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25.05.2022

07:00

Karriere mit Migrationshintergrund

Unternehmerin Tijen Onaran: „Total egal, ob jemand mit Döner oder Lippenstift sein Geld verdient“

Von: Julia Beil

Elternhaus, Geschlecht, Alter: Vieles beeinflusst unseren Erfolg. Nichts erschwere den Aufstieg aber so wie ein Migrationshintergrund, sagt Unternehmerin Tijen Onaran.

Tijen Onaran Andrea Heinsohn

Tijen Onaran

„Menschen mit Einwanderungsgeschichte haben viele Kompetenzen, die es in der heutigen Berufswelt braucht.“

Berlin Tijen Onaran ist eine der bekanntesten Gründerinnen Deutschlands, seit Jahren setzt sich die 37-Jährige für mehr Diversität und Inklusion in der Wirtschaft ein. Fragt man die Chefin der Beratung Global Digital Women nach den Aufstiegsmöglichkeiten von Migrantinnen und Migranten hierzulande, fällt ihr sofort ein Erlebnis ein, das sie vor Kurzem hatte.

„Ich saß in einer Paneldiskussion, gemeinsam mit einem schwarzen Gründer und einer Influencerin, die Hijab trug“, erzählt sie. „Die erste Frage des Veranstalters an beide war: ,German or English?‘“. Onaran und ihre Diskussionspartner waren irritiert: Es handelte sich bei beiden um Deutsch-Muttersprachler.

Migrationshintergrund erschwert den Aufstieg am stärksten

Der Gründer erzählte Onaran später, dass er Fragen wie diese ständig höre. Fragen, in denen mitschwingt: Du siehst nicht aus, als seist du einer von uns. „Er fragte sich: ,Was muss ich noch tun, um hier endlich als Geschäftsmann anerkannt zu werden?'“, sagt Tijen Onaran.

Diese Art der Ausgrenzung, so glaubt die Unternehmerin, erleben Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland häufiger als irgendeine andere Bevölkerungsgruppe. „Es gibt viele Faktoren, die es Menschen erschweren, erfolgreich zu sein: Alter, Geschlecht, soziale Herkunft“, sagt Onaran, die als Tochter türkischer Eltern in Karlsruhe aufgewachsen ist. „Aber nichts davon erschwert den Aufstieg so sehr wie ein Migrationshintergrund.“

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    Ihre These bestätigen auch Studien. In einer Untersuchung der Universität Mannheim heißt es etwa, „(…) dass Migranten und ihre Nachkommen auf dem deutschen Arbeitsmarkt größtenteils weniger erfolgreich sind als Deutsche ohne Migrationshintergrund.“

    Und eine Studie der Universität Hamburg zeigt, dass eingewanderte Familien in Deutschland einem stark überdurchschnittlichen Armutsrisiko ausgesetzt sind – und dass sie die Armut mit hoher Wahrscheinlichkeit an ihre Nachkommen weitergeben.

    Eingewanderten Familien fehlt oft ein Netzwerk

    Doch woran liegt das? Onaran glaubt: unter anderem am fehlenden Netzwerk von Menschen mit Einwanderungsgeschichte. „Auf der Suche nach meinem ersten Praktikum zum Beispiel haben viele meiner Freunde ihre Eltern gefragt – die kannten dann oft die Geschäftsführer irgendwelcher Firmen“, erzählt sie. Ihre eigenen Eltern kannten solche Menschen nicht.

    An ihren Ambitionen änderte das nichts. Als sie 16 war, wollte sie ein Praktikum beim damaligen Karlsruher Bürgermeister machen. „Das Problem war, dass weder meine Eltern noch ich eine Ahnung hatten, wie man eine Bewerbung angeht.“

    Onarans Mutter entschloss sich für einen unkonventionellen, aber direkten Weg. Sie ging mit ihrer Tochter zum Rathaus und sprach bei der Vorzimmerdame des Bürgermeisters vor. Nach einigem Hin und Her bekam Onaran das Praktikum.

    Was diese Geschichte zeigt: Auch ohne viel Geld und beeindruckende Netzwerke ist beruflicher Erfolg für junge Migrantinnen und Migranten möglich. Doch sie müssen ihn sich doppelt oder dreifach so hart erarbeiten wie Nicht-Migranten, meint Onaran.

    Je mehr Vielfaltsdimensionen ein Mensch in sich vereine, umso schwerer sei für ihn der berufliche und soziale Aufstieg. Heißt: Wer aus einer Arbeiterfamilie kommt, hat geringere Chancen, CEO zu werden, als jemand aus einer Akademikerfamilie. Wer aus einer Arbeiterfamilie kommt und weiblich ist, dessen Chancen sind noch geringer. Und wer aus einer Arbeiterfamilie kommt, weiblich ist und einen Migrationshintergrund hat, wird in den seltensten Fällen CEO.

    Eine Problematik, die dafür sorgt, dass dem deutschen Arbeitsmarkt viele Leistungsträger entgehen – da ist sich Tijen Onaran sicher. „Menschen mit Einwanderungsgeschichte haben viele Kompetenzen, die es in der heutigen Berufswelt braucht“, sagt sie. Die meisten Migrantinnen und Migranten hätten zum Beispiel ausgeprägte Problemlösungsfähigkeiten. „Wenn sie kein Geld fürs Studium hatten, dann mussten sie jobben. Wenn sie keine Businesskontakte in die Wiege gelegt bekamen, mussten sie sich welche erarbeiten.“ Erfahrungen, die ihnen in einer sich ständig wandelnden Jobwelt zugutekommen, meint Onaran.

    „Ah, Döner. Na, das passt ja zu deinem Background“

    Doch selbst dann, wenn sie bereits erfolgreiche Geschäftsleute seien, würden Menschen mit Migrationshintergrund oft zu wenig ernst genommen. Vor Kurzem sei auf einem ihrer Events etwa eine ihrer türkischen Freundinnen zu Gast gewesen, die in Stuttgart eine Dönerkette aufgebaut hat. Als eine andere Besucherin erfuhr, womit Onarans Freundin ihr Geld verdient, sagte sie zu ihr: „Ah, Döner. Na, das passt ja zu deinem Background.“

    Onaran ärgerte sich. „Ich habe der Dame gesagt: ,Meine Freundin ist eine tolle Geschäftsfrau. Mir ist total egal, ob jemand mit Döner oder Lippenstift sein Geld verdient.‘“ Oft sei in solchen Situationen aber keiner zur Stelle, der sich für diskriminierte Migrantinnen und Migranten starkmache – was diese irgendwann mürbe mache.

    „Ich habe von meiner Familie kein Businesswissen mitbekommen“

    Auch Onaran selbst hat sich schon auf vielen Veranstaltungen unwohl gefühlt. „Als ich vor fünf Jahren gegründet habe, war ich auf vielen Start-up-Events“, erzählt sie. Die Teilnehmer seien fast ausschließlich junge Männer gewesen, alle in ähnlichem Look, alle Absolventen ähnlich elitärer Unis. „Sie sprachen diese Business-Sprache, die ich nicht verstand. Da ging es um Track Records, Cashflow, Sweat Equity und Bootstrapping.“

    Begriffe, die für Onaran aus einer Welt stammten, zu der sie für den Großteil ihres Lebens nie Zugang gehabt hatte. Oft sei sie bei solchen Events auf die Toilette verschwunden, um Ausdrücke wie diese zu googeln. „Ich habe von meiner Familie eben kein Businesswissen mitbekommen.“

    Etabliert hat sie sich in der Szene trotzdem. Mittlerweile ist sie unter die Investorinnen gegangen – und plant einen Risikokapitalfonds, mit dem sie ausschließlich Geschäftsideen von Frauen finanziell fördern will.

    Dieser Artikel wurde zuerst am 03.05.22 um 12:33 Uhr publiziert.

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