MenüZurück
Wird geladen.

15.09.2023

06:15

Holzbau

Wie der Rohstoff Holz die Wohnungskrise bewältigen soll

Von: Simone Gröneweg

PremiumDie Bundesregierung will mehr Holzbau. Eine Zäsur, die Baubranche, Forstwirtschaft und Behörden vor einige Herausforderungen stellt.

Der Rohstoff Holz wird begehrter, denn künftig sollen in Deutschland mehr Gebäude aus Holz entstehen.(Foto: Thomas Warnack/dpa )

Wald

Der Rohstoff Holz wird begehrter, denn künftig sollen in Deutschland mehr Gebäude aus Holz entstehen.

(Foto: Thomas Warnack/dpa)

Der Dürremonitor Deutschland zeigt das Dilemma deutlich. In vielen Regionen ist es zu trocken. Was die Landkarten des Monitors im Internet farblich simulieren, hat für den deutschen Wald gravierende Folgen. Seit 2018 sind etwa 500.000 Hektar verschwunden. „Das entspricht in etwa zweimal der Größe des Saarlands“, sagt Nils von Schmidt, Co-Leiter Land & Forst beim Immobilienberater Colliers.

Deutschland besteht zwar fast zu einem Drittel aus Wald – das sind etwas mehr als elf Millionen Hektar. Aber die Trockenheit, der Borkenkäfer und Stürme setzen den Bäumen zu. Manche Naturschützer plädieren dafür, viele Waldflächen möglichst sich selbst zu überlassen, damit sie sich erholen. Doch der Wald ist auch ein Wirtschaftsfaktor, denn er liefert Holz. Im vergangenen Jahr waren es etwa 70 Millionen Kubikmeter, zehn Millionen davon wurden ins Ausland exportiert.

Mit Holzbau gegen den Wohnungsmangel

Künftig wird Holz als Rohstoff begehrter werden. Ende Juni beschloss das Bundeskabinett eine Holzbau-Initiative, um die Wohnungskrise zu bewältigen. Um mehr bezahlbaren und guten Wohnraum zu schaffen, wolle man das serielle und modulare Bauen verbessern. Holz eigne sich dafür besonders gut, erklärte Klara Geywitz, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen. Derzeit liegt die Holzbauquote im Ein- und Zweifamilienhausbau bei 26 Prozent, im mehrgeschossigen Wohnungsbau unter fünf Prozent. Bis zum Jahr 2030 soll sie deutlich erhöht werden.

Große Vorzeigeprojekte aus Holz gibt es bereits – zum Beispiel das Roots in Hamburg. Es verfügt über 19 Geschosse und 128 Wohnungen. Das Hochhaus ist mit 65 Metern das höchste Holzgebäude Deutschlands. Der Architekt Georg Nunnemann hat das Projekt als Leiter der Projektentwicklung bei Garbe Immobilien-Projekte 2016 angeschoben. „Damit mehr Bauten aus Holz entstehen, muss sich hierzulande viel ändern“, sagt Nunnemann. „Wir haben schließlich über mehrere Generationen mit Stein und Beton gebaut.“ Diese Bauweise sei fest verankert, erzählt er. Das gelte etwa für die Inhalte im Architekturstudium. Die Behörden hätten ihre Genehmigungsverfahren auf Beton- und Steinbauten ausgelegt. „Das alles muss man aufbrechen, damit der Holzbau sich wirklich durchsetzt“, sagt der Architekt und Projektentwickler.

In der Regel erstellen Firmen Gebäude aus Nadelholz. Hubert Speth, Waldbesitzer und Professor für Holzwirtschaft an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, hält die dominierende Bauweise mit sogenanntem Brettsperrholz für nicht sehr effizient. Dabei werden Nadelholzbretter zu Wänden, Decken und Böden verleimt und am Ende oftmals Löcher für Türen und Fenster herausgefräst. „Es wäre sinnvoll, verstärkt auf Holzrahmenbau umzusteigen, der effizienter mit dem Rohstoff Holz umgeht“, sagt Speth.

Bislang wachsen vor allem Fichten und Kiefern in deutschen Wäldern. Das wird sich künftig ändern. „Insbesondere Fichten leiden unter Wassermangel. Der Anteil der Laubbäume wird also zunehmen“, prognostiziert Speth. „Bauen mit Laubholz gilt als zu teuer, ist aber grundsätzlich möglich. Wir brauchen mehr Forschungsprojekte dazu, wie wir zukünftig mit Laubholz bauen können“, fordert Speth.

Der Holzmarkt ist europäisch geprägt

Das heimische Holz befinde sich vor der Haustür, sagte Bundesbauministerin Geywitz bei der Präsentation der Initiative. Zwar gibt es in Deutschland noch viel Wald, aber ganz so einfach ist es doch nicht. „Das Holz kommt nicht automatisch aus dem Nachbarwald“, weiß Nunnemann aus Erfahrung. Etwa die Hälfte des Waldbestandes befindet sich in öffentlicher Hand, der Rest ist in Privatbesitz. Oft sind es nur kleine Parzellen, die sich gar nicht richtig bewirtschaften lassen.

Die großen Holzunternehmen kommen vor allem aus Österreich und Skandinavien, agieren aber europaweit. „Österreichische Firmen besitzen zum Beispiel Sägewerke in Deutschland. Deutsche Unternehmen wiederum kaufen in Skandinavien Werke auf, weil es dort noch große Nadelholzwälder gibt“, erzählt Waldexperte Hubert Speth und ergänzt: „Es gibt im Prinzip keinen reinen deutschen Holzmarkt, sondern einen mitteleuropäischen, wenn nicht sogar europäischen Holzmarkt. Alle sind miteinander vernetzt.“ So hat Deutschland im ersten Halbjahr dieses Jahres sechs Millionen Kubikmeter Nadelholz exportiert. Größter Abnehmer war Österreich mit 800.000 Kubikmetern. Gleichzeitig importierte Deutschland mehr als drei Millionen Kubikmeter, wobei fast 600.000 Kubikmeter aus Österreich kamen.

Die Experten sind sich zwar einig, dass die Wälder in Mitteleuropa in den nächsten Jahrzehnten voraussichtlich noch genügend Holz liefern, um damit zu bauen. Doch eine Unsicherheit gibt es: den Klimawandel. Eigentlich müssten die verloren gegangenen Flächen aufgeforstet werden. Vielen Forstbetrieben fehlt dafür jedoch das Geld. Einen Hektar aufzuforsten, könne durchaus etwa 10.000 Euro kosten, sagt Colliers-Forstexperte von Schmidt.

Rohstoff Holz: Aufforsten kostet viel Geld

Was Aufforsten angesichts des Klimawandels bedeutet, hat auch Forstprofessor Speth erfahren. Er bepflanzte vor zwei Jahren eine anderthalb Hektar große Fläche mit verschiedenen Baumarten. „Die sind alle im vergangenen Jahr wegen Trockenheit eingegangen“, erzählt er. Im März dieses Jahres wiederholte er die Aktion. Bis Juli vertrockneten die Pflanzen erneut. Insgesamt hat Speth bereits 16.000 Euro investiert, zum Beispiel auch in einen Zaun zum Schutz vor Wild. Er bekommt zwar staatliche Zuschüsse für die Aufforstung. Das Geld muss er aber zurückzahlen, wenn in fünf Jahren auf der Fläche die geförderten Bäume nicht angewachsen sind. Und danach sieht es momentan aus.

Der Durchschnittspreis für einen Hektar Wald lag nach Angaben von Colliers zuletzt im Schnitt bei knapp 13.000 Euro, hängt aber im Einzelfall von der Lage und der Standortqualität ab. „Bei der Bewertung von Waldflächen werden aktuell nur die Holzproduktion und stellenweise die Jagd berücksichtigt“, erklärt Eckbrecht von Grone, Co-Leiter Land & Forst beim Immobilienberater Colliers. Dass der Wald den Wasserhaushalt reguliert, Kohlendioxid speichert und Sauerstoff produziert, spielt bei der Preisbildung noch keine Rolle. Die beiden Forstexperten von Colliers sagen darum ganz klar: „Wald ist unterbewertet.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×