Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

28.11.2020

08:16

Alumni-Listen

Sollten Unternehmen die Namen von Gekündigten im Internet veröffentlichen?

Von: Lazar Backovic, Larissa Holzki, Christoph Kapalschinski

Alumni-Listen sollen Ex-Mitarbeiter trotz Krise schnell in neue Jobs bringen. Doch ist das karrieretechnisch sinnvoll – und was ist mit dem Datenschutz?

Gerade in jungen Unternehmen sind Alumni-Listen Usus.

Business Professional in New York

Gerade in jungen Unternehmen sind Alumni-Listen Usus.

Hamburg, Düsseldorf Es dauerte nur zwei Tage, dann war der Zugang von Richard Muggeridge gelöscht. Ein knappes Jahr lang hatte der Brite für das Berliner Reise-Start-up Getyourguide neue Geschäftspartner in Amerika und Großbritannien akquiriert. Dann kam Corona – und für Muggeridge die Kündigung. Das war Mitte Oktober. „Ich war niedergeschlagen“, sagt der Manager heute. Und eigentlich sei „die Scham, einen Job zu verlieren“, zu groß gewesen, um davon zu erzählen.

Doch ein Geheimnis ist Muggeridges Entlassung mittlerweile nicht mehr, im Gegenteil. Sein Name samt Qualifikationsprofil ist auf einer Excel-Tabelle im Internet zu finden, zusammen mit den Namen von rund 70 weiteren Gekündigten. Eingestellt hat sie sein ehemaliger Chef Johannes Reck – und zwar, um zu helfen.

Der Gedanke dahinter: Potenzielle Arbeitgeber – vor allem aus der Start-up-Szene – sollen so unkompliziert und schnell mit den Jobsuchenden Kontakt aufnehmen können. „Unser Alumni-Verzeichnis ist eine Initiative, die von unseren Gründern und Führungskräften vorangetrieben wurde, um ausscheidenden Teammitgliedern bei der Veränderung zu helfen“, erklärt ein Getyourguide-Sprecher auf Anfrage.

In der Liste stehen nicht nur Name, Wohnort und Qualifikationsprofil der ehemaligen Mitarbeiter, sondern auch welche Position sie zuletzt innehatten und ob sie bereit sind, den Wohnort zu wechseln.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen
    Auf dieser Liste im Internet ist auch Muggeridge mit seinen Fähigkeiten gelistet. Das Handelsblatt hat die Nachnamen und Mailadressen der ehemaligen Getyourguide-Mitarbeiter unkenntlich gemacht, damit die Kontaktdaten nicht dauerhaft im Internet auffindbar sind.

    Screenshot der Alumni-Liste

    Auf dieser Liste im Internet ist auch Muggeridge mit seinen Fähigkeiten gelistet. Das Handelsblatt hat die Nachnamen und Mailadressen der ehemaligen Getyourguide-Mitarbeiter unkenntlich gemacht, damit die Kontaktdaten nicht dauerhaft im Internet auffindbar sind.

    Ein Arbeitgeber, der die Namen von Gekündigten für alle sichtbar ins Netz stellt? Sogenannte Alumni-Listen sind gerade in der Start-up-Welt Usus. Das Vorbild ist der US-Reiseriese Airbnb. Dort sind die Listen eine von vielen Maßnahmen, mit denen die Personalern Gekündigten bei der Jobsuche helfen.

    In Deutschland nutzte das Fintech Zeitgold zuletzt das umstrittene Kriseninstrument der Kündigungslisten. Das Vorgehen sei schon „seit vielen Jahren gängige Praxis“, weiß Christian Miele, Präsident des Bundesverbands Deutsche Startups. „Die Start-up-Szene hat gelernt, sich selbst zu helfen.“ Und tatsächlich fänden viele Menschen auf diese Art und Weise schnell einen neuen Job, sagt Miele.

    Doch ist das wirklich so? Und was sollten Arbeitgeber beachten, wenn sie Listen von Gekündigten ins Internet stellen? Ein Lehrstück in sechs Teilen.

    Lehre 1: Alumni-Listen müssen unbedingt freiwillig sein

    Ursprünglich war bei Getyourguide der Plan, „das Verzeichnis nur über die privaten Netzwerke unserer Manager zu verteilen, aber das übrige Team hat darum gebeten, ihren ausscheidenden Kollegen helfen zu können“, erklärt das Unternehmen. Daher habe man entschieden, es öffentlich zu machen. Lehre Nummer eins also: Die Freiwilligkeit ist entscheidend.

    So verwundert es kaum, dass sich Muggeridge etwas überrumpelt fühlte. Hätte er vorab geahnt, dass das Ganze für die breite Öffentlichkeit bestimmt ist, „hätte ich meine Daten wahrscheinlich nicht preisgegeben“, erzählt er.

    Dennoch ist der Manager seinem ehemaligen Chef dankbar für die „mutige und unterstützende Aktion“ mit der Alumni-Liste. Letztlich habe die Liste dabei geholfen, dass er schnell einen neuen Job mit sehr guten Konditionen gefunden habe – und zwar als Kundenbetreuer bei PeopleFlow, ein Tech-Start-up für das Personalwesen, das Unternehmen ermöglicht, Mitarbeiter überall auf der Welt rechtskonform einzustellen. Deren Management hatte die Liste direkt von einem Bekannten bei Getyourguide zugeschickt bekommen. Muggeridge: „Ich habe meinen neuen Vertrag genau zwei Wochen nach der Kündigungsmitteilung bei Getyourguide unterschrieben.“

    Lehre 2: Beim Datenschutz bewegen sich Unternehmen in einer Grauzone

    Was einfach klingt, birgt tatsächlich Gefahren: Denn üblicherweise sind Kündigungsdaten vertraulich – nicht zuletzt, weil Bewerber ungern offenbaren wollen, dass ein Unternehmen sie herausgedrängt hat. Schon gar nicht gegenüber potenziell neuen Arbeitgebern.

    Rein rechtlich gesehen handelt es sich bei den Details wie Vollnamen und E-Mail-Adressen „ganz klar um personenbezogene Daten“, erklärt Wolfgang Lipinski, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Beiten Burkhardt in München. Und die müssten immer dem „strengen Grundsatz der Verhältnismäßigkeit“ folgen – was bei Fällen wie Getyourguide zumindest anzweifelbar sei.

    „Vor allem ist fraglich, ob ein Arbeitgeber wirklich kein anderes wirksames Mittel hat, um Mitarbeiter an einen neuen Arbeitgeber zu vermitteln“, sagt Lipinski. Weil es zu Alumni-Listen wie denen von Getyourguide noch keine Rechtsprechung gebe, wertet der Restrukturierungsexperte das Vorgehen als Grauzone.

    Aus Sicht des Arbeitsrechtlers könnten Arbeitgeber das Risiko eines Rechtstreits minimieren, indem sie eindeutig zuordenbare Details wie Vollnamen, Mailadresse und Telefonnummer wegließen und stattdessen nur auf Informationen wie Alter und Qualifizierungsprofil verwiesen. „Das hat aus meiner Sicht einen ähnlichen Wert“, sagt Lipinski. Auch ob der Mitarbeiter bereit sei, den Ort zu wechseln, sei eine relevante Information für neue Arbeitgeber, die datenschutztechnisch unbedenklich sei.

    Lehre 3: Für die Personalsuche in Unternehmen bieten die Listen größere Transparenz

    Wie nützlich Alumni-Listen bei der Personalsuche sind, weiß Claudia Bolliger-Winkler. Sie ist Gründerin von Lionstep, einem Schweizer Start-up, das Unternehmen beim Recruiting hilft. Bolliger-Winkler ist über die Alumni-Aktion von Getyourguide auf das Instrument aufmerksam geworden und hat sofort Leute daraus in die eigene Kartei übernommen. „Auch etablierte Unternehmen sollten solch ein Instrument nutzen“, meint die Personalberaterin. Sie hofft dadurch auf mehr Transparenz im Recruiting-Bereich.

    Auch der neue Personalchef des Digitalversicherers Wefox, Michael Becher, der in den kommenden 18 Monaten etwa 1000 neue Verkaufsmitarbeiter einstellen möchte, hält die Listen für die Personalsuche in Unternehmen für hilfreich. Im Idealfall könnten Personaler dort Leute entdecken, die sie sowieso schon über ihre Netzwerke als potenzielle Mitarbeiter identifiziert hatten.

    Allerdings geben Unternehmen so auch mehr strategische Einblicke preis: So offenbart die Getyourguide-Liste etwa, dass das Unternehmen weniger im Management als bei den Betreuern der einzelnen Ländermärkte kürzt.

    Lehre 4: Die Listen haben einen Marketingeffekt für High Potentials ...

    Eine Entlassung ist für die Betroffenen immer noch ein Stigma. So sei der eigene Rauswurf für viele „schwer zu kommunizieren, auch wenn einen selbst gar keine Schuld trifft“, meint der Kölner Karrierecoach Bernd Slaghuis. Doch in der aktuellen Krise sehen Experten wie er eine höhere Bereitschaft, mit diesem Thema offen umzugehen. Schließlich sei in einer Lage wie dieser nachvollziehbar, dass eine Kündigung eher aus wirtschaftlichen Gründen erfolge – und weniger deshalb, weil sich ein Mitarbeiter etwas zuschulden hat kommen lassen.

    Eine Liste wie bei dem Reiseanbieter unterstreiche das, meint Slaghuis. Karrieretechnisch könnte es durchaus Sinn ergeben, sich auf so einer Liste einzutragen: „Schon allein um zu zeigen: Ich bin einer von vielen Betroffenen“, so Slaghuis.

    Der Karrierecoach sieht in dem Vorgehen von Getyourguide und Co. aber noch einen ganz anderen Vorteil: einen Marketingeffekt. „Das Ganze hat als konzertierte Aktion natürlich deutlich mehr Wirkung, als wenn jeder Mitarbeiter einzeln seine Fähigkeiten auf einer Jobplattform anpreisen würde.“ Die Liste hätte somit eine Art Gütesiegel-Funktion – schließlich bringe der ehemalige Arbeitgeber seine eigene Reputation mit ein, indem er die gekündigten Mitarbeiter weiterempfehle. Aus Sicht des Karrierecoachs könnte sich dieser Vorteil aber abschwächen, wenn immer mehr Arbeitgeber auf die gleiche Idee kämen.

    Lehre 5: ... aber der Preis dafür ist hoch

    Arbeitsrechtler Lipinski sieht keine Gefahr, dass zu viele Listen öffentlich werden. Er verortet das Instrument eher im Start-up-Milieu als in etablierten Konzernen. „Gerade in Unternehmen mit einem Betriebsrat werden solche Listen nur schwer durchsetzbar sein“, so der Experte – oder sie müssen explizit in Sozialpläne mitaufgenommen werden.

    Denn für Arbeitnehmer könnte sich die Eintragung auf so einer Liste unter Umständen auch negativ auswirken. Vor allem, wenn noch gar nicht offiziell gekündigt wurde, „spart sich der Arbeitgeber möglicherweise das Thema Abfindung“, sagt Lipinski. Auch könnten finanzielle Nachteile drohen, wenn eine Kündigung nachträglich als unwirksam bewertet wird. Schließlich habe sich der Arbeitgeber ja direkt um eine Anschlussbeschäftigung bemüht.

    Wichtig sei deshalb, dass Alumni-Listen erst öffentlich würden, wenn mögliche Sozialpläne stehen und Einzelgespräche mit Mitarbeitern abgeschlossen seien, in denen diese ihre Zustimmung zur Veröffentlichung gegeben haben, sagt auch Wefox-Personalchef Becher.

    Lehre 6: Alumni-Listen funktionieren gut als Ergänzung zu weiteren Maßnahmen

    Der Personaler sieht die Alumni-Listen vor allem dann als gutes Mittel, wenn ein Arbeitgeber sie in weitere Outplacement-Maßnahmen einbettet. Unter diesem Begriff wird ein Coaching-Prozess verstanden, der Arbeitnehmern den Übergang aus der alten in eine neue Stelle erleichtern soll. Becher: „Ich halte die Listen für eine sinnvolle Ergänzung zu einem weiterreichenden Aufwand. Es sollte aber nie die alleinige Maßnahme sein, um ausscheidende Mitarbeiter zu unterstützen.“

    So sieht das auch Airbnb. Dort kündigte das Management um Mitgründer Brian Chesky an: „Wir werden eine öffentliche Liste im Web schalten, um unseren Teamkollegen bei der Jobsuche zu helfen. Ausscheidende Angestellte können zustimmen, ihre Profile, Bewertungen und Arbeitsproben für potenzielle Arbeitgeber zugänglich zu machen.“ Zudem werde die Personalabteilung und freiwillige Kollegen ebenso wie eine externe Agentur bei der Jobsuche helfen. Und: Die Entlassenen dürften ihre Laptops behalten – auch dafür, um eine neue Stelle zu finden.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×