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24.07.2019

03:45

Zentralbanken

EZB und Fed: Die nächste Wende in der Geldpolitik

Von: Frank Wiebe

Die Notenbanken öffnen wieder die Geldschleusen. Die Frage ist nur, wann und wie sehr. Ist dieser Kurswechsel wirklich berechtigt?

Bei der EZB könnte es in naher Zukunft wieder Zukäufe bei Staatsanleihen geben. dpa

Frankfurter Bankenskyline

Bei der EZB könnte es in naher Zukunft wieder Zukäufe bei Staatsanleihen geben.

Frankfurt An diesem Donnerstag wird die Europäische Zentralbank (EZB) nach verbreiteter Meinung von Ökonomen für September relativ deutlich eine Zinssenkung ankündigen. Der Satz für die Einlagen der Banken bei ihr würde dann von minus 0,4 Prozent auf minus 0,5 Prozent sinken. Möglicherweise vollzieht sie den Schritt auch gleich. Davon geht zum Beispiel die DZ Bank aus. Die Märkte laufen schon in diese Richtung voraus.

In den USA wird die Federal Reserve (Fed) Ende Juli voraussichtlich den Leitzins um einen Viertelprozentpunkt auf eine Spanne zwischen 2,0 und 2,25 Prozent senken. Vielleicht wird es auch gleich ein halber Prozentpunkt. Möglicherweise stoppt die Fed auch den Abbau ihrer Bilanzsumme, indem sie auslaufende Zinspapiere in ihrem Bestand jeweils durch Neukäufe ersetzt. Falls nicht, dürfte sie das im September nachholen. Wenn die Bilanzsumme wächst, ist das eine weiche, wenn sie sinkt, ist es eine härtere Geldpolitik.

Auf beiden Seiten des Atlantiks ist also eine Rolle rückwärts der Geldpolitik zu erwarten. Vor weniger als einem Jahr schien es noch in die andere Richtung, hin zu einem strafferen Regime, zu gehen. Fed-Chef Jerome Powell hörte erst nach einem Börseneinbruch 2018 auf, von weiter steigenden Zinsen zu reden. Und erst im Juni begann er, die Märkte auf Zinssenkungen einzustimmen.

Der Grund für den Schwenk waren einige schwächere Daten. Dazu kommt die Unsicherheit an den Märkten vor allem wegen der schwer kalkulierbaren Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump, der die Fed zudem immer wieder mit zum Teil drastischen Worten zu Zinssenkungen auffordert.

Die EZB hatte erst Anfang des Jahres das Wachstum ihrer Bilanzsumme gebremst und ersetzt seitdem nur noch auslaufende Papiere durch Neukäufe. Das galt zunächst als ein erster Schritt zur Normalisierung, also zum Abschied von einer sehr weichen Geldpolitik. Die Hoffnung auf eine bald folgende Zinserhöhung hat die Notenbank dann bald zerstreut. Und im Juni kündigte EZB-Chef Mario Draghi dann relativ deutlich an, dass es wieder zu einer Lockerung kommen wird.

Der EZB bereitet vor allem Sorgen, dass die Inflationserwartungen zuletzt gesunken sind. Diese Erwartungen, die sich an den Zinsstrukturen der Märkte ablesen oder, besser noch, durch Umfragen ermitteln lassen, spielen für Geldpolitiker eine große Rolle. Rutschen sie einmal ab, wird es noch schwieriger, die tatsächliche Inflation etwas anzuheben.

Grafik

Sie liegt im Euro-Raum hartnäckig unter ihrem Zielwert von knapp zwei Prozent; in den USA sieht es etwas besser aus. Unter Ausschluss der stärker schwankenden Energie- und Lebensmittelpreise lag die Inflationserwartung für den Euro im zweiten Quartal bei nur 1,2 Prozent. Am Tag nach der EZB-Sitzung wird eine neue Expertenschätzung veröffentlicht. Frederik Ducrozet von Pictet hält es für möglich, dass Draghi deren Ergebnisse schon am Donnerstag als Begründung für seine Entscheidung zitiert.

Der Juli wird also ein entscheidender Monat für die Geldpolitik und die internationalen Kapitalmärkte. Schon jetzt stellt sich aber die Frage, wie es danach weitergeht. Für die USA rechnen viele Beobachter mit zwei oder drei Zinsschritten in diesem Jahr, um jeweils einen viertel oder einen halben Prozentpunkt. Langt Powell jetzt schon mit einem halben Punkt zu, sinkt die Wahrscheinlichkeit auf drei Schritte vielleicht etwas.

Bei der EZB ist die entscheidende Frage, ob sie andeutet, die Käufe von Anleihen möglicherweise wieder aufzunehmen. Sie müsste dafür möglicherweise Regeln ändern, die ihre Befugnisse zum Kauf von Staatsanleihen einschränken. Falls sie Anleihen kauft, würden damit wahrscheinlich die negativen Renditen für langfristige deutsche Staatsanleihen noch stärker unter Druck geraten – oder jedenfalls tief im Tal festgehalten.

Auf mittlere Sicht rechnet der Makrostratege Gergely Majoros von der Fondsgesellschaft Carmignac damit, dass die Fed eher die Zinsen senkt und die EZB eher wieder Staatsanleihen kauft. Aus einem einfachen Grund: Die Fed hat noch Spielraum zur Zinssenkung, die EZB nicht. Morgan Stanley rechnet mit neuen Käufen der EZB schon im vierten Quartal 2019 oder ab Beginn des Jahres 2020.

Philip Lane, der neue Chefvolkswirt der EZB, hat in einer Rede darauf hingewiesen, dass mehrere geldpolitische Instrumente zusammen einen besseren Effekt haben, als wenn sie vereinzelt eingesetzt werden. Neben Zinssenkungen und Anleihekäufen spielen als drittes Instrument mittelfristige Kredite an Banken eine Rolle, sie sind unter dem Kürzel TLTRO bekannt. Im September startet ein neues Programm.

Die EZB steht seit Längerem gerade in Deutschland in der Kritik. Allerdings spielen dabei weniger geldpolitische Argumente eine Rolle, sondern es geht um den Schaden der Niedrigzinspolitik für die Sparer und zumindest für Teile der Finanzbranche. Zeitweise war in der EZB im Gespräch, für die Banken den Effekt abzumildern, indem man den Geldhäusern gewisse Freibeträge einräumt, bis zu denen sie überschüssige Liquidität wenigstens zu null Prozent bei der EZB anlegen können. Es könnte sein, dass die Notenbank das mit einer Zinssenkung kombiniert.

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