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02.08.2019

04:09

Zinsschock

In der Minusfalle: Die EZB sorgt bei Sparern und Banken für Entsetzen

Von: Felix Holtermann, Thomas Jahn, Angelika Ivanov, Anke Rezmer, Frank Wiebe

Deutschlands 57 Millionen Sparer sind die Verlierer der Geldpolitik. Doch auch die Banken schlagen Alarm wegen des Kurses der EZB.

Was Sparer gegen die Negativzinsen tun können.

In der Minusfalle

Was Sparer gegen die Negativzinsen tun können.

Die Zeiten für Markus Weiß sind gut. „An sechs von neun Standorten haben wir Wartelisten“, sagt der Manager von Degussa Goldhandel und Schließsysteme. Erst Ende 2018 hat der Goldhändler eine neue Schließfachanlage mit mehr als 1200 Fächern in Frankfurt eröffnet.

Anfang 2019 wurde die Anlage in München erweitert. „Für den Fall, dass das nicht ausreicht, können wir die Kapazitäten in Frankfurt weiter ausbauen“, sagt Weiß. „Vermehrt wird auch gezielt nach Bargeldeinlagerung gefragt“, fügt er hinzu.

Wer denkt, hier würden Drogendealer oder Steuerflüchtlinge Schlange stehen – weit gefehlt. Weiß berichtet von ganz normalen Menschen, braven Bundesbürgern, die alle eine Sorge umtreibt: Was mache ich mit meinem Geld?

Früher wäre die Antwort auf diese Frage offensichtlich gewesen: natürlich zur Bank bringen. Dort liegt das Geld sicherer als in einem eigenen Tresor und bringt ordentlich Zinsen. Aber die Zeiten ändern sich. Immer mehr Banken verlangen höhere Gebühren und für Einlagen ab 100.000 Euro sogar Strafzinsen.

Dürfen Banken überhaupt Negativzinsen verlangen? Das ist rechtlich unklar, wie einige Gerichtsurteile zeigen. Aber eines ist sicher: Die Geldhäuser werden die Gebühren weiter erhöhen, meint Sigrid Herbst vom Frankfurter Finanzdienst FMH-Finanzberatung: „In diesem Zinsumfeld ist das für Banken so ziemlich die einzige Möglichkeit, für einen Ausgleich zu sorgen.“

Die Banken reichen nur weiter, was die Europäische Zentralbank (EZB) ihnen vorgibt. Schon bald wird Mario Draghi, ihr Präsident, wieder zur Tat schreiten. Die Zinsen für Bankeinlagen bei der EZB werden wahrscheinlich von minus 0,4 auf minus 0,5 Prozent sinken. Wenn Draghi im November von Christine Lagarde abgelöst wird, dürfte sich nach Einschätzung der Experten nichts an der weichen Geldpolitik der EZB ändern.

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Letztlich ist die aufflammende Liebe zu Bargeld nur Ausdruck einer gigantischen, spürbaren Verschiebung im wirtschaftlichen Weltgefüge. Die Bevölkerung wird im Durchschnitt immer älter, es wird mehr gespart und weniger konsumiert und investiert, was zu einem Rückgang der Zinsen in der Realwirtschaft führt. Auch die US-Notenbank (Fed) kann sich dem Sog nicht entziehen, obwohl die US-Wirtschaft gut läuft: Sie senkte am Mittwoch zum ersten Mal seit der Finanzkrise 2008 die Leitzinsen.

Die Leidtragenden sind die Besitzer von Konten, Sparbüchern oder Versicherungen. Laut der DZ Bank entgingen deutschen Sparern in den vergangenen zehn Jahren stolze 648 Milliarden Euro. Aber was können sie tun? Einen Tresor kaufen ist eine Möglichkeit. Aber es gibt klügere Maßnahmen.

Der erste Schritt aus der Zinsfalle muss ein Vergleich der Banken und ihrer Konditionen sein. Wer genau hinschaut, kann höhere Zinsen erhalten und Vorreiter der Negativzinsen meiden.

Langfristig gesehen wäre das Geld aber auch bei höheren Zinsen nicht gut auf dem Konto oder Sparbuch aufgehoben. Andere Anlageformen wie Aktien, Anleihen, Immobilien oder Gold bieten auf lange Sicht unter bestimmten Voraussetzungen genügend Sicherheit und bessere Renditen. (Lesen Sie hier: Antworten auf die sechs drängendsten Fragen für Sparer)

Besteht Hoffnung auf einen Kurswechsel der EZB? Einen weiteren Zinsschritt hält beispielsweise der ehemalige Chefvolkswirt der EZB, Otmar Issing, für überflüssig. „Die Wirkung der Mittel nutzt sich ab“, sagt Issing im Handelsblatt-Interview.

Auch wenn es 57 Millionen Sparer gibt – um sie kümmert man sich wenig. Ihnen fehlt nicht nur die Lobby, auch die Fliehkräfte der Weltwirtschaft sind groß – was ein Blick auf die Ängste und Nöte der Notenbanken zeigt.

Der Euro ist ein Mysterium

Lancaster House, ein Herrenhaus im gregorianischen Stil nahe dem Buckingham Palace: Hier hielt EZB-Chef Draghi vor fast genau sieben Jahren eine Rede, die ihm einen Platz in den Geschichtsbüchern verschaffte. Zunächst lullte er das Publikum ein und erzählte davon, was der Euro mit einer Hummel gemeinsam habe. Die Hummel sei ein Mysterium der Natur. Eigentlich sei sie gar nicht fähig zu fliegen, aber sie tue es doch.

Eine bis dahin harmlose Rede zu einer Zeit, in der die Euro-Zone kurz vor dem Kollaps stand. Griechenland hatte gerade einen Schuldenschnitt hinter sich, Irland und Portugal hatten Hilfskredite der Euro-Länder beantragt, Spanien brauchte Geld für die Rettung seiner Banken. Doch dann fallen die berühmten Worte, die bis heute die Geldpolitik bestimmen: „Was immer nötig ist“, sagt Draghi. Die EZB werde im Rahmen ihres Mandats alles tun, um den Euro zu retten.

Der EZB-Chef verteidigt den Euro mit allen Mitteln. dpa

Mario Draghi

Der EZB-Chef verteidigt den Euro mit allen Mitteln.

Konkret heißt das, Anleihen zu kaufen und Zinsen zu senken. Die Notenbank will den Anreiz für Geschäftskunden und Unternehmen erhöhen, ihr Kapital zu investieren: in Maschinen, Autos oder andere Dinge, die die Wirtschaft antreiben. Es ist eine Welt, die so ganz nach der Fasson von Kultproduzent Artur Brauner tickt. Für „Atze“ war Sparsamkeit nur „die Fähigkeit, Geld so auszugeben, dass es einem keine Freude bereitet“. Konsum ist volkswirtschaftlich besehen keine Sünde, sondern eine Triebfeder.

Derzeit bereitet Draghi und seinen Kollegen die antriebsschwache deutsche Industrie große Sorgen. Deutschland hat einen Anteil von 39 Prozent am verarbeitenden Gewerbe im Euro-Raum. Außerdem hängen durch weitverzweigte Lieferketten viele Betriebe in ganz Europa von deutschen Konzernen, etwa den großen Autoherstellern, ab.

Eine weitere Sorge der EZB ist die Preisentwicklung. Laut Satzung hat die EZB die Aufgabe, die Preise stabil zu halten. Dieses Ziel definiert sie als knapp zwei Prozent Inflation. Es sind keine null Prozent, weil eine Volkswirtschaft ohne jede Preissteigerung unflexibel wird: Es ist leichter, in schwierigen Zeiten bei Lohnverhandlungen eine Nullrunde zu vereinbaren, als gleich den Beschäftigten weniger Geld aufs Konto zu überweisen.

Weltweit werden die Notenbanker aber von einem Gespenst gejagt: dem Abrutschen in eine Deflation, eine Periode fallender Preise, wie Japan sie lange Zeit erlebt hat. Zuletzt lag die Inflation im Euro-Raum bei nur knapp über einem Prozent – viel zu wenig nach dem Geschmack der Notenbanker. Die Logik ihrer Ökonomen: Man muss heute die Zinsen senken, damit sie später wieder steigen können.

Insgesamt macht die Diagnose von Draghi Sinn, aber sein Vorgehen bleibt nicht unwidersprochen. Issing wirft der EZB vor, sie habe sich auf ein zu enges Inflationsziel festgelegt und damit unter Zugzwang gebracht. Auch Jens Weidmann, als Chef der Bundesbank im EZB-Rat vertreten und dort mitunter Gegenspieler von Draghi, rät eher zu mehr Geduld in der Geldpolitik.

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Angst um die Banken

Die Leidtragenden der Zinssenkungen sind nicht nur die Sparer. Auch die Banken schlagen Alarm. „Die Negativzinspolitik der EZB frisst sich immer tiefer in die Geld- und Vermögenskreisläufe hinein“, warnt Helmut Schleweis, Präsident des Sparkassen- und Giroverbands.

2018 summierten sich die Lasten für die Institute in der Euro-Zone durch die Minuszinsen bereits auf 7,5 Milliarden Euro. Durch die wahrscheinliche Zinssenkung der EZB würde die Bürde noch einmal um knapp 1,5 Milliarden Euro steigen. Das berechnete der Bundesverband deutscher Banken, der für die heimischen Banken finstere Zeiten vorhersieht. Beläuft sich ihre Belastung aktuell auf rund 2,3 Milliarden Euro im Jahr, kämen bei einer weiteren Zinssenkung noch einmal 600 Millionen Euro hinzu. Felix Hufeld, der Chef der deutschen Finanzaufsicht Bafin, warnt vor einer schnelleren und härteren Bereinigung des Bankenmarktes: „Die Lage wird sich dann ganz klar noch einmal verschärfen und die Banken stärker als bislang schon fordern.“

Gut möglich ist daher, dass die EZB ihren Kritikern zumindest ein Stück weit entgegenkommt und kleinere Banken von künftigen Strafzinserhöhungen explizit ausnimmt – durch sogenannte Staffelzinsen. Davon würden vor allem deutsche und französische Geldhäuser profitieren, weil sie relativ überschüssige Liquidität haben.

Experimentiert wird damit bereits in der Schweiz, in Dänemark und in Japan. Staffelzinsen würden bedeuten, dass die Geldhäuser einen zusätzlichen Freibetrag erhalten, für den die europäische Notenbank keinen Minuszins verlangt. Beträgt der Freibetrag das Zehnfache des Mindestreservesolls, würde das die Banken im Euro-Raum jährlich um 4,6 Milliarden entlasten, kalkuliert der Deutsche Sparkassen- und Giroverband.

Die Analysten der Landesbank Baden-Württemberg haben ausgerechnet, was im Fall einer Übernahme des Schweizer Modells passieren würde. Dort liegt der Leitzins schon bei minus 0,75 Prozent, die Banken haben einen Freibetrag in Höhe des Zwanzigfachen der Mindestreserve. Würde die EZB diese Regelung übernehmen, würden die deutschen Geldhäuser etwa 900 Millionen Euro sparen.

Sind Negativzinsen legal?

Sicherlich: Die niedrigen Zinsen haben auch Vorteile. So mussten Kreditnehmer in der gleichen Zeit 290 Milliarden Euro weniger an Zinslast tragen. Der Staat freut sich auch über Minuszinsen: Die Bundesrepublik bekommt zurzeit Geld von ihren Gläubigern geschenkt. Außerdem weist Draghi darauf hin, dass seine Geldpolitik zur Schaffung von Millionen neuer Jobs beigetragen hat – nur nicht bei den Banken.

Der Sparer aber schaut in die Röhre. Für ihn tritt ein, was für viele Firmen bereits Alltag ist. Privatkunden müssen bei hohen Anlagesummen schon jetzt zum Teil Strafzinsen zahlen. Den Kleinsparer trifft es eher über höhere Gebühren. Zwar plant die EZB im Zusammenhang mit den Zinssenkungen auch Freibeträge zur Erleichterung für die Banken.

Aber es zeichnet sich ab: Schon bald kann sich „niemand mehr Negativzinsen entziehen“, sagt der baden-württembergische Sparkassenpräsident Peter Schneider. Und sei es indirekt: Zahlten Kontoinhaber vor etwa einem Jahr im Durchschnitt noch 5,47 Euro im Monat für ein Gehaltskonto, so zwacken die Banken ihnen heute knapp sechs Euro ab. Das stellt die FMH-Finanzberatung fest, die dafür rund 1 300 Geldinstitute mit ihren mehr als 3 560 Girokontomodellen verglich.

Was können Sparer gegen die schleichende Enteignung tun? „Einlagen sind rechtlich betrachtet Darlehen der Kunden an die Geldinstitute. Eine Bank darf dafür nicht mittels Preisaushang Negativzinsen verlangen“, findet Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Er hält eine rechtliche Klärung für notwendig.

Vieles deutet darauf hin, dass Strafzinsen bei den meisten Girokonten unzulässig und bei Tagesgeldkonten nur in Sonderfällen möglich sind. So hat im Fall der Volksbank Reutlingen das Landgericht Tübingen 2018 in zwei Urteilen entschieden, dass ein Entgelt für die Einlagenverwahrung bei einem Girokonto mit Kontoführungsgebühr nicht erlaubt ist und Banken bei bestehenden Tagesgeldkonten nicht einfach Strafzinsen per Änderung der allgemeinen Geschäftsbedingungen einführen dürfen.

Klar ist: Die Welt ist gemessen an dem, was wir von früher gewohnt sind, aus den Fugen geraten. Besonders deutlich wird das seit der großen Finanzkrise vor rund zehn Jahren. Ein Tresor mag Stabilität und Sicherheit vermitteln – aber als Lösung reicht er in solchen Zeiten wohl nicht aus.

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Kommentare (5)

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Herr Ramon Schreiber

02.08.2019, 08:19 Uhr

57 Millionen Sparer werden um Ihre Zinsen betrogen? Wer profiert? Vielleicht 57 Millionen Steuerzahler, die nicht die Zinsen für die Schulden des Staates zahlen müssen? Wie viele der beiden 57 Millionen werden identische Personen sein?

Und wie hoch wären eigentlich die Zinsen, wenn es gar keine EZB geben würde? Wäre dann automatisch eine deutlich positive Realverzinsung drin? Wer sollte die höheren Zinsen erarbeiten? Die deutsche Autoindustrie? Der deutsche Mittestand? Die deutschen Energieversorger? Bayer? Der deutsche Staat und seine Beamten?

Zinsen fallen nicht vom Himmel. Die EZB macht einen super Job, auch wenn es keiner glauben will. Und niemand schreibt darüber, wer die höheren Zinsen erarbeiten soll. Wir hatten im Q2 2019 0,2% Wirtschaftswachstum im Euro-Raum und kaum Inflation.

Frau JepsonSoya JepsonSoya

02.08.2019, 08:20 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Manfred Hempfling

02.08.2019, 10:01 Uhr

Ich sehe noch ein ganz anderes Risiko, welches bisher nicht thematisiert wurde:
Bekanntlich funktioniert ein erheblicher Teil unseres Wirtschaftskreislaufes auf der Programmierung "mehr". Wenn es sich aber nicht mehr lohnt "mehr" zu arbeiten/verdienen, weil dank der Negativzinsen und schon jetzt blasenmäßig aufgeblähter Preise für dauerhafte Sachgüter (Immobilien, Aktien, Edelmetalle) der Lohn für dieses "mehr" keinen Bestand mehr hat, könnte die Einsicht um sich greifen, "mehr" für die Work-Life-Balance zu tun und eben nur noch so viel zu arbeiten, wie zum laufenden Lebensunterhalt nötig ist - der jungen Generation sagt man einen entsprechenden Hang ohnehin schon nach und die älteren Jahrgänge, die ihre Schäfchen bereits im trockenen haben, könnten sich hier anschließen. Was wäre die Folge: Mehr Teilzeitarbeit und damit einhergehend eine massive Vergrößerung des Fachkräftemangels sowie teilweiser Konsumverzicht, was dann aber eben nicht, wie von der EZB gewünscht, zu einer Stimulanz der Wirtschaft führen würde, sondern genau das Gegenteil erreichen könnte - und selbst eine weitere Lockerung der Geldpolitik wäre nur in der Lage, das Problem noch weiter zu verschärfen, nicht jedoch, dieses zu lösen.

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