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24.05.2019

04:00

VW-Tochter

Traton schürt die Hoffnung auf weitere Börsengänge

Von: Robert Landgraf

Bislang herrschte Flaute bei Aktien-Neuemissionen in Deutschland. Nur Frequentis wagte sich auf das Parkett. Die Lkw-Tochter von VW soll das ändern.

Mit dem Börsengang der VW-Lkw-Tochter Traton eröffnen sich für den Autobauer neue Wachstumschancen. Traton Group

MAN-Lkw

Mit dem Börsengang der VW-Lkw-Tochter Traton eröffnen sich für den Autobauer neue Wachstumschancen.

Frankfurt Buchstäblich in letzter Minute haben es die Fußballer der SpVgg Unterhaching geschafft, die dritte Liga durch einen Sieg gegen den VfL Osnabrück zu halten. Doch das war nur das Kurzfristziel. In den nächsten drei Jahren planen die Münchener Vorstädter, in die zweite Liga aufzusteigen. Dabei soll auch ein möglicher Börsengang helfen, selbst wenn zunächst „derzeit Gespräche mit Investoren bezüglich einer Eigenkapitalbeteiligung laufen“, wie ein Vereinssprecher betont.

Die Platzierung von Aktien in einem zweistelligen Millionenbetrag könnte bereits in diesem Jahr erfolgen. Die für den Börsengang nötige Rechtsform wurde Ende vergangenen Jahres von den Vereinsmitgliedern abgesegnet. Ein Erfolg ist möglich, auch wenn die SpVgg nicht Borussia Dortmund ist.

Dennoch ist die Börsengangbilanz des laufenden Jahres in Deutschland vergleichsweise mau. Lediglich die Firma für Kommunikationssysteme Frequentis wagte sich seit Jahresbeginn auf das Parkett. Umso wichtiger wird für das IPO-Jahr 2019 deshalb der sich anbahnende erste Mega-Börsengang des laufenden Jahres: Die Volkswagen-Tochter Traton will das Unternehmen möglichst noch vor der Sommerpause aufs Parkett schicken.

Die formale Ankündigung für den Börsengang, die „intention to float“, wie Fachleute sagen, wird schon Anfang Juni erwartet. Gute Zahlen für das erste Quartal als Basis hat der Konzern bereits präsentiert. Und Mitte Mai beschloss der VW-Vorstand, die Pläne umzusetzen, nachdem erst im März die Wolfsburger einen Teilbörsengang abgesagt hatten. Deshalb sind die Vorbereitungen großteils abgeschlossen.

Hinzu kommt: „Das Marktumfeld ist besser als im März, der Dax notiert bei rund 12 000 Punkten und Vorboten einer nahen Rezession zeigen sich aktuell nicht“, betont Bastian Schiedat, weltweiter Chef für Equity Capital Markets der Berenberg Bank. Das Interesse der Anleger an Börsenplatzierungen sei trotz der jüngsten Unsicherheiten gut, macht Stefan Weiner, Leiter deutsche Aktienemission bei JP Morgan, am Beispiel der 744 Millionen Euro großen Kapitalerhöhung des Immobilienkonzerns Vonovia deutlich, die gut lief.

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Gewinnen kann auch Traton-Vorstandschef Andreas Renschler: Nach Ansicht aus Finanzkreisen kann er auf einen Erlös von über sechs Milliarden Euro für bis zu 25 Prozent der Aktien hoffen, die an Investoren verkauft werden sollen. Der Gesamtwert der Tochter wird auf bis zu 25 Milliarden Euro angesetzt. Traton soll an den Börsen von Frankfurt und Stockholm notiert werden. „Von Anfang Juni bis Mitte Juli ist das nächste Fenster für Börsengänge, da Platzierungen in der danach beginnenden Ferienzeit aufgrund der geringen Verfügbarkeit der Portfoliomanager in der Regel vermieden werden“, betont Banker Schiedat.

Unendliche Geschichte Traton

Volkswagen war zuletzt durch Aktionäre unter Druck geraten, die die Konzentration auf das automobile Kerngeschäft fordern. „Der Börsengang von Traton ist jetzt schon eine unendliche Geschichte“, betont Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment. Die Neuemission sei zu begrüßen, da die Komplexität des Konzerns reduziert werde.

Gleichzeitig habe Volkswagen in den vergangenen Monaten jedoch wertvolle Zeit verloren. Bereits Anfang des Jahres hatten Investoren in einer Umfrage der Investmentbank Evercore sich mit überwältigender Mehrheit dafür eingesetzt, dass VW seine Lkw-Tochter lieber früher als später an die Börse bringen sollte.

Unter den Aspekten der guten Unternehmensführung, auch Corporate Governance genannt, stellt sich für Hendrik Schmidt, Corporate-Governance-Analyst der DWS, bei Traton die Frage: „Wie können die VW-Aktionäre davon tatsächlich auch profitieren?“ Aktuell gehöre das Lkw-Geschäft schließlich zu 100 Prozent den VW-Anlegern. Die mit dem Börsengang verbundenen Kosten müssten daher auch durch eine entsprechende Bewertung für den Aktionär nachvollziehbar sein, urteilt der Experte der DWS.

Die Resonanz auf den geplanten Börsengang sei groß, ist aus Finanzkreisen zu hören. Organisiert wird das IPO, wie Börsengänge verkürzt bezeichnet werden, von den Banken Citi, Deutsche Bank, Goldman Sachs und JP Morgan. Die Investoren sind die gleichen, die sich vergangenes Jahr auch den Bremsenhersteller Knorr-Bremse angeschaut haben.

Aus heutiger Sicht wird erwartet, dass etwa ein Viertel der Aktien bei deutschen Anlegern landen wird, 40 bis 50 Prozent in Großbritannien. Zehn bis 20 Prozent sollen nach Skandinavien, wo Scania als ein Teil von Traton sitzt und einen guten Ruf hat. Der Rest könnte in die USA gehen.

Viele Börsenkandidaten werden sich genau ansehen, wie Traton zurechtkommt. Denn die VW-Tochter könnte als Eisbrecher für weitere Emissionen in diesem Jahr dienen. So wird der geplante Börsengang des Geschäfts mit der Antriebstechnik des Automobilzulieferers Continental nicht mehr im laufenden Jahr erwartet, sondern erst 2020.

Lediglich Frequentis wagte den Sprung – allerdings ins zweitklassige Segment General Standard und nicht in den Top-Börsenbereich Prime Standard. Die Firma will mit den Erlösen expandieren. Es handelt sich mit einem Volumen von 54 Millionen Euro um eine kleinere Emission.

Einen neuen Anlauf an die Frankfurter Börse nimmt der dänische Arzneimittelimporteur Abacus Medicine. Die Preisspanne für die Aktie wurde mit 14,50 bis 16 Euro festgelegt. Das Unternehmen will beim Börsengang bis zu 79,2 Millionen Euro einnehmen. Die Angebotsfrist hat am vergangenen Donnerstag begonnen und soll am kommenden Mittwoch, den 29. Mai enden. Das 2004 gegründete Unternehmen hat sich auf den sogenannten Parallelimport teurer, verschreibungspflichtiger Medikamente spezialisiert.

Ende Oktober vergangenen Jahres hatte die Kopenhagener Firma den ersten Versuch angesichts unsicherer Börsen abgesagt. Außerdem plant der Finanzinvestor Permira den Ausstieg aus der schwäbischen Softwarefirma zur Vernetzung von Geräten Teamviewer – bevorzugt über die Börse. „Das dürfte eine milliardenschwere Emission werden“, urteilt ein Banker.

Lone Star könnte es noch einmal bei Xella versuchen

Der Börsengang könnte noch im Herbst erfolgen und ein Volumen von 30 bis 40 Prozent der Anteile umfassen. Das Unternehmen wird mit gut vier bis fünf Milliarden Euro bewertet. Über einen Börsengang wird auch im Fall Signa Sport gesprochen, wie Banker berichten. Der Sporthändler gehört dem Tiroler Immobilienunternehmer René Benko, der bei den deutschen Kaufhausketten Karstadt und Kaufhof engagiert ist. Finanzkreise rechnen mit einem Volumen von rund 500 Millionen Euro.

Außerdem soll der Finanzinvestor Lone Star einen neuen Anlauf für seine Beteiligung Xella erwägen. Lone Star hatte Xella Ende 2016 für 2,2 Milliarden Euro gekauft. Und die Immobilienfirma Garbe strebt im Herbst an die Börse. Gleichzeitig wird über ein IPO der Modebeteiligung Global Fashion Group von Rocket Internet, der Mutter von Zalando und Delivery Hero, nachgedacht, berichten Finanzkreise.

„Falls am Markt eine entsprechende Stabilität herrscht, könnten wir bis zu fünf oder sechs Börsengänge in diesem Jahr in Deutschland noch sehen“, wagt Schiedat eine Prognose. Ein Flop des Traton-Börsengangs wäre darum ein schlechtes Vorzeichen.

Mehr: Auf der Hauptversammlung des Münchner Lastwagenbauers MAN hagelt es Kritik am Großaktionär in Wolfsburg. Jetzt stehen sogar Klagen im Raum.

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