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22.10.2019

04:05

Altersvorsorge

Die neue Betriebsrente läuft mehr als schleppend an

Von: Gregor Waschinski, Frank Specht, Anke Rezmer

Die Gewerkschaften sehen das sogenannte Sozialpartnermodell kritisch. Gerade mal in einem einzigen Haustarifvertrag soll das Modell bisher umgesetzt werden.

Betriebsrente: Sozialpartnermodell läuft mehr als schleppend an AFP/Getty Images

Andrea Nahles

Unter der ehemaligen Arbeitsministerin entstand das sogenannte Betriebsrentenstärkungsgesetz.

Berlin, Frankfurt Die IG Metall hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Beim Gewerkschaftstag in Nürnberg gab es eine kontroverse Debatte über das Thema Betriebsrente. Zusätzlich gab es Streit unter den Bezirken und etliche Änderungsanträge. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann selbst schaltete sich in die Beratung ein. Am Ende sahen die Delegierten davon ab, das sogenannte Sozialpartnermodell endgültig zu beerdigen. Doch das Hintertürchen, das sie offenließen, ist klein.

Die Große Koalition wollte mit dem Sozialpartnermodell eigentlich mehr Beschäftigten die Möglichkeit geben, mit einer Betriebsrente zusätzlich für das Alter vorzusorgen. Das Anfang 2018 in Kraft getretene Betriebsrentenstärkungsgesetz ermöglicht Arbeitgebern und Gewerkschaften, per Tarifvertrag Pensionsfonds oder andere Einrichtungen der betrieblichen Altersvorsorge zu gründen.

Die entscheidende Änderung ist dabei, dass die Unternehmen nur noch eine bestimmte Beitragszahlung zusagen. Sie müssen keine Garantie mehr für die Höhe der Altersrente übernehmen.

Knapp zwei Jahre später wird immer deutlicher: Der Plan läuft mehr als schleppend an. Gerade mal in einen einzigen Haustarifvertrag soll das Sozialpartnermodell bisher umgesetzt werden. Der Versicherer Talanx aus Hannover und die Gewerkschaft Verdi wollen zum 1. Januar 2020 eine Vereinbarung schließen. Die neue Betriebsrente stünde dann rund 12.000 Beschäftigten offen. Auch der deutsche Ableger des Versicherers Zurich Group hat offenbar Interesse.

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    Für das Bundesarbeitsministerium ist das ein Hoffnungszeichen. „Aktuell finden in vielen Tarifbereichen Diskussionen und Gespräche über den tariflichen Ausbau der Betriebsrente inklusive Sozialpartnermodell statt“, heißt es dort. Der tarifliche Rahmen werde aber nicht „von heute auf morgen“ geschaffen werden können. „Die Beteiligten brauchen Zeit für fundierte Entscheidungen.“

    Im Frühjahr hatte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) eine Expertenrunde eingerichtet, um Arbeitgeber und Gewerkschaften bei der Umsetzung der garantiefreien Zielrente zu unterstützen, die unter seiner Vorgängerin Andrea Nahles (SPD) beschlossen wurde.

    Die Gewerkschaften sehen kritisch, dass Arbeitgeber keine Mindesthöhe der Betriebsrente mehr garantieren müssen. Bei der IG Metall stand ein Antrag zur Abstimmung, in dem es hieß, die garantierte Mindestleistung und die Arbeitgeberhaftung „bilden für uns unverzichtbar die Grundlage für den möglichen Ausbau tariflicher Regelungen“. Das Wort „unverzichtbar“ wurde nach langer Debatte wieder gestrichen.

    Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung (aba), Georg Thurnes, deutet das so, dass die IG Metall „die Tür zum Sozialpartnermodell nicht zugeschlagen“ habe – auch wenn viele in der Gewerkschaft das anders sehen. Die Diskussion zeige aber: „Betriebsrenten ohne Garantien sind kein Selbstläufer.“

    Aktien statt Anleihen

    Auch Verdi begegnete dem Sozialpartnermodell auf ihrem Bundeskongress reserviert, selbst wenn nun ein Pilotprojekt mit Talanx gestartet wird. Beschäftigte hätten bereits jetzt Möglichkeiten, über Gehaltsumwandlung Altersvorsorgeprodukte weitgehend ohne Garantie zu wählen, sagte Verdi-Chef Frank Werneke dem Handelsblatt. „Wir stellen hier eine große Zurückhaltung fest, weil die Vorstellung vom sicheren Sparen in den Köpfen absolut vorherrscht.“

    Rückstellungen und Haftungsrisiken schrecken aber gerade kleine und mittelgroße Firmen ab, eine betriebliche Altersversorgung anzubieten. Das Sozialpartnermodell sollte ihnen diese Sorgen nehmen. Für Arbeitnehmer hat der Garantieverzicht ebenfalls Vorteile: Die Versorgungswerke sind freier in ihrer Anlageentscheidung und können stärker in Aktien investieren, statt im Niedrigzinsumfeld das Geld gegen Minirenditen in Staatsanleihen zu stecken.

    Vor allem bei langen Anlagezeiträumen dürften Beschäftigte damit deutlich mehr herausholen als bei einer Garantierente. Die Vorteile des Modells seien in der Fachwelt „unbestritten“, betont das Arbeitsministerium.

    Doch die finanzwissenschaftliche Theorie zeigt bei den Arbeitnehmern keine Wirkung. „Wir müssen die Vorteile des Zielrentenkonzepts wesentlich besser kommunizieren – angefangen bei Arbeitgebern und Gewerkschaften und natürlich auch bei den einzelnen Mitarbeitern“, sagt Carsten Hölscher, Betriebsrentenexperte beim Makler- und Beratungsunternehmen Aon. 

    Eine zu Jahresbeginn veröffentlichte Aon-Erhebung lässt den Schluss zu, dass ein Großteil der Beschäftigten Betriebsrenten ohne Garantien ablehnt. Nur etwa zwölf Prozent der Befragten würden für höhere Zahlungen ein gewisses Risiko im Alter in Kauf nehmen.

    Heinke Conrads, die bei der Unternehmensberatung Willis Towers Watson den Bereich Altersvorsorge verantwortet, sieht gleich mehrere Hürden. Denn abgesehen von der Skepsis auch aufseiten vieler Gewerkschaftsvertreter, sei das Modell durchaus komplex in der praktischen Umsetzung. Auch gebe es in vielen Branchen bereits gut funktionierende Systeme der betrieblichen Vorsorge.

    Dennoch zeigt sich die Beraterin verhalten optimistisch, dass das neue Modell doch Anwendung findet. Denn im Niedrigzinsumfeld sollte ihrer Ansicht nach jede Möglichkeit, das künftige Rentenkapital für Arbeitnehmer renditeorientierter anzulegen, zumindest geprüft werden.

    Mehr: Der Garantiefetisch schadet der Altersvorsorge – die verbreitete Skepsis ist unverständlich, findet Gregor Waschinski.

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