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23.06.2022

16:02

Überschuldung

Energiekrise verschärft finanzielle Schieflagen von Verbrauchern

Von: Anke Rezmer

Ein neuer Report warnt vor der Belastung finanzknapper Haushalte durch steigende Energiepreise. Fast die Hälfte der Überschuldeten hat Verbindlichkeiten von 20.000 Euro und mehr.

Die Inflation und die damit einhergehende Preissteigerung bei Strom, Öl, Gas und Benzin setzt vor allem Menschen unter Druck, deren finanzielle Lage ohnehin angespannt ist. imago images / Ralph Peters

Gasherd

Die Inflation und die damit einhergehende Preissteigerung bei Strom, Öl, Gas und Benzin setzt vor allem Menschen unter Druck, deren finanzielle Lage ohnehin angespannt ist.

Frankfurt Einkommensknappheit, Pandemie, steigende Energiekosten: Für finanzschwache Haushalte spitzt sich die Lage zu. Die Inflation und die damit einhergehende Preissteigerung bei Strom, Öl, Gas und Benzin setzt vor allem die Menschen unter Druck, deren finanzielle Lage ohnehin angespannt ist. In Deutschland sind das nach aktuellen Zahlen 6,16 Millionen Menschen in gut drei Millionen Haushalten. Sie können ihre Forderungen aus ihrem Einkommen und ihrem Vermögen nicht begleichen.

Dabei ist die Überschuldungsquote der Deutschen im vergangenen Jahr auf 8,86 Prozent der Bevölkerung etwas zurückgegangen, wie Zahlen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform zeigen.

Doch nach Auswertung der gemeinnützigen Forschungseinrichtung, dem Institut für Finanzdienstleistungen (IFF) im Hamburg, ist das kein Grund zur Entwarnung, zumal die Erfahrung zeigt: Wirtschaftskrisen wirken sich verzögert auf die Verbraucher aus. Das ergibt der jährliche Überschuldungsreport des IFF, für den Daten aus 78 Schuldnerberatungen der Stiftung „Deutschland im Plus“ aus gut 197.000 Haushalten bundesweit zwischen 2008 und 2021 ausgewertet wurden.

Sally Peters, Geschäftsführerin des IFF, warnt auf einer virtuellen Konferenz: „Haushalte mit geringem Einkommen haben kaum Möglichkeiten, mithilfe von Ersparnissen die Preissteigerungen aufzufangen.“ Diese seien nämlich in vielen Fällen bereits während der Covid-19-Krise aufgezehrt worden. „Sie können nun noch schneller in eine finanzielle Schieflage geraten“, betont sie.

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    Die finanzielle Lage sei durch die massiv gestiegenen Energiepreise vor allem für Geringverdiener besonders angespannt. Die Anfragen an die Schuldnerberatung nähmen zu.

    Plus von 90 Prozent bei Privatinsolvenzen

    So hat die Zahl der Privatinsolvenzen im Jahr 2021 um gut 90 Prozent zugenommen, wie Peters hervorhebt – vor allem eine Folge der gesetzlichen Halbierung der Frist für Entschuldung von Verbrauchern, Selbstständigen und Einzelunternehmern auf drei Jahre.

    Höhere Energiekosten entwickeln sich bereits seit gut zwei Jahren zu einer steigenden Belastung für Haushalte, wissen die Schuldnerberater. In der Pandemie hat der Verbrauch zugenommen, nun verschärften stetig steigende Energiepreise die Lage. Laut Überschuldungsreport sind besonders Geringverdiener und Sozialleistungsbezieher davon betroffen.

    Der Notfallplan Gas: Eskalation in drei Stufen

    Frühwarnstufe

    Die Bundesnetzagentur, aber auch Unternehmen müssen Pläne entwerfen, wie in einer Notlage das knappe Gas verteilt werden soll. Eine feste Abschaltreihenfolge gibt es nicht, aber Kriterien wie Vorlaufzeiten für das Herunterfahren und erwartete volks- und betriebswirtschaftliche Schäden, nach denen sich die Bundesnetzagentur richtet.

    Alarmstufe

    Es liegt eine Störung vor, die zu „einer erheblichen Verschlechterung der Gasversorgungslage führt“. Auch eine außergewöhnlich hohe Nachfrage kann ein Grund sein. Der Markt kann die Nachfrage noch decken. Industrie und Verbraucher müssen aber alles tun, um den Verbrauch zu senken. Vorgesehen ist auch ein Mechanismus, der Versorgern Preiserhöhungen in laufenden Verträgen erlaubt.

    Notfallstufe

    Die Gasversorgungslage verschlechtert sich drastisch wegen einer außergewöhnlich hohen Nachfrage oder erheblichen Liefer-Störungen. Der Markt kann den Bedarf nicht mehr decken, der Staat muss eingreifen und die Gasverteilung steuern. Für „geschützte Kunden“ – darunter Privathaushalte, Krankenhäuser, Feuerwehr und Polizei – wird die Versorgung garantiert. Industriekunden sollen den Verbrauch stark drosseln oder einstellen.

    Ein Problem bei Zahlungsschwierigkeiten sind oft auch Ratenvereinbarungen mit Versorgern, die sehr hoch ausfallen und Menschen in finanziellen Nöten in einen Teufelskreis führen können. Denn wer seine derartigen Vereinbarungen nicht begleicht, der bekommt künftig womöglich auch Probleme mit Forderungen anderer Unternehmen. Oft dürfte ihm dann eine weitere zeitlich gestreckte Zahlung mit dem Hinweis auf nicht getilgte Raten verwehrt werden.

    „Mit der Energiepreiskrise kommt direkt im Anschluss an die Covidkrise gerade auf Armutsbetroffene und Geringverdiener die nächste Katastrophe zu“, sagt Peters. Denn der größte Teil offener Forderungen überschuldeter Menschen stammt mit gut 17 Prozent nach wie vor aus Ratenkrediten. Erst dahinter folgen mit 15 Prozent sogenannte öffentlich-rechtliche Forderungen wie etwa vom Finanzamt, den Krankenkassen oder von den Kommunen.

    Was zur Überschuldung führt

    Am häufigsten führt nach wie vor Arbeitslosigkeit oder weniger Arbeit zu Überschuldung: Fast jeder vierte Überschuldungsfall ist der Studie zufolge darauf zurückzuführen. Danach folgen Krankheit mit knapp zwölf Prozent, extrem niedriges Einkommen mit gut elf Prozent, Scheidung oder Trennung und Konsumverhalten mit je gut neun Prozent sowie die gescheiterte Selbstständigkeit.

    Die meisten Ratsuchenden (37 Prozent) sind in der Altersklasse zwischen 30 und 39 Jahre. In dieser Lebensphase steige typischerweise der Finanzbedarf etwa durch die Gründung einer Familie, meinte Peters. Der Anteil Jüngerer unter 25 Jahren ist mit gut sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken. Der Anteil der über 60-Jährigen dagegen ist etwas gestiegen auf 11,5 Prozent.

    Im Mittel haben die Menschen Schulden von rund 15.680 Euro. Ein gutes Viertel steht allerdings mit 20.000 bis 40.000 Euro in den roten Zahlen, ein Fünftel mit mehr als 40.000 Euro.

    Um die Hemmschwelle für eine Schuldnerberatung zu senken, bietet etwa die Stiftung Deutschland im Plus eine kostenlose, anonyme Erstberatung für Betroffene an.

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