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09.05.2022

12:03

Bilanzskandale

Sauberes Verhalten braucht Regeln

Von: Julia Beil, Tobias Gürtler

Nach den Betrugsvorwürfen will die Adler Group einen Neuanfang. Einfach wird das nicht. Experten wissen: Rechtsverstöße werden durch Strukturen begünstigt.

Sauberes Verhalten braucht Regeln. dpa, imago images [M]

Wirecard-Zentrale in Aschheim, Abgase, Apartmenthaus der Adler Group (v.l.)

Sauberes Verhalten braucht Regeln.

Düsseldorf Erst Volkswagen, dann Wirecard – und jetzt die Adler Group? Was sich bei dem Immobilienunternehmen abspielt, erinnert Beobachter an frühere Bilanzskandale in der deutschen Wirtschaft. Der Wirtschaftsprüfer KPMG verweigerte der Adler Group das Testat für den Jahresabschluss, daraufhin veröffentlichte das Unternehmen die untestierte Bilanz.

Adler, so heißt es von den Prüfern, habe ihnen keinen Zugang zu wichtigen Informationen gegeben. Die Prüfer erteilten daher einen Versagungsvermerk. Das kommt nur sehr selten vor. Der britische Shortseller Fraser Perring hatte Adler bereits im Oktober 2021 Betrugs- und Manipulationsvorwürfe gemacht. Nun soll die Immobiliengruppe Thema im Finanzausschuss des Bundestags werden.

Derzeit ist außerdem die Finanzaufsicht Bafin damit befasst, die Unternehmensbücher unter die Lupe zu nehmen. Intern hat man bei Adler bereits Konsequenzen gezogen: Vier Verwaltungsräte mussten gehen. Adlers Verwaltungsratschef Stefan Kirsten sagte nach dem verweigerten KPMG-Testat: „Betrug und Täuschung gab es nicht.“

Experten sind grundsätzlich der Auffassung, dass Rechtsverstöße durch bestimmte Strukturen begünstigt werden. Das Handelsblatt hat mit zwei Fachleuten gesprochen, die sich mit solchen Strukturen auskennen. Benjamin Schorn ist Wirtschaftskriminologe und Leiter des Münchener Instituts für Governance und Psychologie. Er war an der Aufdeckung des Wirecard-Skandals durch KPMG beteiligt.

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    Marco Nink ist als Forschungsleiter für Deutschland beim Beratungsunternehmen Gallup tätig. Er beschäftigt sich unter anderem mit den Themen Integrität und Compliance in Unternehmen. Die beiden Experten benennen vier Warnzeichen:

    1. Schlechte Dokumentation

    Bei der Adler Group habe es ein „mangelndes Verständnis von guter Corporate Governance“ gegeben, räumte Verwaltungsratschef Kirsten am Freitag ein. Was das konkret bedeutet, wird aus dem Prüfungsbericht von KPMG ersichtlich: Rechnungen hatten teilweise weder Unterschrift noch Eingangsstempel, erbrachte Leistungen von externen Dienstleistern ließen sich nicht nachvollziehen.

    „Viele bedeutsame Geschäftsvorgänge waren demnach nicht vernünftig dokumentiert“, fasst Schorn zusammen. Das, sagt er, sei „eine äußerst schlechte Voraussetzung zur Prävention von Wirtschaftsverbrechen.“

    Wo es kein Vieraugenprinzip, keine Dokumentation und keine klare Funktionstrennung gebe, müssten Mitarbeiter weniger Angst haben, mit Fehlverhalten aufzufliegen. Das zeigt sich auch am Beispiel Wirecard: Dort wusste offenbar keiner unterhalb des oberen Managements so richtig, was im Asiengeschäft genau passierte. Schlechte Governance-Strukturen entstünden häufig in Unternehmen, „bei denen das operative Geschäft sehr schnell anwächst, die Dokumentations- oder Ordnungspflichten aber nicht genauso schnell mitziehen können“, sagt Schorn.

    2. Falsche Anreize

    Unabhängig von der Debatte um Adler gilt: Entscheidend für mögliche Fehltritte in Unternehmen ist die Kultur. Mitarbeiter hätten in der Regel ein Gespür dafür, wofür sie belohnt und wofür sie bestraft würden. Folge Anerkennung nur dann, wenn jemand Profit generiere, könne das irgendwann zum obersten Ziel der Mitarbeiter werden. Schorn sagt aber auch: „Die allermeisten Menschen sind von Grund auf integer.“

    Hier sollte dem Experten zufolge zwischen offiziellen Normen wie einem „Code of Conduct“ und impliziten Werten unterschieden werden, nach denen im Unternehmen täglich gelebt wird. „Es bringt nichts zu kommunizieren, dass integres Verhalten wichtig ist, wenn Mitarbeiter gleichzeitig in internen Meetings den Eindruck haben, dass all das für die Geschäftsleitung nur eine untergeordnete Rolle spielt.“

    Häufig seien Bereiche wie Compliance und Integrität allerdings weit weg vom Arbeitsalltag, meint Nink von Gallup – und kämen deswegen selten in Meetings auf den Tisch. Das spiele einer Kultur in die Karten, in der Lügen, Fehlverhalten und Betrug gedeihen könnten.

    Nink rät Führungskräften deshalb, das Thema Compliance regelmäßig anzusprechen, „am besten mit konkreten Fallbeispielen.“ In der Weihnachtszeit könnten Führungskräfte etwa mit ihrem Team besprechen, wie im Unternehmen mit Geschenken von Geschäftspartnern umgegangen werde.

    3. Mangelnde Fehlerkultur

    Generell gilt: „Wenn schon im Arbeitsalltag Fehler totgeschwiegen statt aufgearbeitet werden, ist das ein Indikator dafür, dass ein Unternehmen eine solche nicht etabliert hat“, sagt Nink. In solchen Fällen trauten sich Mitarbeiter in der Regel nicht, Fehlverhalten offen anzusprechen. Die Folge: Manager können im schlimmsten Fall vertuschen, unbehelligt von kritischen Nachfragen der Belegschaft.

    Um das zu verhindern, sind Nink zufolge in jedem Unternehmen vor allem die direkten Führungskräfte in der Pflicht. „Direkte Vorgesetzte haben hier eine Vorbildfunktion im Kleinen.“ Wenn Mitarbeiter sehen, dass ihre Führungskraft sie zu kritischem Denken ermuntert, unbequeme Fragen erlaubt und eigene und fremde Fehler offen anspricht, ermutigt sie das, selbst so zu handeln – und bei Fehlverhalten nicht wegzusehen.

    4. Fehlende Meldesysteme

    „Fehlverhalten muss in einem Unternehmen systematisch erfasst und aufgearbeitet werden können“, sagt Nink. Zwei Arten von Systemen seien dafür nötig: ein Meldesystem für „wirklich harte Fälle“, wie etwa sexualisierte Übergriffe oder schwerwiegende Compliance-Verstöße – und eine Informationsstelle, bei der Mitarbeiter möglichst anonym klären können: Ist das, was ich erlebt oder beobachtet habe, ein Fall für das Meldesystem? Oder sollte ich mich an eine andere Ansprechperson wenden?

    Oft seien Systeme wie diese zwar vorhanden, aber im Unternehmen unbekannt oder schwer zugänglich. Weil es grundsätzlich allen Menschen widerstrebe, andere zu verpetzen, sei hier Anonymität eine wichtige Voraussetzung, ergänzt Schorn.

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