Finanzmarkt. Nur zwölf Prozent der von Statista Befragten sind bereit, für die Altersvorsorge in riskantere Anlagen zu investieren. Dies deckt sich mit anderen Studienergebnissen. Kanter-TNS hat jüngst eine repräsentative Befragung zum Sozialpartnermodell durchgeführt. Demnach wächst die Risikobereitschaft etwas mit Einkommen und Schulbildung.

Aber auch bei den hoch Gebildeten halten über 50 Prozent nichts von Betriebsrenten, die mit der Kapitalmarktlage schwanken.

Selbst bei den Befragten, die angaben, Schwankungen machten sie nicht nervös, finden nur 35 Prozent das Sozialpartnermodell attraktiv. Lediglich 23 Prozent der risikoaffinen Anleger sind bereit, auf eine garantierte Rentenhöhe zu verzichten.

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