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25.04.2022

12:52

Unternehmensführung

Dieser Introvertierte hat es zum Chef gebracht – fünf Tipps, wie Sie das auch schaffen können

Von: Julia Beil

Introvertiert und CEO? Das geht, auch wenn in der Chefetage eher extrovertierte Qualitäten gefragt sind. Worauf ruhigere Menschen achten sollten, die an die Spitze wollen.

CEO: Moritz Mann, Gründer und Chef von Protofy Protofy

Moritz Mann, Gründer und Chef von Protofy

Der 34-jährige Hamburger bezeichnet sich selbst als introvertiert.

Berlin Der Hamburger Gründer Moritz Mann steht nicht gern im Rampenlicht. Er hält fast nie Motivationsreden oder präsentiert wortreich die Unternehmenszahlen. Er ist kein typischer Manager – und doch hat er 40 Angestellte.

Mann, 34 Jahre alt und Chef der Digitalagentur Protofy, beschreibt sich selbst als introvertiert. Er fährt lieber allein Rennrad als Mannschaftssport zu treiben, hört in Diskussionen erst mal zu, statt selbst zu reden, und zieht das Eins-zu-eins-Gespräch der Bühne vor.

Seine Teammitglieder wissen zu schätzen, dass Mann sich nicht als Anführer sieht. „Hier muss zum Beispiel nicht jede Entscheidung über meinen Tisch gehen“, sagt er. Jedes Team definiere seine Ziele selbst und trage auch die Verantwortung für deren Erreichung.

Mann achtet außerdem besonders darauf, als Chef auch stillere High Potentials zu unterstützen. „Ich will nicht nur Laut- und Vielsprecher fördern“, sagt er. „Ich will ein Umfeld schaffen, in dem auch die Ruhigen es nach oben schaffen.“

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    Introvertiert und CEO: Noch immer klingt das für viele nach einem Widerspruch. Wer die Karriereleiter bis ganz nach oben klettern möchte, dem helfen auch in der heutigen Jobwelt die Eigenschaften, die zu eher extrovertierten Charakteren gehören: Dominanz, Enthusiasmus, Gesprächigkeit, bestimmtes Auftreten. Menschen, die gern netzwerken, sich in Meetings stets zu Wort melden und selbstbewusst von ihren Erfolgen erzählen, schaffen es eher in den Chefsessel als Einzelgänger und Tiefstapler.

    Introvertierte Chefs fördern Eigenständigkeit des Teams

    Dieses ungeschriebene Gesetz ist für viele Introvertierte auf dem Weg an die Spitze eine Hürde – die sie oft nur unter großen Anstrengungen überwinden. Das beobachtet auch Daniela Fink. Sie berät seit mehr als zehn Jahren Führungskräfte, hat unter anderem schon für SAP, die Deutsche Telekom und RTL gearbeitet. „Viele introvertierte Top-Führungskräfte haben das Gefühl, sich oft verstellen zu müssen. Das kostet sie viel Kraft“, sagt Fink.

    Dabei täten mehr introvertierte Manager der Arbeitswelt gut. „Introversion ist ein Skill, den wir in disruptiven Zeiten wie der jetzigen brauchen.“ Die meisten Unternehmen wünschten sich von ihren Mitarbeitern heute Eigenverantwortung und unternehmerisches Denken. Introvertierten Chefs, glaubt Fink, gelingt es häufiger als extrovertierten, ihre Mitarbeiter in dieser Eigenständigkeit zu fördern. Weil sie in der Regel gute Zuhörer und Beobachter seien, wüssten sie oft genau, wie und wo sie ihre Teammitglieder so einsetzen können, dass diese zu Höchstleistungen auflaufen.

    Trotzdem glaubt Fink, dass Introvertierte auch von ihren extrovertierten Kollegen lernen können. „Es geht nicht darum, aus einem ,Intro‘ einen ,Extro‘ zu machen, denn das funktioniert auch gar nicht“, sagt sie. „Aber genau wie jemand Extrovertiertes lernen kann, sich stärker zurückzuhalten und besser zuzuhören, können Introvertierte lernen, punktuell extrovertierter zu handeln.“

    Sichtbar, ohne laut zu sein

    Wie das geht, damit kennt sich Diana Gajic aus. Sie ist Senior Recruiterin und Personalentwicklerin bei der Deutschen Telekom. Gajic hat schon mit vielen introvertierten Führungskräften zusammengearbeitet, auch sich selbst bezeichnet sie als eher introvertiert. „Zurückhaltende Menschen können ihre extrovertierte Seite trainieren wie einen Muskel“, sagt die 36-Jährige. Sie hat fünf Tipps, die dabei helfen:

    1. LinkedIn nutzen
    Nicht nur Wortbeiträge in Meetings oder Konferenzen können im Job zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. „Sichtbar werde ich auch, wenn ich einen LinkedIn-Post absetze und darin Dinge äußere, über die ich mir vorher in Ruhe Gedanken machen konnte“, sagt Gajic. „Und das, ohne dass ich laut sein musste.“

    2. Gedankenprotokoll schreiben
    Wenn Diana Gajic zu einer Talkrunde oder einer Konferenz muss, schreibt sie sich zuvor ein Gedankenprotokoll mit vier oder fünf Stichpunkten. Darin enthalten: die Kernthesen und -aussagen, die sie ihrem Publikum vermitteln will.

    „Ich lerne die Punkte nicht auswendig, aber ich habe sie im Kopf, wenn ich in die Veranstaltung gehe“, sagt die Recruiterin. Zu dieser Art von „Anker“ rät sie allen Führungskräften, die sie als Personalentwicklerin begleitet.

    3. Proben
    Klingt banal, kann aber wirken: Proben Sie eine Präsentation zu Hause, bevor Sie sie im Job halten müssen. „Das funktioniert vor dem Partner, vor einer Freundin oder sogar vor dem Haustier“, sagt Gajic. Eine solche Probe kann Ihnen helfen, Stellen zu identifizieren, an denen Sie noch feilen müssen. Das wiederum gibt Sicherheit.

    4. Zeit fürs Netzwerken einplanen
    Diana Gajic blockt sich regelmäßig Zeiten in ihrem Kalender, die nur zum Netzwerken da sind. „Sobald ich den Blocker im Kalender habe, picke ich mir eine Vorgesetzte oder einen Kollegen heraus, springe über meinen Schatten und schreibe der Person: ,Hey, ich würde bei einem Mittagessen oder einem Kaffee gern mehr über Sie und Ihr Projekt erfahren!‘“

    Noch nie habe sie erlebt, dass jemand auf ein solches Treffen keine Lust gehabt habe. Und wer sich selbst zu solchen Terminen herausfordere, baue damit sein Netzwerk aus – „was gerade auf dem Weg ins C-Level sehr wichtig ist.“

    5. Freiwillig ein Herzensprojekt vorstellen
    Große Regeltermine im Unternehmen können Sie auch als Introvertierter für sich nutzen: indem sie darin Ihr eigenes Team und dessen Arbeit vorstellen oder ein Projekt, das Ihnen wichtig ist. Es braucht keinen konkreten Anlass, sagt Diana Gajic: Einfach vorher einen Zeitslot im Veranstaltungsprotokoll buchen, den Vortrag vorbereiten – und präsentieren.

    Wer Gajics Tipps befolgt, muss sich aus seiner Komfortzone heraus- und in die „Learning Zone“ hineintrauen. So nennt die Personalentwicklerin den Bereich, in dem Menschen wachsen und Neues lernen. Sie habe einen Schritt in diese „Learning Zone“ noch nie bereut.

    Denn wahrgenommen und gehört zu werden sei ein menschliches Grundbedürfnis. Auch von Introvertierten.

    Dieser Artikel erschien zuerst am 23.04.2022 um 14:17 Uhr.

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