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16.11.2022

21:23

Patienten-Check-in

Kabine für die digitale Patientenaufnahme

Von: Britta Rybicki

Das Modell wurde von einem interdisziplinären Konsortium aus Medizinern, Ingenieuren und Softwareentwicklern entworfen und bei einer Studie an der Universitätsmedizin Mannheim getestet.

Patienten nehmen bei TEDIAS  auf einem Stuhl Platz und der Avatar eines Arztes fragt über einen Bildschirm Informationen ab. IMAGO/YAY Images

Patientin im Krankenhaus

Patienten nehmen bei TEDIAS auf einem Stuhl Platz und der Avatar eines Arztes fragt über einen Bildschirm Informationen ab.

Düsseldorf „Schönen guten Tag, ich bin Vadian, der digitale Assistent, der mit Ihnen den Routineteil der Anamnese durchführen möchte.“ So sprach der Avatar eines Arztes über einen großen Bildschirm einen Mitarbeiter des Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) an. Der Mitarbeiter präsentierte das System TEDIAS auf der europäischen Medizintechnikmesse am 16.November in Düsseldorf. Dafür nahm er auf einem grünen Sessel Platz, in dem eine Waage, Sensoren, Blutdruck- und Handkraftmessgerät integriert sind.

„TEDIAS soll die Patientenaufnahme in Kliniken digitalisieren“, erklärte der Fraunhofer-Ingenieur Jens Langejürgen. In einem Konsortium, bestehend aus Medizinern, weiteren Ingenieuren und Softwareentwicklern, hat Langejürgen TEDIAS entworfen. Die Inbetriebnahme übernimmt die Universitätsmedizin Mannheim. Das Forschungsprojekt startete im März 2021 und wurde mit rund drei Millionen Euro im Rahmen des Forums Gesundheitsstandort Baden-Württemberg gefördert.

Nach der Begrüßung durch den Avatar füllte der Fraunhofer-Mitarbeiter einen Fragebogen aus. Dabei kreuzte er an, ob er unter Fieber, Kopf- oder Gliederschmerzen leidet. Er gab sein Geburtsjahr und seine Körpergröße ein, ob er regelmäßig Sport treibt und Medikamente einnimmt. Danach befestigte er die Manschette an seinem Arm, um den Blutdruck zu messen. Ein EKG an seinen Waden hat seinen Herzschlag gemessen. Auf dem Bildschirmrahmen sind zudem Kameralinsen integriert. „Die Infrarotkamera scannt das Gesicht eines Patienten und misst die Temperatur über die Stirn“, sagte Langejürgen.

Datenübertragung ins KIS-System

Das Ergebnis sei zwar nicht auf die Nachkommastellen genau, aber in Kombination mit den weiteren gesammelten Informationen laut dem Ingenieur aussagekräftig genug für einen Arzt. Denn alle erfassten persönlichen Informationen und Vitaldaten überträgt die Kabine direkt in ein Krankenhausinformationssystem (KIS). „Wir testen das Modell mit einem KIS-Anbieter, können es aber für alle KIS-Anbieter öffnen, da wir den internationalen Datenstandard FHIR einsetzen”, sagte Langejürgen. Um Ärzten die Ergebnisse allerdings unabhängig von der Benutzeroberfläche eines KIS-Anbieters zeigen zu können, haben die Wissenschaftler dafür ein eigenes Dashboard entwickelt.

Auf der Medica ist der Patienten-Check-in, wie man ihn nur von Flughäfen kennt, ein Hingucker, in der digitalen Gesundheitsforschung aber keine Neuheit mehr. Verschiedene Start-ups digitalisieren Patientenfragebögen, teilweise werden sie durch Sensoren ergänzt. Der Gesundheitsdienstleister Helios eröffnete Mitte dieses Jahres in Leipzig die sogenannte Walk-in-Einheit namens care for you to be (CUBE), in der Diagnostik wie Röntgen, Ultraschall, Blutdruck- und Augendruckmessung verfügbar sind. Der Erstkontakt mit einem Arzt findet anders als bei TEDIAS per Videosprechstunde statt. Mediziner sehen die Daten bei der Helios-Variante über die Curalie-App ein.

Digitale Notaufnahme in Israel

Im Israelischen Ichilov-Krankenhaus in Tel Aviv melden sich Patienten in der Notfallaufnahme bereits seit Juli über einen Bildschirm an und messen ebenfalls selbst ihre Vitalwerte. Ein Computer nimmt dann die Triage vor, lebensbedrohliche Fälle werden sofort behandelt. Projektverantwortliche haben Handelsblatt Inside gegenüber vor allem gelobt, dass das System rund eine Stunde Zeit in der Patientenaufnahme einsparen könne.

Fraunhofer-Ingenieur Langejürgen sind diese Systeme bekannt. „Der Unterschied zu unserem Modell ist, dass die meisten anderen Lösungen geschlossen sind, wodurch weitere Silos im Gesundheitswesen entstehen“, ergänzte er. Damit gemeint sind IT-Strukturen, die zu isolierten Daten führen, etwa in verschiedenen Kliniken oder in Fachabteilungen innerhalb eines Krankenhauses. Daraus würden separate Archive entstehen, die man dem Ingenieur zufolge nur schwer abfragen könnte. Denn ein Wildwuchs von Datensilos führe zu unübersichtlichen Strukturen und einem hohen Administrationsaufwand, erklärte Langejürgen.

Hausarztpraxen an TEDIAS angedockt?

Mit dem TEDIAS-System verfolgt das Forscherteam also nicht das Ziel, ein fertiges Produkt auf den Markt zu bringen. Es will stattdessen eine offene Entwicklungsumgebung für Hersteller einrichten. Marcel Weigand ist Leiter des Bereichs „Digitale Transformation“ bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland und bewertet das Vorhaben grundsätzlich positiv . „In der Realität landen Patienten im Notfall oder auf Anordnung ihres Arztes im Krankenhaus, weshalb die von TEDIAS erhobenen Daten theoretisch schon erhoben und in einer idealen Welt in einer elektronischen Patientenakte gespeichert sein könnten.“ Eine digitale Patientenaufnahme könnte deswegen schnell zur Doppleruntersuchung werden, ergänzte er.

Langejürgen stimmt dem Patientenvertreter Weigand grundsätzlich zu. Eine Vernetzung mit den Hausarztpraxen sei immer wieder von verschiedenen Akteuren angesprochen worden. „Diese liegt derzeit jedoch nicht im Scope der Förderphase”, sagt er. Laut Plan soll das Projekt Ende 2022 auslaufen. Eine Verlängerung um neun Monate habe der Ingenieur bereits beantragt.

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