MenüZurück
Wird geladen.

16.09.2021

04:00

Pharmakonzern

Bayer-CIO Jeanne Kehren setzt auf digitale Therapien als Umsatztreiber

Von: Britta Rybicki

Jeanne Kehren war bei Sanofi und Novartis erfolgreich. Bei Bayer setzt die Französin auf digitale Therapien und Kooperationen mit Start-ups.

Die Französin ist für die Digitalisierungsstrategie des Pharmakonzerns Bayer verantwortlich. Unternehmen

Jeanne Kehren

Die Französin ist für die Digitalisierungsstrategie des Pharmakonzerns Bayer verantwortlich.

Düsseldorf „Integrated Care“ bezeichnet Jeanne Kehren als wohl eine der größten Errungenschaften der Digitalisierung der Pharmaindustrie. Hinter dem sperrigen Begriff verbergen sich einfache Geschäftsmodelle: Apps für Herz-Kreislauf-Patienten, zur Förderung der Gesundheit von Frauen oder für die Krebstherapie.

Das Accelerator Programm G4A fällt in das Aufgabengebiet der Chief Information Officer (CIO) des Pharmakonzerns Bayer, das jüngst vier Start-ups aus 200 Bewerbungen ausgewählt hat. Neben einem Mentoring-Programm erhalten die jungen Unternehmen 100.000 Euro Investment. Kehren gibt die strategische Richtung des Förderprogramms vor und steht den Gründern direkt beratend zur Seite.

Die Französin weiß, wovon sie spricht, denn sie blickt vor den jetzt zwei Jahren bei Bayer auf fast 20 Jahre Erfahrungen in der Pharmabranche zurück: Bei Sanofi hat sie Arzneimittel für Diabetiker entwickelt, bei Novartis hat sie untersucht, welche Rolle Biomarker wie der Blutdruck bei Krankheiten spielen. Seit dem Jahr 2013 haben mehr als 150 Start-ups den zeitlich begrenzten Bayer-Accelerator absolviert. Daraus sind mehr als 30 direkte Partnerschaften mit Bayer entstanden.

Als besonders großen Erfolg bezeichnet Kehren die Kollaborationen mit dem Entwickler der Diabetes-Management-Plattform One Drop. Mit einer Künstlichen Intelligenz (KI) könne man vorhersagen, wie sich der Blutzuckerspiegel der Patienten in den nächsten sechs bis zwölf Stunden entwickle, sagt Kehren und wirkt so, als sei sie immer noch darüber überrascht, dass die Technologie wirklich funktioniert.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Angenommen habe Kehren den Job bei Bayer nur wegen der außergewöhnlichen Aufgabenstellung, sagt sie. „Etablierte Unternehmen tendieren dazu, in ihrer Komfortzone zu bleiben: Geld in Technologien zu investieren, die sie schon kennen und von denen sie wissen, dass sie damit auch mehr Geld verdienen.“

    Sie könne schließlich nur ein Versprechen für die Zukunft geben, in die heute aber schon investiert werden müsste. Digitale Therapien oder „Integrated Care“ – wie Kehren die neue Versorgungsform nennt – könnten in zehn Jahren erheblich zum Umsatz des Pharmakonzerns beitragen, prognostiziert sie.

    Therapien schneller starten

    Zukunftsfähig seien diese Programme, weil sie Menschen in die Lage versetzen, ihre Gesundheit besser zu steuern, betont Kehren. Diese Fähigkeit würde gleichzeitig das medizinische Fachpersonal entlasten. Patienten erhalten schneller eine Diagnose und können schneller pharmakologisch behandelt, vielleicht sogar gerettet werden. Der Zeitvorsprung wird aber auch für die Pharmaindustrie zum Vorteil: Medikamente werden früher eingesetzt.

    Damit die Technologien allerdings praxistauglich werden, brauchen sie Daten. Im Rahmen des Patientendaten-Schutz-Gesetzes (PDSG) können Patienten der Forschung freiwillig ihre Gesundheitsdaten zur Verfügung stellen. Nur Universitätskliniken erhalten ein Antragsrecht, die Pharmaforschung geht leer aus.

    Die einzige Alternative aktuell: „Klinische Studien durchzuführen, die extrem teuer sind, Zeit kosten und unter Umständen auch weniger Aussagekraft haben“, sagt Kehren. Auch der Aufwand für Studienteilnehmer sei viel größer: Sie müssen an mehreren Terminen persönlich erscheinen. Viele Probanden brechen vorzeitig ab. Die Ergebnisse sind verzerrt, im schlimmsten Fall verschiebt sich der Erkenntnisgewinn um Monate oder Jahre.

    Daten von US-Firmen kaufen

    Deswegen kauft Bayer Verschreibungs- und Patientendaten von US-Firmen. „Den Wert eines Datensatzes zu beziffern ist schwierig, aber eine Analyse von zwei Millionen Datensätzen kann durchaus 500.000 US-Dollar kosten“, berichtet die CIO. Eigentümer der Informationen wird der Pharmakonzern dadurch nicht. Kunden können die Daten nur mieten, betrachten und die US-Firma mit einer speziellen Analyse beauftragen. Spender werden bezahlt.

    Die Branche müsste mehr Verständnis für ihr Tun und Sein schaffen. Denn das Potenzial, mit Daten Arzneimittel zu erfinden und zu entwickeln, sei groß: „Wenn wir veränderte Zellen früher erkennen und abkapseln, könnten wir zum Beispiel verhindern, dass Krebs sich weiterentwickeln kann“, sagt Kehren. Eine Heilung der tödlichen Krankheit schließt sie jedoch aus. Doch wenn gesunde Menschen verstünden, welchen Effekt Vorsorge hat, würden auch sie ihren Gesundheitszustand digital offenlegen.

    So oder so: Aus Kehrens Sicht kommen die Pharmaunternehmen auch ohne ein Antragsrecht an Patientendaten. Bayer hat eine Kooperation mit dem Start-up Ada Health gestartet, das einen Symptomchecker entwickelt hat. Mehr als zehn Millionen Nutzer haben bereits Informationen über sich und ihre Beschwerden in die Ada-App eingegeben.

    Handelsblatt Inside Digital Health

    Ihnen gefällt dieser Beitrag aus unserem exklusiven Fachbriefing?

    Empfehlen Sie Handelsblatt Inside Digital Health weiter!

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×