Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

03.11.2022

16:26

Zinsentscheid

Bank of England hebt Leitzins um 0,75 Prozentpunkte an

Von: Torsten Riecke

Britische Notenbanker sagen die längste Rezession seit Jahrzehnten voraus. Die Zinsen müssen aber vermutlich nicht mehr so stark steigen, wie die Märkte erwarten.

Die Notenbank verschärft den Kampf gegen die Inflation. dpa

Bank von England

Die Notenbank verschärft den Kampf gegen die Inflation.

London Die Bank of England (BoE) hat den Leitzins in Großbritannien wie erwartet um 75 Basispunkte auf drei Prozent angehoben. Es ist die achte Zinserhöhung seit Dezember 2021 und die stärkste seit drei Jahrzehnten. So hoch wie jetzt waren die Leitzinsen im Vereinigten Königreich seit 2008 nicht mehr.

Die Zinsentscheidung des geldpolitischen Ausschusses fiel mit einer Mehrheit von sieben zu zwei Stimmen. Zugleich signalisierte die Notenbank, dass weitere Zinsschritte geringer ausfallen könnten, als es an den Märkten erwartet wird.

Die britische Notenbank folgt mit ihrer Entscheidung der amerikanischen Federal Reserve (Fed) und der Europäischen Zentralbank (EZB), die beide ihre Zinssätze am Mittwoch beziehungsweise vergangene Woche ebenfalls um einen Dreiviertelprozentpunkt erhöht hatten. „Die Inflation ist zu hoch, und es ist unsere Aufgabe, sie zu senken“, sagte BoE-Gouverneur Andrew Bailey.

Analysten hatten mehrheitlich mit einem Zinsschritt in dieser Höhe gerechnet. Die BoE stand unter enormem Handlungsdruck, da die Inflationsrate seit Monaten bei rund zehn Prozent liegt und damit fünfmal höher als das Inflationsziel der Notenbanker ist. Obwohl die britischen Geldwächter die Zinszügel massiv angezogen haben, liegen die Kreditkosten immer noch einen vollen Prozentpunkt unter dem Zinsniveau in den USA. Der Pfundkurs gab gegenüber dem US-Dollar weiter nach.

Ökonomen sagen weitere Zinserhöhungen in Großbritannien voraus. „Es gibt noch einiges zu tun“, sagte Karen Ward, Marktstrategin bei der US-Bank JP Morgan in London. „Ich rechne mit einem weiteren Anstieg auf mindestens vier Prozent.“

Grafik

Auch der frühere britische Notenbanker Charlie Bean erwartet, dass die BoE ihre Geldpolitik weiter verschärft, um den Inflationsgefahren vor allem auf dem engen Arbeitsmarkt in Großbritannien zu begegnen.

BoE-Chef erwartet Rückgang der Inflation Mitte 2023

Die BoE selbst betonte, weitere Zinserhöhungen könnten notwendig sein, um die Inflation wieder auf den Zielwert zu drücken. Es sei jedoch unwahrscheinlich, dass die Zinsen wie an den Finanzmärkten erwartet dazu auf bis 5,25 Prozent steigen müssten.

Berechnungen der Notenbank zeigen, dass ein Zinsniveau von etwas mehr als drei Prozent ausreichen könnte, um den Preisschub ausreichend zu bremsen. Bereits Mitte 2023 erwartet BoE-Chef Bailey einen Rückgang der Inflation.

Die Zinserwartungen an den Märkten sind inzwischen auf 4,75 Prozent gesunken, und James Smith, Ökonom bei der niederländischen Großbank ING in London, rechnet nicht mehr damit, dass die Leitzinsen in Großbritannien über vier Prozent steigen werden.

„Die Notenbanker wollen vor allem verhindern, dass sich die Preiserwartungen durch sogenannte Zweitrundeneffekte in Form von höheren Lohnforderungen in der Wirtschaft festsetzen“, sagte Ökonom Bean der BBC.

Mit einer Arbeitslosenquote von lediglich 3,5 Prozent und einer Rekordzahl von offenen Stellen seien die Gefahren einer Lohn-Preis-Spirale besonders groß. Ohne einen Rückgang der Wirtschaftsleistung werde man die Inflation vermutlich nicht in den Griff bekommen.

Grafik

Die Bank of England rechnet mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bis ins Jahr 2024 hinein. Es wäre die längste Rezession seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Notenbanker sprachen von „sehr herausfordernden Aussichten“ für die britische Wirtschaft. Die Arbeitslosigkeit könne auf eine Quote zwischen fünf und sechs Prozent steigen.

Besonders hart getroffen von dem Zinsentscheid wird der Immobilienmarkt in Großbritannien. Die Hypothekenzinsen sind bereits kräftig gestiegen und haben die Nachfrage einbrechen lassen. Die Bausparkasse Nationwide rechnet im schlimmsten Fall damit, dass die Hauspreise im kommenden Jahr um bis zu ein Drittel sinken könnten.

Viel wird nach Meinung von Ökonomen davon abhängen, wie stark die britische Regierung die Bank of England bei der Inflationsbekämpfung durch einen restriktiven Kurs in der Fiskalpolitik unterstützt. Die kürzlich zurückgetretene Premierministerin Liz Truss hatte Notenbanker und Finanzmärkte mit ihren Plänen für Steuersenkungen auf Pump geschockt.

Bailey betonte, dass die Notenbank die künftigen fiskalpolitischen Maßnahmen der Regierung noch nicht in ihre Zinskalkulationen einbezogen habe. Sollte die Regierung im November einen harten Sparkurs verkünden und damit Kaufkraft aus der Wirtschaft abziehen, könnte das den Handlungsdruck auf die Bank of England verringern. Die Leitzinsen müssten dann weniger stark steigen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×