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25.04.2019

19:59

Kolumne von Richard David Precht

Greta Thunberg braucht keine Nachhilfestunden

Von: Richard David Precht
Quelle:Handelsblatt Magazin

Kritiker werfen Aktivisten wie Greta Thunberg vor, wirtschaftliche Zusammenhänge zu ignorieren. Doch sie zeigen damit bloß ihre eigene Bequemlichkeit.

Richard David Precht: Kevin Kühnert wechselt die Fronten Michael Englert für Handelsblatt Magazin

Richard David Precht

In seiner Kolumne „Das letzte Wort“ widmet sich der Philosoph gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Themen.

Nach Arthur Schopenhauer durchläuft jedes Menschheitsproblem bis zu seiner Anerkennung drei Stufen: Erst wird es ignoriert und verlacht, dann bekämpft, und am Ende gilt das einstmals völlig Verrückte als so selbstverständlich, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass es mal anders war. Genau so wurden in unseren Gesellschaften in jahrhundertelangem Kampf die Sklaverei und die Kinderarbeit abgeschafft und die Rechte der Arbeiter und Frauen erstritten.

In unserer rasenden Gegenwartsgesellschaft dagegen braucht es manchmal keine Jahrhunderte, ja, nicht einmal Jahre. Seit die schwedische Schülerin Greta Thunberg im Dezember auf der UN-Klimakonferenz in Kattowitz ihren flammenden Appell für den Klimaschutz gehalten hat, geht alles ganz schnell.

Nur ganz kurz jammerten die Kultusminister, die Schüler sollten ihre Klimaproteste doch lieber außerhalb der Schulzeit verlautbaren. Erst kommt die Schule, dann das Überleben. Allein Christian Lindner schlüpfte mutig in die undankbare Rolle des Meckeronkels. Die Schüler sollten sich „lieber über physikalische und naturwissenschaftliche sowie technische und wirtschaftliche Zusammenhänge informieren“.

Lieber das Klima studieren, als gegen den Klimawandel zu protestieren – darauf muss man erst mal kommen. Immerhin wurde so auch die zweite Stufe von Schopenhauers Treppe im Nu genommen. Und nun sind alle Greta-Thunberg-Fans, preisen sie mit goldenen Worten und Goldenen Kameras und loben unsere engagierte Jugend, der man schon so lange nichts mehr zugetraut hat, schon gar nicht etwas Kritisches.

Der Appell, dass wir nicht so weiterleben dürfen wie bisher, rührt die Nation zu Tränen. Wie gerne hören wir das Mädchen, das uns mit wahren, aufrichtigen Worten belehrt, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Dass wir in den reichen Ländern von heute an auf vieles verzichten müssen: Energieverschwendung, Massentierhaltung, Plastikprodukte, Flugreisen. Ja, solche Verbote rühren uns, wenn sie von kleinen schwedischen Mädchen kommen.

Bedauerlicherweise aber rühren sie uns nicht, wenn die Bundesregierung oder die EU sie erlässt. Dann sehen wir unsere Freiheit bedroht und wollen kein „Moralweltmeister“ sein, weil die anderen ja schließlich auch nicht... Und all die Arbeitsplätze! Man stelle sich des Ernstes halber einmal vor, wir verdreifachten die Steuern auf Flugbenzin?

Malle ist dann nicht mehr dreimal im Jahr, sondern gar nicht mehr. Lufthansa und Ryanair entlassen Massen von Beschäftigten. Die Reiseveranstalter und Hotelketten gehen pleite. Von Spanien bis Bulgarien bricht der Tourismus ein, die Arbeitslosigkeit wächst enorm, undemokratische Regierungen bemächtigen sich der Länder. Und wer will all die Bulgaren und Rumänen, die heute in den bald geschlossenen deutschen Schlachthöfen arbeiten, guten Gewissens in solche Länder zurückschicken?

Das sind die „wirtschaftlichen Zusammenhänge“, von denen Lindner gesprochen hat und die man in der Schule lernen soll. Und von all dem versteht die kleine Greta nichts, weil sie pausenlos durch die Welt reist, statt in die Schule zu gehen. Und was sie auch nicht versteht, ist, dass es uns gar nichts ausmacht, ihr tränengerührt zu applaudieren und weiter prima zu leben und zu verschwenden.

Weil jeder von uns die Kulturtechnik der Postmoderne längst verinnerlicht hat: zwei einander widersprechende Gedanken so im Bewusstsein zu speichern, dass sie dort nicht zusammentreffen. Kapitalismus, dauerhaftes Wachstum und global steigender Wohlstand auf der einen, echte Nachhaltigkeit und wirklicher Verzicht auf der anderen Seite – das geht nicht. Oder nur auf den schönfärberischen Plakaten der Grünen.

Und deshalb werden wir einfach so weitermachen, bis die ganze Erde vollständig zerstört ist. Denn all das ist alternativlos. Und ist es nicht besser, gar nicht zu existieren, als ohne Energieverschwendung, Massentierhaltung, Plastiktüten und Flugreisen zu existieren?

Richard David Precht, 54, lehrt Philosophie und schreibt Bücher. Auch sein aktuelles Werk, „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ (Goldmann), ist ein Bestseller.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°3/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 26. April 2019 am Kiosk erwerben.

Kommentare (3)

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Herr Niklas Bauer

26.04.2019, 09:43 Uhr

Abschaffung der Sklaverei und die Greta zu vergleichen... es geht Precht um die Besetzung der Moral und nicht um Wahrheit. Jeder ist gegen Sklaverei... Jeder möchte auf der guten Seite stehen. So einfach ist es aber nicht.
Die Probleme (Aufgaben...) sind komplex geworden. Eine Lösung für das Klimaziel wäre Atomenergie...
Das passt aber den Dampfplauderern auch nicht. Nicht wegen der möglichen Gefahren und Endlager Problemen (die Lösbar sind...) sonder weil es moralisch negativ besetzt ist.
Ebenso wird gegen Kapitalismus (haben wir in D nicht...) und Wachstum Stellung bezogen. Das wird ja wieder Mainstream...
Wenn wir verzichten, hungert die Welt. Wir werden mit Solar und Windenergie nicht unseren Energiebedarf decken können (Mal rechnen: es gibt heute Tabellenkalkulation Software umsonst,...). Elektroautos sind Umwelt technisch eine Katastrophe.
In vielen Städten ist der Nahverkehr am Limit weil nicht ausgebaut werden kann (Geld, Bürgerinitiativen,...).
Das ist in einer Demokratie so... man lernt es in der Schule. Die Generation Greta lernt das jetzt "the hard way". Oder ist es Zeit für eine Diktatur???
Auf jeden Fall helfen Herr Precht mit seiner Apokalypse nicht weiter...

Herr Jürgen Himbert

26.04.2019, 17:22 Uhr

Ich bin weder für noch gegen Atomkraft, aber ich hätte es gerne so, dass alles was im Rahmen des machbaren möglich ist auch haben will. Meine Frau und ich geben gerne mal etwas mehr Geld aus, aber es sollte schon in einem gewissen Rahmen stehen. Über das vorletzte Wochenende waren wir in Genf. Wir hatten uns gedacht, dass wir etwas tun können, wenn es schon in unserer Macht liegt gegen Atommüll etwas zu tun.
Wir haben also irgendwann ein Patent angemeldet und diese Entwicklung in Genf vorgestellt. Das Ergebnis war eine Silbermedaille. Bei You Tube können Sie sich das Ansehen. https://youtu.be/yaI863l_r7k: Leider ist nichts dazu in der Presse gekommen. So wird es jetzt wahrscheinlich in´s Ausland gehen. Aber Deutschland hat sich ja schon reichlich Mühe gegeben die Karre gegen die Wand zu fahren. Und wenn mann sich diese Regierung anschaut dann hat man sehr viele Wünsche um da einiges zu ändern. Für da einiges zu ändern bin ich nicht nicht geeignet. Auf jeden Fall hat die Dame Greta Thunberg schon sehr viel erreicht und ich wünsche ihr noch viel Glück, dass hier "Neidhammel" am Werk sind, ist schon mehr als Normal.
Sie hat alles richtig gemacht. Und je mehr da mitmachen um so besser wird es werden.

Herr J.-Fr. Pella

01.05.2019, 11:49 Uhr

Offensichtlich gibt es noch viele Mitbürger, auch von den Medien, die der Nachhilfe bedürfen.
Aber bald sind ja Wahlen.

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