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30.03.2020

16:46

Interview

Douglas-Chefin Tina Müller: „Wir können eine ganze Weile aus eigener Kraft überleben“

Von: Corinna Nohn, Thomas Tuma

Tina Müller fordert in Zeiten der Herausforderungen durch Corona mehr Solidarität, verzichtet selbst auf Gehalt und sagt: Douglas wird gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Die Douglas-Chefin wies bei der einst darbenden Parfümeriekette zuletzt stets steigende Umsätze vor. imago/Future Image

Tina Müller

Die Douglas-Chefin wies bei der einst darbenden Parfümeriekette zuletzt stets steigende Umsätze vor.

Düsseldorf Der Parfümerie-Konzern Douglas der wegen der Corona-Pandemie nahezu alle europaweit 2400 Filialen geschlossen hat, will sich von seinen Immobilien-Partnern in der aktuellen Krise zwar Mieten stunden lassen. Aber eines sei „ganz klar“, sagte Douglas-Chefin Tina Müller im Handelsblatt-Interview: „Wir werden so einen Aufschub nicht auf dem Rücken der kleinen Privatvermieter austragen. In unserem Fall sprechen wir über etliche institutionelle Anbieter.“ Müller fordert: „Jetzt ist Solidarität gefragt.“

Viele Douglas-Partner seien „schon bereit, Zahlungen zu stunden.“ Es gehe jetzt um „Kooperationswillen. Immerhin machen wir zur Zeit null Umsatz in den Filialen, während die Kosten weiterlaufen. Das können wir nur gemeinsam stemmen“ – Belegschaft, Management, Vermieter und Lieferanten, mit denen sie im Gespräch sei.

Auch sie und ihr Top-Management wolle einen Beitrag leisten: Man habe „sich zu einem teilweisen Gehaltsverzicht bereiterklärt. Es geht um einen Verzicht im deutlich zweistelligen Prozentbereich, den rund zwei Dutzend Top-Führungskräfte leisten.“

Trotzdem setzt Müller auch auf den Staat: „Neben dem Kurzarbeitergeld handelt es sich dabei konkret um von der KfW abgesicherte Kredite, die wir gemeinsam mit unseren Hausbanken eventuell nutzen wollen.“ Diese „eher standardisierten Kreditprogramme“ seien „aber nicht zu verwechseln mit Staatshilfe im Sinne einer Staatsbeteiligung, wie man es aus der Finanzkrise kennt“.

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    Deutschlands größte Parfümeriekette, die zu 85 Prozent in Besitz des Finanzinvestors CVC und zu 15 Prozent Eigentum der Gründerfamilie Kreke ist, hat zwar zuletzt wieder Gewinne gemacht und wächst im Online-Bereich enorm, gilt aber als hochverschuldet. Doch das Unternehmer werde „gestärkt aus der Krise kommen“, sagt Müller.

    Bis zum Ausbruch der Coronakrise habe das Douglas-Geschäftsmodell „bestens funktioniert. Deshalb wehre ich mich auch dagegen, jetzt in einen Topf mit Firmen geworfen zu werden, die schon vor der Coronakrise in Schwierigkeiten geraten waren und nun wirklich ums Überleben kämpfen“, sagt Müller.

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Frau Müller, in welchem Zustand ist Douglas aktuell – und für welche Probleme ist Sars-CoV-2 verantwortlich?
    Bis in die ersten Monate dieses Jahres hinein waren wir auf einem hervorragenden Weg. Das für uns enorm wichtige Weihnachtsgeschäft hatte große Zuwächse gebracht. Unser Geschäftsmodell hat bestens funktioniert, deshalb wehre ich mich auch dagegen, jetzt in einen Topf mit Firmen geworfen zu werden, die schon vor der Coronakrise in Schwierigkeiten geraten waren und nun wirklich ums Überleben kämpfen. Aber natürlich haben auch wir jetzt große Herausforderungen angesichts der Pandemie.

    Eine Filialkette wie Douglas trifft vor allem die Schließung der Shops.
    Mitte März mussten wir international nahezu alle unsere 2400 Filialen schließen. Da geht es uns nicht besser oder schlechter als allen anderen Händlern. Zum Glück haben wir auch ein starkes E-Commerce Geschäft, das jetzt noch höhere Wachstumsraten aufweist. Trotzdem stellt uns die Situation vor große Herausforderungen, zumal der überwiegende Teil unserer rund 20.000 Beschäftigten Verkäuferinnen und Verkäufer sind…

    … die nun alle in Kurzarbeit sind?
    Ja, denn in den Filialen gibt es aktuell nichts mehr zu verkaufen. Der überwiegende Teil der Belegschaft nimmt an Kurzarbeiter-Programmen teil. Die sind von Land zu Land sehr unterschiedlich. Zur Zeit bauen wir zudem an vielen Stellen Überstunden ab. Immerhin: Wir waren schon vor der Krise die Nummer eins in Europa, was den E-Commerce in unserer Branche angeht. Diese Expertise kommt uns nun zugute, da wir ja quasi über Nacht zum reinen Onlinehändler geworden sind.

    „Die ganze Gesellschaft digitalisiert sich gerade mit enormem Tempo“

    Vor Corona machte der stationäre Handel rund drei Viertel der Douglas-Jahresumsätze von zuletzt 3,5 Milliarden Euro aus. Wieviel bricht aktuell pro Monat weg?
    Die gute Nachricht ist, dass das Online-Geschäft im Gegenzug nun teils förmlich explodiert, etwa in Südeuropa, wo Online bisher eher schwach ausgeprägt war. Unsere Kunden sitzen jetzt überall in Europa erzwungenermaßen zu Hause und haben mehr denn je großes Interesse an Körper-, Gesichts- und Haarpflege, Make-up oder auch Nahrungsergänzungsmitteln.

    Das dürfte nur einen Bruchteil Ihrer Ausfälle kompensieren.
    Der E-Commerce Umsatz ist in den letzten Wochen extrem angestiegen, und die ganze Gesellschaft digitalisiert sich gerade mit enormem Tempo. Wir hatten in Deutschland im letzten Quartal einen E-Commerce-Anteil von 32 Prozent. Meine persönliche Vermutung, dass sich das in den kommenden Jahren auf bis zu 50 Prozent zubewegen könnte, wird noch schneller Realität. Insofern wirkt Corona wie ein Katalysator. Wir werden als Douglas auch gestärkt aus der Krise kommen. Davon bin ich überzeugt.

    Wird eine Corona-Konsequenz sein, dass Sie Ihr Filialnetz nach der Krise weiter ausdünnen?
    Wir werden die Zahl der Stores sicher nicht erhöhen. Wir überprüfen regelmäßig unser Filialnetz, und Standortveränderungen sind Bestandteil des Tagesgeschäftes von Douglas und jedem anderen Einzelhändler, um zukunftsfähig zu bleiben. Wir werden das Filialnetz kontinuierlich den Marktgegebenheiten anpassen. Und wir wissen, dass Kunden Händler bevorzugen, die auf beiden Kanälen stark präsent sind. Neben der regelmäßigen Überprüfung unseres Filialnetzwerks investieren wir daher konsequent in die Modernisierung unserer Stores und in Neueröffnungen von Flagship Stores in Metropolregionen.

    In welchem Umfang wollen Sie aktuell von der neu geschaffenen Möglichkeit Gebrauch machen, Ihre Mietzahlungen ab April auszusetzen?
    Mit einer großen Zahl unserer Vermieter haben wir bereits gesprochen, um da einvernehmliche Lösungen herzustellen. Das läuft sehr konstruktiv.

    Andere Konzerne wie Adidas haben mit dem Schritt gerade echte Shitstorms provoziert. Verständlich?
    Da bitte ich um Ihr Verständnis, dass ich mich zu anderen Unternehmen nicht äußere. Wir jedenfalls wollen die Miete zwar aufschieben, aber nicht aufheben. Viele unserer Partner sind da auch schon bereit, Zahlungen zu stunden. Eines ist ganz klar: Wir werden so einen Aufschub nicht auf dem Rücken der kleinen Privatvermieter austragen. In unserem Fall sprechen wir über etliche institutionelle Anbieter. Wir sind ja allein in rund 200 Shoppingcentern vertreten. Jetzt ist Solidarität gefragt. Übrigens finde ich, dass dieser Akt des Miteinanders momentan für alle gelten muss.

    An wen denken Sie da?
    Mitarbeiter, Management, Vermieter und auch unsere Lieferanten wie etwa die großen Kosmetikkonzerne. Auch da erlebe ich aber aktuell viel Kooperationswillen. Immerhin machen wir zur Zeit null Umsatz in den Filialen, während die Kosten weiterlaufen. Das können wir nur gemeinsam stemmen.

    Schon Mitte März haben Sie angekündigt, alle staatlichen Angebote auf Unterstützung zu prüfen. Welche wollen Sie in Anspruch nehmen? Staatshilfen?
    Selbstverständlich prüfen wir auch für uns in Frage kommende staatliche Programme. Neben dem bereits erwähnten Kurzarbeitergeld handelt es sich dabei konkret um von der KfW abgesicherte Kredite, die wir gemeinsam mit unseren Hausbanken eventuell nutzen wollen. Diese eher standardisierten Kreditprogramme sind aber nicht zu verwechseln mit Staatshilfe im Sinne einer Staatsbeteiligung, wie man es aus der Finanzkrise kennt.

    Was tragen Sie persönlich zur Sanierung bei? Verzichten Sie und Ihr Führungsteam auf Gehalt?
    Darauf haben wir uns vergangene Woche geeinigt, ja. Es ist für mich selbstverständlich, dass auch das Management seinen Beitrag leistet und auf Gehalt verzichtet.

    In welcher Größenordnung?
    Das gesamte Top-Management hat sich zu einem teilweisen Gehaltsverzicht bereiterklärt. Es geht um einen Verzicht im deutlich zweistelligen Prozentbereich, den rund zwei Dutzend Top-Führungskräfte leisten.

    Der Kurs der Douglas-Anleihe ist zuletzt schwer abgestürzt. Wie soll das Vertrauen der Anleger jemals zurückgewonnen werden?
    Zu Jahresbeginn war unsere Anleihe wieder bei 100 Prozent. Das spricht dafür, dass unsere Strategie vom Kapitalmarkt verstanden und akzeptiert wurde. Eine durchaus starke Liquiditätsposition erlaubt es uns zudem, eine ganze Weile aus eigener Kraft überleben zu können. Aber natürlich leiden wir jetzt wie viele andere Unternehmen unter der schlechten Börsenstimmung. Das ist kein Douglas-Phänomen.

    Die Ratingagentur Standard & Poors (S&P) hat das Rating von Douglas gerade herabgestuft. Was bedeutet das?
    Die Rating-Agenturen prüfen aufgrund der Corona-Krise selbstverständlich die Auswirkungen auf das Rating aller Firmen, insbesondere im Retail-Sektor, weil dieser von Filialschließungen betroffen ist. Nur S&P hat sich bislang zu diesem Schritt entschieden, wohingegen die Rating Agentur Moody’s nach ebenfalls sehr detaillierter Prüfung das Rating zunächst beibehalten hat.

    Was sagen Ihre Hausbanken? Welche Kreditlinien haben Sie zur Verfügung?
    Wir sind solide finanziert. Insofern bin ich zuversichtlich, dass wir die Coronakrise liquiditätsmäßig meistern werden.

    Douglas leidet vor allem unter hohen Schulden. Für die ist auch der derzeitige Haupteigentümer verantwortlich, das britische Private-Equity-Haus CVC. Was erwarten Sie sich von den Entscheidern dort?
    CVC stand und steht fest an unserer Seite. Seit Beginn der Krise gibt es eine noch engere und konstruktive Zusammenarbeit mit dem Mehrheitseigentümer CVC wie auch mit dem Minderheitseigner, der Douglas-Gründerfamilie Kreke. Wir spüren da große Unterstützung in allen Geschäftsfragen.

    „Alle haben jetzt sehr viel mehr Zeit, sich zu pflegen“

    Die Frage bleibt: Wie lange hält das Unternehmen durch?
    Ich kann nur wiederholen: Wir sind gerüstet. Aber natürlich hoffen auch wir, dass durch die drastischen Maßnahmen des Shutdowns schnelle medizinische Erfolge eintreten.

    Alexander Dibelius, CVC-Partner und somit Ihr Miteigentümer, zettelte vergangene Woche im Handelsblatt eine provokante Debatte an, die seither bis in die Bundespolitik Wellen schlägt. Er fürchte sich mehr vor den wirtschaftlichen Folgen des Shutdowns als vor dem Virus, gestand er. Wie sehen Sie das?
    Da spricht immer zunächst der Mensch und die Bürgerin Tina Müller. In diesen Rollen sage ich: Es war richtig, dass unsere Regierung so drastische Maßnahmen eingeleitet hat. Je schneller wir die Kurven der Infektionen nach unten bekommen, umso besser für uns als Gesellschaft, wovon dann auch die Wirtschaft wieder profitiert. Jetzt geht es darum, Menschenleben zu retten. Punkt. Dann kommt eine lange Pause, und erst dann antwortet die Douglas-Chefin: Ich würde mich freuen, wenn das alles schnell gelingt. Natürlich habe ich ein hohes Interesse daran, dass mein Umsatz wieder steigt. Diese Entwicklung haben wir alle nicht vorhersehen können, und es stellt das gesündeste Unternehmen vor größte Herausforderungen, wenn plötzlich der größere Teil des Geschäftes ausfällt.

    Was bringt es Douglas eigentlich, den eigenen Online-Marktplatz neuerdings auch anderen, kleineren Händlern zu öffnen?
    Auch das sehe ich als solidarischen Akt. Aber natürlich versprechen wir uns davon auch selbst Vorteile. Immerhin verbreitern wir damit unser Sortiment. Und je mehr man heute bietet, desto stärker wird die Kundenbindung.

    Im Luxus- und Lifestylemarkt, zu dem auch Douglas zählt, brechen gerade komplette Branchen zusammen. Wie erleben Sie die Situation?
    Kosmetik insgesamt, auch die Luxus-Kosmetik, hat in der Krise vor allem für die weibliche Kundschaft weiterhin eine hohe Relevanz. Im Moment sehen wir daher auch keinen Rückgang bei Kosmetikprodukten. Wir haben ja schon in den letzten Jahren die Tendenz erlebt, dass sich das Leben stärker in den eigenen vier Wänden abspielt: mehr Wellness, Cocooning, Entspannung und Pflege. Jetzt sitzen alle zu Hause, können nicht mehr zum Friseur, nicht mehr zur Kosmetikerin. Alle haben sehr viel mehr Zeit, sich zu pflegen. Das alles hat nicht nur viel mit dem Thema Caring zu tun, sondern auch damit, sich und anderen etwas Gutes zu tun. Wir sind aufmerksamer, herzlicher, liebevoller – das erlebe ich im Übrigen nicht nur im Privaten, sondern auch als Führungsthema.

    Inwiefern?
    Die empathischen und fürsorglichen Facetten meines Führungsstils kommen in der aktuellen Situation stärker zum Tragen. Ich spüre einen starken Zusammenhalt im Douglas-Management-Team. Durch die vielen Videokonferenzen arbeiten wir besonders fokussiert und effektiv.

    Klingt fast, als sähen Sie sich neuerdings eher als „Mutter der Kompanie“, denn als „härteste Managerin Deutschlands“, wie Sie auch schon genannt wurden.
    Ich möchte mich gern von restriktiven und vielleicht häufig unbewusst genutzten klischeehaften Rollenbezeichnungen entfernen. Mein Anliegen jetzt jedenfalls ist es, Zuversicht zu vermitteln und gerade nach innen viel zu kommunizieren obwohl wir das nur virtuell machen können. Für jeden, der Eltern oder Verwandte über 80 hat, erhält das Thema der Distanz noch mal eine andere Relevanz. Ich hoffe auch, dass sich durch diese Erfahrungen der Werte-Kanon der Gesellschaft nachhaltig etwas verändern wird. Jetzt, da die Gesundheit vieler Menschen auf dem Spiel steht, wäre es auch mal an der Zeit, auf Social Media die dort übliche gehässige Tonalität zu beenden.

    Frau Müller, vielen Dank für das Interview.

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