Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

10.12.2019

22:02

Zeitenwende

Vom Sparer zum Investor

Von: Dirk Wohleb

Das Zinstief erschüttert die Geldanlage in den Grundfesten. Anleger verlieren mit klassischen Sparprodukten Geld. Auf den Konten schlummern Billionen. Das Potenzial für Finanzberater ist enorm.

Düsseldorf Das Zinstief kostet deutschen Sparern viel Geld. Rund 2,5 Billionen Euro und damit mehr als ein Drittel ihres Geldvermögens in Höhe von sechs Billionen Euro halten die Bundesbürger in renditeschwachen Bankeinlagen. Den deutschen Sparern kommt die Abneigung gegen Aktien teuer zu stehen: Hätten sie in den vergangenen fünf Jahren nur die Hälfte ihres Ersparten in den weltweiten Aktienindex MSCI World investiert, wären sie heute um 350 Milliarden Euro reicher, wie eine Berechnung des Vermögensverwalters Flossbach von Storch für die Finanzberater Edition des Handelsblatts zeigt. Das entspricht dem Wert von 14 Millionen VW Golf, 117 Millionen Urlaubsreisen im Wert von 3 000 Euro oder 875 000 Eigenheimen im Wert von 400 000 Euro.

Der Befund ist erschreckend: Nur fünf Prozent der Anleger in Deutschland entscheiden sich im Niedrigzinsumfeld für ertragsstärkere Anlagen, wie das Investmentbarometer von JP Morgan Asset Management zeigt. Obwohl 67 Prozent der Menschen hierzulande mit der Rendite ihrer Geldanlage unzufrieden sind, zieht also nur eine Minderheit die Konsequenz daraus.

Regulierung: Die Luft wird dünner

Regulierung

Die Luft wird dünner

Auf Berater und Vermittler kommen 2020 einschneidende Veränderungen zu. Längst nicht alle können oder wollen den Weg mitgehen. Der Markt wird sich konsolidieren.

Dabei ist der Handlungsdruck groß: Festverzinsliche Geldanlagen gleichen nicht einmal mehr die Inflationsrate aus. Unter Berücksichtigung der Inflationsrate verlieren die deutschen Sparer real Vermögen. „Die Menschen sparen zwar, aber das meiste Geld fließt in die falschen Finanzprodukte“, sagt Philipp Gruhn, Generalbevollmächtigter der OVB Vermögensberatung. Ein Umdenken ist dringend geboten: „Den risikolosen Zins gibt es nicht mehr. Anleger müssen gezielt und bewusst neue Risiken eingehen, um positive Renditen zu erwirtschaften“, sagt Diana Sippel, die das Wholesale-Geschäft der Fondsgesellschaft Principal Global Investors in Deutschland verantwortet. Finanzberater spielen dabei eine entscheidende Rolle: Sie begleiten Kunden bei diesem Prozess.

Das anhaltende Zinstief wird die Produktlandschaft und die Finanzindustrie stark verändern, wie eine Umfrage der Finanzberater Edition bei Fondsgesellschaften, Finanzvertrieben und Versicherungen zeigt. Der Tenor: Die Bedeutung von Aktien wird in Zukunft bei Finanzprodukten steigen. Gefragt sind alle Stufen der Wertschöpfungskette: angefangen bei den Produzenten von Finanzprodukten über Banken und Vertriebe bis hin zum Finanzberater, der im direkten Gespräch Kunden überzeugen muss, sich von überholten Sparprodukten zu verabschieden.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Alte Gesetze außer Kraft gesetzt

    Mit dem Zinstief sind alte Gesetzmäßigkeiten außer Kraft gesetzt, die Geldanlage ist in ihren Grundfesten erschüttert. So hätte sich negative Zinsen vor Jahren wohl niemand vorstellen können. Und auch die oft beschworene Zinswende ist in weite Ferne gerückt: „Die jüngsten Signale der Notenbanken deuten darauf hin, dass wir eher am Anfang als am Ende der Tiefzinspolitik stehen“, sagt Bert Flossbach, Gründer und Vorstand des Vermögensverwalters Flossbach von Storch in Köln. Eine Zinswende hält er für unwahrscheinlich: „Eine Umkehr der Niedrigzinspolitik ist praktisch kaum mehr möglich, weil die Gewöhnungseffekte bereits zu stark geworden sind. Nur mit niedrigen Zinsen lassen sich die ausufernden Zinsen vieler Staaten der Euro-Zone finanzieren.“

    Noch mindestens bis Mitte des nächsten Jahrzehnts wird das Zinstief anhalten, ist Ulrich Leitermann, Vorstandschef der Signal Iduna Gruppe, überzeugt: „Zu Beginn der Niedrigzinsphase war das nicht so schlimm, mittlerweile werden die Erträge auch bei den Versicherern weniger.“ Das trifft nicht nur die Assekuranz, sondern die breite Masse der Menschen, die fürs Alter vorsorgen: „Anleihen werden in den nächsten Jahren keine nennenswerte Performance bringen. Im besten Fall können Investoren ihr Kapital erhalten“, sagt Olivier de Berranger, Chief Investment Officer der Fondsgesellschaft La Financière de l’Echiquier in Paris.

    Wer jetzt in Anleihen investiert, sollte sich breit aufstellen und über die Landesgrenzen blicken: „Während weltweit mittlerweile Anleihen mit einem Wert von rund 17 Billionen US-Dollar mit negativen Renditen gehandelt werden, bietet Asien attraktive Renditen“, sagt Teresa Kong, Portfoliomanagerin beim Investmenthaus Matthews Asia. Asien sei die am schnellsten wachsende und dynamischste Region der Welt. Zwar produziert der Kontinent nur ein Drittel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts, sorgt dabei aber für mehr als die Hälfte des jährlichen Wachstums der Weltwirtschaft. Das Problem besteht darin, Kunden zu überzeugen, in andere Märkte und andere Anlageklasse zu investieren. Nach wie vor sind viele Portfolios auf das eigene Land oder Europa konzentriert.

    Finanzberater müssen Geldanlage heute anders angehen: Früher ging es um die Frage, ob Anleger mit sechs Prozent Rendite von Bundesanleihen zufrieden sind oder ob sie mit Aktien eine höhere Rendite erzielen wollen und dafür höhere Risiken in Kauf nehmen können. Entsprechend der individuellen Risikobereitschaft konnten sie gemeinsam mit ihrem Kunden den Anteil von Aktien und Anleihen festlegen. Wer Risiken vermeiden wollte, konnte mit der Rendite von Bundesanleihen gut leben. Doch diese Welt existiert nicht mehr.

    Podcasts: Sich Gehör verschaffen

    Podcasts

    So verschaffen Sie sich Gehör

    Finanzberater können mit ihrer Stimme Vertrauen aufbauen. Mit innovativen Audioformaten präsentieren sie sich persönlich ihren Kunden. Wie Sie dieses Instrument erfolgreich nutzen.

    „Nie war Geldanlage einfacher als heute“, bringt Kapitalmarktstratege Thomas Lehr von Flossbach von Storch den Wandel auf den Punkt. Seine Rechnung: Da mit sicheren Anleihen höchstens der Kapitalerhalt drin ist, bleiben nur noch Aktien als Renditebringer. Bei einer langfristigen Rendite auf den Aktienmärkten von sechs bis sieben Prozent pro Jahr ergibt sich die Aktienquote fast automatisch. Wer jährlich drei Prozent erzielen möchte, muss heute praktisch die Hälfte seines Portfolios in Aktien investieren. Dabei übernehmen Unternehmen mit einem stabilen Geschäftsmodell immer stärker die Rolle von Anleihen im Portfolio. Firmen wie Nestlé erwirtschaften kontinuierlich steigende Gewinne, zeichnen sich durch ein starkes Portfolio an Markenprodukten und ein stabiles Wachstum aus. „Wer langfristig investiert, der muss sich weder für kurzfristige Bewertungen noch für Zinsen übermäßig interessieren. Beim Investieren geht es um Unternehmen, die Werte schaffen“, sagt David Gaschik, Deutschlandchef beim schottischen Vermögensverwalter Baillie Gifford.

    Aus Sparern Investoren zu machen, ist ein Thema, mit dem sich derzeit die Finanzindustrie auseinandersetzt. So wie die Stadtsparkasse München, die im großen Stil Sparverträge mit hohen Zinsen gekündigt hat. Sie will nun die Kunden von renditestärkeren Anlageprodukten überzeugen. Viele Banken und Sparkassen überlegen derzeit, ob sie an ihre Kunden Negativzinsen weitergeben.

    Kunden für Aktien begeistern

    „Wie kann die Finanzbranche Sparer für attraktivere Anlagen gewinnen, das ist die Frage, mit der wir uns eingehend beschäftigen müssen“, sagt Thorsten Schrieber, Vertriebsvorstand beim Pullacher Vermögensverwalter DJE. „Es braucht einen Initialfunken, der aber in der Breite noch nicht gezündet hat.“ Schrieber sieht auch den Staat in der Aufgabe, Anreize für ein nachhaltiges Umdenken zu setzen und empfiehlt einen Blick auf die Schweiz, die ihre Altersvorsorge auf drei Säulen und stärker auf Aktien ausrichtet. Die staatlich geförderte Altersvorsorge mit teuren Kapitalgarantien in Deutschland ist bislang mehr oder weniger gescheitert: „Riester ist schlicht und ergreifend zu kompliziert und erreicht nicht alle Bevölkerungsschichten.“

    Zielgruppe Senioren: Aktien zahlen sich auch im Alter aus

    Zielgruppe Senioren

    Aktien zahlen sich auch im Alter aus

    Menschen über 80 Jahre sind hierzulande die erfolgreichsten Geldanleger. Warum viele von ihnen Wertschwankungen nicht fürchten, wofür sie sparen und wieso es ratsam ist, nach dem Renteneintritt die Aktienquote zu erhöhen.

    Und wohin wird sich die Produktlandschaft entwickeln? „Die Niedrigzinspolitik führt natürlich dazu, dass sich immer mehr Menschen mit der Aktienanlage auseinandersetzen müssen, wenn sie nicht einen realen Kaufkraftverlust hinnehmen möchten“, sagt Anke Schaks, Bereichsleiterin Investmentprodukte bei der Ergo Group AG und Geschäftsführerin der Meag AG. Aber auch andere Investments, die bisher bei Privatanlegern keine so große Rolle gespielt haben, könnten zu den Gewinnern zählen: „Wir gehen davon aus, dass alternative Anlageklassen wie Real Assets, Private Credit und Private Equity in den Allokationen eine größere Rolle spielen werden“, sagt Volker Samonigg, Head of Business Development Germany and Austria bei Barings.

    Das Zinstief bedeutet auch ein immer größeres Problem für die Altersvorsorge. Die Hoffnung ist, dass der Staat breiter fördert: „Denkbar ist auch, dass in Zukunft steuerbegünstigte Altersvorsorgekonten entstehen, bei denen der Gesetzgeber die Art der Kapitalanlage den Kunden überlässt“, sagt Matthias Wald, Leiter Vertrieb für Swiss Life Deutschland. Denn auch dann wäre der Anreiz für Anleger viel größer, langfristig mit Aktien vorzusorgen. Das würde den Übergang vom Sparer zum Investor erleichtern. Finanzberatern könnte diese Entwicklung nur recht sein.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×