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04.12.2020

10:48

Handelsblatt Karrierecoach

Mein Team zerfällt in der Pandemie zusehends in Einzelkämpfer – Muss ich damit leben?

Eine Controlling-Leiterin sorgt sich in der Homeoffice-Situation um die Teamleistung, die merklich nachlässt. Wie kann sie die Qualität des Miteinanders wiederherstellen?

Handelsblatt Karrierecoach: In dieser Rubrik können Leserinnen und Leser ihre Fragen zu Job und Karriere stellen – die Antwort hat diesmal Führungscoach Michael Alznauer geliefert.

Handelsblatt Karrierecoach

In dieser Rubrik können Leserinnen und Leser ihre Fragen zu Job und Karriere stellen – die Antwort hat diesmal Führungscoach Michael Alznauer geliefert. Foto: Privat

Jede Woche präsentieren wir Ihnen an dieser Stelle eine Frage zu Job, Gehalt oder Karriere – mit einer Antwort eines unserer renommierten Experten. Wenn Sie auch eine Frage an den Handelsblatt Karrierecoach haben, schicken Sie uns eine Mail an: [email protected] – wir leiten Ihre Frage anonymisiert an unsere Experten weiter.

Das Problem in dieser Woche:

Vor dem ersten Corona-Lockdown legte Simone K., Leiterin der Controlling-Abteilung eines Versorgungsunternehmens, viel Wert auf eine harmonische und unterstützende Teamkultur. Mit tollen Resultaten: Ihre acht Mitarbeiter organisierten sich sehr selbstständig, fragten untereinander Hilfe an und ergänzten sich bestens. Und so waren alle im Sommer sehr stolz darauf, wie sie gemeinsam die Homeoffice-Herausforderung meisterten.

„Wir waren selbst etwas überrascht, wie gut wir alles hinbekommen haben. Aber während wir einander im Frühjahr echt vermissten, spürt man heute eine zunehmende Gleichgültigkeit im Team“, stellt Simone K. enttäuscht fest. „Wenn ich nichts initiiere, bleibt es mittlerweile bei unseren offiziellen Videokonferenzen. Untereinander passiert kaum noch was – und sogar unser Output sinkt.“

Die Führungskraft fragt sich, ob diese Entwicklung nur eine unvermeidliche Nebenwirkung der Pandemie ist und wie sie an der Situation etwas verbessern kann. Michael Alznauer, Führungsspezialist und Evolutionspsychologe aus Bonn, weiß Rat.

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    Karrierecoach Michael Alznauer antwortet:

    „In den letzten Monaten wurden gern Studien zitiert, in denen die Betroffenen ihre Zufriedenheit mit der Arbeit von zu Hause aus bekunden. Nur in den letzten Absätzen begegnen uns dort ein paar warnende Hinweise: Die Entgrenzung von Berufs- und Privatleben ist wohl für viele belastend, der persönliche Austausch mit den Kollegen und Kolleginnen wird vermisst, und nicht wenigen fehlt auch die gewohnte Struktur. Warum bereitete das kaum jemandem Sorgen? Nun, wir wollten uns wohl die Zuversicht und unseren Stolz auf das bisher Vollbrachte nicht vermiesen lassen. Zu Recht! Hunderttausende Menschen haben in den vergangenen Monaten Grandioses geleistet. Während aber vor Tausenden von Jahren unsere Ahnen den gemeinsamen Erfolg am Lagerfeuer gefeiert, Einzelleistungen in Heldengeschichten verewigt und das Band der Gemeinschaft gestärkt hätten, lächeln wir uns heute zwischen Kinderbetreuung und Abwasch über Zoom, Teams oder Skype zu.

    Die beschriebene Situation ist genau hier anzusiedeln.

    Handelsblatt_Karrierecoach

    Das Format

    Jede Woche präsentieren wir Ihnen an dieser Stelle eine Frage zu Job, Gehalt oder Karriere – mit einer Antwort eines unserer renommierten Experten. Sie haben auch eine Karrierefrage? Dann schreiben Sie uns >>> eine Mail an [email protected]

    Der Experte

    Diplom-Psychologe Michael Alznauer ist Geschäftsführer der LEAD2gether – Das Online-Führungssystem. Er ist Coach, Berater und Autor von „Das evolutionäre Führungsmodell. Sieben Kernaufgaben für eine erfolgreiche und effiziente Führungskraft“ (Springer, 2020)


    Die Energiequelle wieder sprudeln lassen

    Ihnen ist es offenbar in den Jahren vor der Pandemie gelungen, unterschiedliche Menschen rund um die gemeinsame Aufgabe zu einer echten Leistungsgemeinschaft werden zu lassen. Sie haben vermutlich für wechselnde Zusammenarbeit im Team gesorgt, den regelmäßigen Austausch untereinander und lebendige Begegnungen gefördert, um über Teamerfolge das gegenseitige Zu- und Vertrauen wachsen zu lassen. Solche Erfahrungen sind für Menschen seit Urzeiten sowohl sozialer Kitt als auch Energiequelle. Letztere spielt nicht nur für die Motivation eine große Rolle, auch die Kreativität und Inspiration der Gruppe werden aus ihr gespeist.

    Die für uns Menschen in der gemeinschaftlichen Arbeit so wichtigen Erlebnisse gehen aber gerade verloren. Zurzeit fehlt also die soziale Energie, die in der direkten Begegnung zwischen Menschen entsteht. Versuchen Sie daher, die aktuellen Entwicklungen in Ihrem Team so zu erklären und zu verdeutlichen. Damit können Sie auch der drohenden Vereinzelung entgegenwirken.

    Es besteht kein Grund zu resignieren. Alles, was Sie und Ihr Team aneinander und im Miteinander geliebt haben, ist noch da. Aber Sie müssen es jetzt aktiv am Leben halten. Und das geht so:

    1. Erklären Sie die Situation zur großen gemeinsamen Herausforderung

    Nutzen Sie die nächste Video-Besprechung dazu, an begeisternde Teammomente in der Vergangenheit zu erinnern. Gibt es Fotos aus diesen Zeiten? Eigentlich ein guter Zeitpunkt, um ein gemeinsames digitales Fotoalbum anzulegen, oder? Fragen Sie doch einfach einmal, wer Bilder und Erinnerungen beisteuern kann. Lassen Sie jeden spüren, wie stolz Sie auf die Gemeinschaft in Ihrer Abteilung sind – und dass es sich lohnt, für diesen Zusammenhalt zu kämpfen. Allen widrigen Umständen zum Trotz. Definieren Sie die Pandemie auch als Angriff auf Ihr grandioses Team.

    2. Schaffen Sie mehr übergreifende Aufgaben

    Jede Herausforderung, die sich nur mit vereinten Kräften meistern lässt, erzwingt quasi den Austausch und damit die Begegnungen untereinander. Deshalb sollten Sie der Versuchung widerstehen, kleinteilige Arbeitspakete zu schnüren, die jeder Ihrer Mitarbeiter für sich allein bewältigen kann. Das erleichtert vielleicht Ihre Organisation, reduziert aber die Anzahl der oben beschriebenen Gemeinschaftserlebnisse. Formulieren Sie immer wieder Aufgabenstellungen, für deren Bearbeitung zwei bis drei Personen nötig sind. Die Zusammenstellung dieser kleinen Gruppen sollte oft variieren.

    3. Kümmern Sie sich nicht allein um die Koordination

    Gerade bei der ,Führung auf Distanz‘ wächst bei vielen Verantwortlichen das Bedürfnis, alle Fäden bei sich zusammenlaufen zu lassen. Dadurch fördern Sie jedoch das Gefühl einer ,Käfighaltung‘ bei ihren Mitarbeitern: Man sitzt isoliert herum, bekommt seine Aufgabe und liefert ab. Teamgeist, Freude an der gemeinsamen Leistung und Loyalität entstehen so nicht. Fordern Sie deshalb regelmäßig dazu auf, sich untereinander selbstständig abzustimmen und auf dem Laufenden zu halten. Lassen Sie die Beteiligten dann beim nächsten virtuellen Teamtreffen darüber erzählen.

    4. Bleiben Sie mutig, und träumen Sie gemeinsam groß

    Wie möchten Sie und Ihre Mitarbeiter an diese Zeit zurückdenken? War 2020 dann ein böser Ausnahmezustand, das Ende einer tollen Zeit im Team – oder der Moment, der es erst richtig zusammengeschweißt hat? Der Moment, von dem man sich später gern zusammen die Fotos anschaut? Die Zeit, in der Ihre Abteilung zum Vorzeigebeispiel beeindruckender Moral und Gemeinschaftsleistung im Unternehmen wurde? Fangen Sie an, Kontakt zu anderen Teams in der Firma aufzunehmen. Lassen Sie Mitarbeiter untereinander und über die üblichen Abteilungsgrenzen hinweg von positiven Erfahrungen erzählen und gemeinsam mit dieser fremden Situation experimentieren. Geben Sie allen Beteiligten die Chance, aus dieser Zeit etwas Besonderes mitzunehmen.“

    Von

    ka

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